Die letzte Phase des Zweiten Weltkriegs ist zunehmend in den Fokus der Konzentrationslager- und Holocaustforschung gerückt. So sind es gerade jüngere Studien, Projekte und Konferenzen, die den radikalen Wandel des Konzentrationslagersystems im letzten Kriegsjahr untersuchen und das Reich als Tatort entfesselter Gewalt hervorheben. Auch Janine Fubels Arbeit über den Lagerkomplex Sachsenhausen 1945, die 80 Jahre nach Kriegsende erschien, ist dieser Forschungsperspektive zuzuordnen. Sie setzt sich zum Ziel, die Räumung des Konzentrationslagers akteurszentriert durch die Linsen Raum, Bewegung und Gewalt zu beleuchten. Innovationspotenzial birgt insbesondere ein dualer Ansatz, der den Gegenstand
"[a]n der Schnittstelle der Holocaustforschung als Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts mit jüngeren Ansätzen der Militär- und Sicherheitsgeschichte" (8) erforschen möchte. Damit greift Fubel nicht zuletzt ein Forschungsanliegen auf, das eine stärkere Verzahnung von Krieg und Holocaust postuliert.
Der Hauptteil der Studie ist untergliedert in zwei große Teile: Der kleinere nimmt etwa ein Drittel des Werks ein und legt das kontextuelle Fundament der Arbeit. Kenntnisreich führt Fubel zunächst in den östlichen Kriegsschauplatz zwischen Vernichtungs- und Rückzugskrieg ein. Im Fokus der Untersuchung stehen die in die Mobilisierungs- und Räumungsprozesse involvierten Akteursgruppen (SS, Polizei, Wehrmacht, Partei) sowie entsprechende Strategien und Befehlsketten. Auffällig ist hier, wie umsichtig und detailliert die Autorin in Terminologie und Konzepte, insbesondere aber die Geschichte des Lagerkomplexes Sachsenhausen, einführt und somit den Brückenschlag zwischen den berührten Forschungsfeldern begrifflich vollzieht. Wie auch an späteren Stellen wäre jedoch bereits in diesem Kapitel umfangreicheres Kartenmaterial wünschenswert gewesen, um dem topografischen Anspruch der Studie angemessen Rechnung zu tragen.
Chronologischen Linien folgend, bietet Fubel im zweiten Teil der Analyse eine stimmige Periodisierung der Räumungsphase des Lagerkomplexes Sachsenhausen in drei Teile (Januar, Februar/März, April/Mai 1945). Jedem ist eine schematische Untersuchung des Geschehens an der deutsch-sowjetischen Front des militärischen Hinterlandes, in dem die Lager des Komplexes Sachsenhausen ab Januar 1945 gelegen waren, vorangestellt. In dieser Konstellation betitelt die Verfasserin die Phase, in der die Rote Armee in Richtung Oder vorstieß als "Alarmzeit" (Januar 1945). Auf Anordnung des SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamtes und unter Einfluss der nun an Macht gewinnenden Höheren SS- und Polizeiführer begann die Sachsenhausener Kommandantur im Januar 1945 mit der Ausarbeitung konkreter Evakuierungspläne. Fubel beschränkt sich nicht darauf, die ersten Auflösungen der östlich der Oder gelegenen Außenlager sowie die Situation der in Ostbrandenburg befindlichen Außenlager des KZ Sachsenhausen zu analysieren, die nun vor allem als Aufnahmeorte bereits geräumter Lager dienten. Sie richtet den Blick zugleich auf das gesamte System nationalsozialistischer Zwangslager und Haftanstalten im militärischen Hinterland. Im Sinne der von ihr gesetzten Leitplanken wird deutlich, dass Konzentrationslager nicht isoliert betrachtet werden können. Diskussionswürdig bleibt jedoch, ob der von ihr gewählte Terminus "Deportationen" für Häftlingsbewegungen innerhalb des Lagersystems pauschal geeignet ist. Hier wäre eine begriffliche Abgrenzung von den staatlich organisierten Verschleppungen von Jüdinnen und Juden oder den als 'Zigeuner' verfolgten Menschen aus ihren Wohnorten in die Konzentrations- und Vernichtungslager oder Ghettos wünschenswert gewesen.
In der folgenden "Spannungszeit" (Februar/März 1945) befand sich die SS zwar in höchster Alarmbereitschaft, hatte durch den vorläufigen Stopp des Vormarsches der Roten Armee jedoch Handlungsspielräume gewonnen. In dieser Phase der "Konsolidierung" leitete die SS geplante Gefangenenrückführungen (zum Beispiel aus dem "Judenlager" Lieberose) ein, ließ kranke und unliebsame Häftlinge systematisch ermorden und die Spuren der Massenverbrechen verwischen. Fubel betrachtet dabei verschiedene Akteursgruppen des Lagerkomplexes Sachsenhausen, wie zum Beispiel die SS-Sondereinheit Dirlewanger, die neu aufgestellte Lagerpolizei sowie Mordexperten, die zuvor im östlichen Teil des Konzentrationslagersystems tätig gewesen waren. Dabei bewahrt die Autorin stets einen kritischen Blick, was sich exemplarisch in ihrer Einschätzung des "Kommandos Moll" und der Rolle des SS-Täters Otto Moll in den Krankenmorden im Lagerkomplex Sachsenhausen im Frühjahr 1945 zeigt. Unter dem Aspekt "Unruhe im Lager" analysiert Fubel in diesem Kapitel außerdem die Reaktionen der betroffenen Häftlinge.
Im letzten Unterkapitel (April/Mai 1945) beleuchtet die Autorin die endgültige Räumung des Lagerkomplexes. Im Fokus steht die "Evakuierung" des Sachsenhausener Hauptlagers nach Nordwesten. Fubel nimmt dabei auch die Rolle der Bevölkerung und des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK), das versuchte, die Häftlinge mit Lebensmittellieferungen zu unterstützen, in den Blick. Daneben bespricht sie die Situation verbleibender Außenlager, wie zum Beispiel des Außenlagers Schwarzheide für jüdische Häftlinge, das die SS in die entgegengesetzte Richtung räumen ließ. An Passagen wie dieser (und vielen weiteren) zeigt sich die besonders zugespitzte Situation der als 'Jüdinnen' und 'Juden' inhaftierten Gefangenen. Angesichts der Datenlage ist es mindestens eine verpasste Chance, dass die Autorin es über weite Strecken versäumt, die letzte Phase des Lagerkomplexes Sachsenhausen noch deutlicher vor dem Hintergrund der Geschichte des Holocaust zu verorten. So ließe sich zum Beispiel ausführlich diskutieren, ob auch nach Auschwitz die auf einer "absoluten Feinddefinition" [1] beruhende Hierarchisierung zwischen jüdischen und nichtjüdischen Häftlingsgruppen bestimmend blieb oder ob sich, im Sinne von Himmlers Faustpfandpolitik, tatsächlich eine "Nivellierung" [2] zwischen den Gruppen abzeichnete. Erst im Schlusskapitel stellt Fubel, dies jedoch plausibel, Brüche und Kontinuitäten ("Holocaust vor Ort") explizit heraus.
Insgesamt aber stellt Fubels Studie auf hervorragende Weise zur Schau, wie die Auflösungsphase des Lagerkomplexes Sachsenhausen vom Frontgeschehen sowie gezielten Planungen und einer komplexen Befehls- und Akteursstruktur geprägt war. Auf Grundlage einer eindrücklichen Quellenbasis widerlegt sie Deutungen, die die Endphase primär als durch das Chaos bestimmt deuten. Ihr kombiniertes Vorgehen zwischen militärhistorischer und Konzentrationslager-Forschung dürfte eine Leserschaft beider Disziplinen ansprechen und zeigt zugleich methodische Perspektiven auf, die für künftige Studien zu weiteren Lagerkomplexen unverzichtbar sein dürften. Schlussendlich ist zu würdigen, dass die Arbeit bei all ihrer inhaltlichen Dichte stets zugänglich verfasst ist.
Anmerkungen:
[1] Marc Buggeln: Das System der KZ-Außenlager. Krieg, Sklavenarbeit und Massengewalt, Bonn 2012, 165.
[2] Stefan Hördler: Ordnung und Inferno. Das KZ-System im letzten Kriegsjahr, Göttingen 2020, 474 f.; Jens-Christian Wagner: Produktion des Todes. Das KZ Mittelbau-Dora, Göttingen 2015, 375f.
Janine Fubel: Krieg, Bewegung und extreme Gewalt. Die Auflösung des Konzentrationslagers Sachsenhausen, Göttingen: Wallstein 2025, 496 S., diverse s/w-Abb., ISBN 978-3-8353-5839-3, EUR 42,00
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