Der Sammelband betrachtet einen bis dato wenig erforschten Teilaspekt der (west)deutsch-polnischen Beziehungen nach dem Zweiten Weltkrieg. Anders als der Untertitel suggeriert, konzentrieren sich die Beiträge auf die Jahre um 1960, punktuell erweitert um die Jahrzehnte davor und danach. Dabei gelingen durchaus interessante Einblicke in Spezialthemen, die vor allem das Bild jenseits der offiziellen politischen Beziehungen zwischen der BRD und der Volksrepublik ergänzen und bereichern.
Der knapp 200 Seiten zählende Band versammelt neun Beiträge von Autorinnen und Autoren aus Deutschland und Polen, die unterschiedliche Bereiche der Kultur- und Geschichtswissenschaft vertreten. Er geht zurück auf eine Tagung, die jedoch in der Einführung nicht weiter thematisiert wird. Das ist insofern bemerkenswert, als es möglicherweise für die Leserinnen und Leser interessant gewesen wäre, zu erfahren, ob dort weitere Themen präsentiert wurden, die nicht Eingang in die Publikation gefunden haben. Die vorgelegten Artikel berühren sehr vielfältige Aspekte der deutsch-polnischen Kulturbeziehungen, die in der vorliegenden Rezension nicht alle besprochen werden können. Ein impliziter "roter Faden" lässt sich jedoch in der Gesamtschau identifizieren, nämlich das Wechselverhältnis von individuellen Akteuren und Institutionen.
Besonders deutlich lässt sich diese Problematik anhand des Beitrags von Margarete Wach "Festivals, Kommunalkinos, Filmklubs. Polnisch-westdeutscher Filmtransfer im Windschatten von Tauwetter und Ostpolitik" darstellen. So wird der Einfluss einzelner Akteure wie etwa des aus Łódź stammenden West-Berliner Filmproduzenten Artur Brauner herausgearbeitet, der grenzüberschreitende Kinoprojekte initiierte und förderte, was nicht zuletzt auf seine eigene biografische Nähe zu Polen zurückzuführen ist. Der Produzentin Renate Ziegler (ebenfalls aus West-Berlin) sei die internationale Karriere von Krzysztof Zanussi maßgeblich zu verdanken, so Wach. Ulrich und Edith Gregor, die das Programmkino "Arsenal" gründeten und betrieben, setzten dort ihre "eigenen Wertvorstellungen und Anschauungen" (76) um und präsentierten dem Publikum Filmproduktionen von jenseits der Oder in regelmäßigen "Polnischen Filmwochen". Neben solchen engagierten Einzelpersonen spielten auch "Vermittlungsinstanzen" wie einerseits Filmfestivals (Interfilm Wiesbaden, Kurzfilmtage Oberhausen) und andererseits "Diskutierfilmklubs" in der Volksrepublik eine wichtige Rolle, die im Rahmen staatlicher Kulturpolitik den westdeutschen Arthouse-Film dem polnischen Publikum vermittelten. Nicht zuletzt war die individuell angeregte und institutionell verfestigte Vernetzung über die Grenze für viele, später international bekannte und anerkannte, polnische Filmemacher eine Möglichkeit, "die offizielle Ebene zu umgehen und die Zensur zu unterlaufen", resümiert Wach (99).
Anschaulich beschreibt Andreas Lawaty die Entstehungsgeschichte des Deutschen Polen-Instituts (DPI) in Darmstadt. Hier war es zunächst auch das persönliche, ebenfalls biografisch begründete, Engagement eines Einzelnen, des Gründers Karl Dedecius, das eine kulturelle Brücke in die Volksrepublik entstehen ließ. Hierbei mussten einige institutionelle Hürden überwunden werden; anders als jedoch im Fall einiger von Wach beschriebener Filmfestivalleiter, die von offiziellen Stellen in der Bundesrepublik in ihrem Engagement ausgebremst wurden, scheint Dedecius zur DPI-Gründung geradezu gedrängt worden zu sein (104), denn bis dato war er nicht in institutionellen Kontexten tätig gewesen. Natürlich spielt der historische Kontext eine zentrale Rolle, denn nach der Aufnahme diplomatischer Beziehungen 1970 und ersten offiziellen Annäherungen an Polen war dem Auswärtigen Amt daran gelegen, jenseits von Regierungskommissionen und -abkommen nicht-staatliche Verbindungen zu knüpfen. Lawaty kann gewissermaßen aus der Binnensicht eines langjährigen Mitarbeiters, der Zugang zum unveröffentlichten Schriftverkehr des Instituts hatte, einige hochinteressante Entwicklungen im Hintergrund der Entstehungsgeschichte beschreiben.
Zusätzliche Beiträge, etwa zu Ausstellungswesen, zum Jazz oder zur "polnischen Komponistenschule", beleuchten weitere Aspekte der Kulturbeziehungen. Bezüglich der Komponisten kann Sebastian Borchers in anschaulicher Weise herausarbeiten, wie wiederum ein einzelner Akteur, der Musikverleger Hermann Moeck, seit Ende der 1950er Jahre ein enges Netz persönlicher und organisatorischer Verbindungen knüpfte und wie Musikfestivals in der Nische als "transnationale Kommunikationsräume" (148) fungierten - eine Analyse, die auch von Marianne Nowak in ihrem Beitrag vertieft wird. Etwas aus dem Rahmen fällt der letzte Artikel des Bandes, in dem Nawojka Cieślińska-Lobkowicz an den polnischen Kunsthistoriker Jan Białostocki erinnert. So wichtig seine Rolle in den deutsch-polnischen Kulturbeziehungen auch war und so begrüßenswert die Absicht ist, ihn im Rahmen des Beitrags zu würdigen, erscheint er im Kontext der Publikation etwas isoliert - auch im Hinblick auf Methodik und Stil.
Ein abschließendes Gesamturteil muss etwas zwiespältig ausfallen. Die Beiträge präsentieren eine große Vielfalt an Themen, die auch teils sehr detailliert beschrieben werden. Leserinnen und Leser, die sich vertieft mit Teilaspekten der westdeutsch-polnischen Beziehungen auseinandersetzen möchten, kommen bei der Lektüre auf ihre Kosten. Wer jedoch einen "roten Faden" und Stringenz erwartet, wird enttäuscht. Wie bei Tagungspublikationen üblich, bilden die Beiträge keine Einheit, sondern behandeln einzelne Spezialthemen, die im Nachhinein eine Klammer in Form der Einführung bekommen. Im vorliegenden Fall entsteht jedoch aufgrund der Ausführlichkeit des Beitrags der Eindruck, dass die Einführung als separater Artikel konzipiert wurde und nicht als zusammenhängende Darstellung der Bestandteile. Nur am Rande sei erwähnt, dass das Band nicht ganz frei ist von sachlichen Fehlern - etwa, wenn das Datum der halbfreien Wahlen in Polen 1989 fälschlicherweise mit 6. Juni statt 4. Juni angegeben wird.
Julia Röttjer / Regina Wenninger / Paweł Zajas (Hgg.): Kulturtransfer und auswärtige Kulturpolitik. Akteure und Faktoren polnisch-deutscher Beziehungen 1949-1990 (= Veröffentlichungen des Deutschen Polen-Instituts Darmstadt; Bd. 38), Wiesbaden: Harrassowitz 2023, VI + 199 S., ISBN 978-3-447-11914-6, EUR 32,00
Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse an.