sehepunkte 26 (2026), Nr. 1

Sven Günther (ed.): Roman Empire

Jeder Mensch, der sich bemüht, eine Einführung, einen Überblick, ein Handbuch oder einen Companion zu historischen Gegenständen, spezifisch zur römischen Geschichte, zu verfassen, sieht sich mit ähnlichen Problemen konfrontiert: Die Zahl der Themen, die eigentlich zwingend behandelt werden müssten, ist enorm, der Raum meist begrenzt. Fragen der Auswahl und der Anordnung des Stoffs kommt daher besondere Bedeutung zu. Das hier anzuzeigende, von Sven Günther herausgegebene Handbuch hat mit immerhin 542 Seiten einen erheblichen Umfang, sodass die vorgegebene Zeichenzahl die Textgestaltung zumindest nicht diktiert hat. Die Leitfragen wurden jedenfalls zum Teil von dem Reihenkonzept vorgegeben, um Vergleichbarkeit herzustellen. Die beiden Bände zum Hethiter-Reich (Stefano de Martino 2022) und zum Neo-Assyrian Empire (Simonetta Ponchia und andere 2024) sind denn auch ähnlich, allerdings nicht gleich aufgebaut.

Die Darstellung setzt mit einer Einleitung des Herausgebers ein, die auf de facto fünf Seiten eine gelungene Einführung in die größeren Forschungsströmungen zur römischen Geschichte, mit Schwerpunkt auf der Kaiserzeit, bietet. Der Hinführung schließt sich ein erster, vorbereitender Block mit Beiträgen zu den literarischen Quellen (Zhongxiao Wang) und den sogenannten Grundwissenschaften sowie archäologischen Methoden (Sven Günther) an. Zu diesem Startblock zählt auch noch eine Einführung in antike Raumvorstellungen (Maxine Lewis). Auch Marco Vitales Abschnitt zu Visualisierungen des Imperiums wird man noch den Grundlegungen zurechnen dürfen. Es folgen Kapitel zu den klassischen Handbuchthemen. Hendrikus van Wijlick liefert präzise Daten zu der Einrichtung römischer Provinzen und territorialen Rückschlägen des Imperiums. Es schließt sich erneut ein Beitrag Sven Günthers an, der die exzellente Kenntnis des Autors über das römische Steuersystem im Wandel der Zeit belegt, von der Überschrift "Genesis, Rise, Heydays, Decline and Collapse" aber versteckt wird. Günther thematisiert im Anschluss auch die Probleme des biographischen Zuschnitts unserer Quellen. Der folgende Block behandelt die klassischen Themen römischer Sozialgeschichte, das heißt die Administration (Christer Bruun), die sozialen Eliten (Andreas Klingenberg) und die Armee (Paul Erdkamp). Die vielleicht spannendsten Beiträge des Bandes diskutieren, ob die imperialen Entscheidungseliten Strategien entwickelt und solche Zielsetzungen auch über einen längeren Zeitraum verfolgt haben (Kee-Hyun Ban; François Gauthier). Spannend sind diese Kapitel, weil sie nicht einfach die Verfluchungen von Edward Luttwak aus dem althistorischen Katechismus wiederholen und seine Studie zur Grand Strategy Roms von 1976 auch nicht auf seine Thesen zur imperialen Durchdringung von Peripherien reduzieren. Vielmehr historisieren sie Luttwaks Konzept konsequent. Luttwaks Parallelisierungen zwischen Rom und den USA bleiben obsolet. Doch besteht durchaus die Möglichkeit, dass die Zentralregierung vorhandene Machtmittel längerfristig gegeneinander abgewogenen Aufgaben zuordnete.

Es schließt sich eine Fallstudie zur Selbstdarstellung der Severerdynastie und vor allem ihrer Anfänge unter Septimius Severus an (Elisabeth Günther). Dem essenziellen Bereich der Religionen des Römischen Reichs werden angemessener Weise zwei Kapitel gewidmet. Wolfgang Spickermann gibt einen Überblick über typische religiöse Phänomene der Hohen Kaiserzeit. Gian Franco Chiai führt eine intensive Fallstudie zu einer Form des nicht-christlich-jüdischen Monotheismus durch, die überzeugend, aber für das Handbuch-Genre untypisch ist. Patrick Reinard stellt eine Vielzahl von Formen ökonomischen Handelns im Imperium vor, legt den Schwerpunkt wie in den letzten Jahrzehnten üblich aber vor allem auf das Thema der Transaktionskosten im Imperium und auf die Mobilität von Menschen und Gütern. Dem römischen Recht und seinem komplexen, von Subsidiarität geprägten Verhältnis zu anderen Traditionen ist das Kapitel von Constantin Willems gewidmet, Philipp Deeg bespricht kaiserliche Reaktionen auf Naturkatastrophen. Genevieve Gesserts Beitrag beschließt den Band mit einer Abhandlung zu der medialen Evozierung Roms im Faschismus. Da Sven Günther den Band mit einer Diskussion eines konkreten Objekts dieses Typs eröffnet, ist das Handbook also ringkompositorisch angelegt. Der letzte Beitrag bleibt gleichwohl etwas isoliert.

Das Handbook führt in ein breites Spektrum wichtiger Themen ein. Die Beiträge sind unterschiedlich lang, überblicken ihre Inhalte aber in aller Regel von der Höhe der Forschung aus. Der Herausgeber kündigt in der Einleitung wie seit Mommsen üblich auch die Sicht auf und aus den Provinzen an, was ebenfalls schon seit Mommsens Tagen wegen der Fragmentierung des Materials nicht recht gelingen will. Aber gerade die Kapitel zu Religion, Wirtschaft und Recht geben doch genügend Einblicke in das Spektrum von Vorstellungen, Handlungen, Interessen und Motiven der Bevölkerungsmehrheit, um auch diese imperiale Dimension präsent zu halten.

Es ist die Pflicht von Rezensent*innen, auch auf Schwächen der vorzustellenden Werke einzugehen. Der vorliegende Band zeigt etwa Spuren der typischen Probleme, e pluribus unum zu schaffen. Die meisten Beiträge bieten Überblicke oder doch ansatzweise Langzeitperspektiven. Sie sind genretypisch, bleiben allerdings bisweilen etwas unambitioniert. Andere Kapitel dagegen wie das von Elisabeth Günther gehen nur Fallbeispiele aus einzelnen Phasen (hier der Severerzeit) durch.

Bedeutsam sind die Unterschiede in den Herangehensweisen eigentlich nur in einer Hinsicht: bei der Konturierung des Untersuchungszeitraums. Schon republikanische Phänomene werden von den Beitragenden oft nur exemplarisch diskutiert. Die spätrömische Zeit wird in vielen Einträgen jedoch höchstens noch stiefmütterlich behandelt. Paul Erdkamp bietet einen souveränen Durchgang durch die Formen der römischen Militärorganisation von der Mittleren Republik bis in die spätere Spätantike. Christer Bruun dagegen erklärt bereits die Beschäftigung mit der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts zur Narretei, weil es nicht genügend Karriereinschriften gebe. Die Aussparung der Spätantike in den meisten Beiträgen lässt sich nach Ansicht des Rezensenten nicht mehr, wie in der Einleitung unternommen, forschungsgeschichtlich erklären. Mitglieder der Fachcommunity können den Beiträgen vielleicht gerade aufgrund der unterschiedlichen Zuschnitte interessante Einsichten abgewinnen. Aber für Studierende, die für ein Handbuch doch vermutlich ein wichtiges Publikum bilden sollen, könnten die Variationen in den Darstellungszeiträumen Einordnungsprobleme mit sich bringen. Schließlich ist der Band Teil der Reihe "Empires through the Ages in Global Perspective". In der Tat wurde jeder Eurozentrismus in der Darstellung gemieden. Grundsätzlich sind die bisher erschienenen Bände ähnlich aufgebaut. Aber eine globale Perspektive im engeren Sinn des Wortes hat Sven Günther wohl in seinem Nachwort zur Geltung kommen lassen - sonst bleibt sie randständig. In diesem Punkt sind die einschlägigen Publikationen von Walter Scheidel und Peter Bang weiterhin erste Wahl.

Diese kleineren Kritikpunkte sollen aber die Gesamtleistung des Handbuchs nicht schmälern. Sven Günther und seinen Mitstreiter*innen ist ein wertvoller Zusatz zu neueren Überblicken und Einführungen zu verdanken, deren Kapitel stets durch hohe Sachkenntnisse und immer wieder auch durch neue Ansätze bestechen.

Rezension über:

Sven Günther (ed.): Roman Empire. A Handbook (= Empires through the Ages in Global Perspective; Vol. 3), Berlin: De Gruyter 2025, X + 542 S., 11 Farbabb., 1 Tbl., ISBN 978-3-11-061797-9, EUR 174,95

Rezension von:
Peter Eich
Albert-Ludwigs-Universität, Freiburg
Empfohlene Zitierweise:
Peter Eich: Rezension von: Sven Günther (ed.): Roman Empire. A Handbook, Berlin: De Gruyter 2025, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 1 [15.01.2026], URL: https://www.sehepunkte.de/2026/01/40307.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse an.