sehepunkte 26 (2026), Nr. 2

Tobias E. Hämmerle / Josef Löffler / Elisabeth Rosner u.a. (Hgg.): Niederösterreich im 18. Jahrhundert

Das zweibändige Werk ist Teil einer großangelegten Geschichte Niederösterreichs, von der bereits drei Bände über das 20. Jahrhundert (2008) und zwei über das 19. Jahrhundert (2021) erschienen sind. Der bisherige Erfolg des Vorhabens hat das NÖ-Institut für Landeskunde, das mit dem NÖ-Landesarchiv verbunden ist, ermutigt, das große Überblickswerk zeitlich zurückschreitend fortzusetzen. Nun liegt die Darstellung der Landesgeschichte im 18. Jahrhundert vor, die hier nicht in ihren speziellen Erträgen für die niederösterreichische Geschichte gewürdigt werden kann, sondern als Modellfall einer zeitgemäßen landesgeschichtlichen Gesamtdarstellung präsentiert werden soll.

In der landesgeschichtlichen Forschung Deutschlands ist seit Langem das Konzept vielbändiger Handbücher etabliert. Während das von Max Spindler begründete große Handbuch der bayerischen Landesgeschichte [1] mittlerweile in der dritten Auflage bearbeitet wird - allerdings nun nach einem neuen, verschlankten Konzept - und auch für Baden-Württemberg ein umfassendes Handbuch vorliegt [2], sind solche Vorhaben in anderen Ländern auch nach vielen Jahrzehnten noch nicht vollendet. Dieser Befund wirft natürlich die Frage auf, ob das große Handbuch noch ein zukunftsfähiges Modell ist, oder ob es nicht alternative Lösungen gibt, große Überblicksdarstellungen zu erarbeiten, ohne an dem enzyklopädischen Anspruch einer umfassenden Handbuchdarstellung festzuhalten. Die Vollendung des Handbuchs der hessischen Geschichte vor wenigen Jahren ist dafür ein Lehrstück, weil der Abschluss dieses Vorhabens nur möglich war, indem man das ursprüngliche Konzept zugunsten einer in der Erscheinungsweise flexiblen, verschlankten und thematisch-konzeptionell offeneren Darstellung aufgegeben hat. [3]

Von solchen Erfahrungen ist auch die Fortsetzung der "Geschichte Niederösterreichs" bestimmt, mit der nun "keine durchgehende Erzählung geboten werden soll, sondern die Annäherung an die Epoche in Einzelbeiträgen erfolgt" (Bd. 1, 11). Die vierbändige "Geschichte des Landes Tirol" (1985-1988) dürfte also die letzte große Handbuchdarstellung sein, der in Österreich ein durchgehendes Darstellungskonzept gelungen ist, aber das ist mittlerweile auch schon einige Jahrzehnte her. Die Gründe, warum große Handbuchdarstellungen zunehmend problematisch geworden sind, fallen vielgestaltig aus, doch würde es den Rahmen sprengen, dies hier zu erörtern.

Im Gegensatz zu den gängigen Handbüchern ist das Konzept der vorliegenden Darstellung offener angelegt. Die Einführung enthält einen ausführlichen Beitrag, in dem die Herausgeber das Konzept erläutern und die Themenschwerpunkte in die großen Forschungsdiskurse einordnen. Umfassend zeichnet dann Ernst Bruckmüller Strukturen und Prozesse des Landes unter der Enns im 18. Jahrhundert nach. Die 19 Einzelbeiträge des ersten Bandes gruppieren sich in drei große Themenfelder: 1. Überlieferung - Ansichten - Karten. Kulturräumliche Wahrnehmung, 2. Staat - Land - Untertan. Dynamiken der Herrschaftsverdichtung, 3. Wirtschaft - Handel - Verkehr. Intensivierung der Ressourcennutzung. Der zweite Band ist ebenfalls in drei große Themenfelder mit insgesamt 18 Beiträgen unterteilt: 1. Bürger - Bauer - Edelmann. Ständegesellschaft im Wandel, 2. Kunst - Wissen - Medien. Barockkultur und neue Öffentlichkeit, 3. Religion - Aufklärung - Säkularisierung. Aufbrechen konfessioneller Sichtweisen.

Kurze Einführungen einzelner Herausgeber zu den Themenfeldern skizzieren den Rahmen und die großen Entwicklungslinien und Strukturen, die dann in den Einzelbeiträgen, die durchweg mit Nachweisen in Fußnoten versehen sind, ausführlich behandelt werden. Jedem Beitrag ist ein Abstract in deutscher und englischer Sprache vorangestellt. Am Ende der Beiträge informiert ein kurzes Biogramm über die Autoren, woraus ersichtlich wird, dass es durchweg gelungen ist, ausgewiesene Fachleute zu gewinnen, die nicht nur mit Niederösterreich vertraut sind, sondern sich darüber hinaus als fähig erweisen, die regionale Thematik in überregionale Zusammenhänge und größere Forschungsdiskurse einzuordnen. Die Beiträge der 33 Autorinnen und Autoren bilden keine Sammlung von speziellen Einzel- oder Fallstudien, sondern intendieren stets einen Gesamtüberblick für Niederösterreich. Da sei exemplarisch an zwei Themenfeldern erläutert: Im ersten Band werden unter dem Leitthema "Staat - Land - Untertan" nach der Einführung diese Themen behandelt: Landstände, Gesetzgebung und Gesetzessammlungen, Niederösterreich als Teil des habsburgischen Fiscal-Military State, Herrschaft im ländlichen Raum, institutionelles und kommerzielles Gesundheitswesen, Protostatistik. Der zweite Band endet mit dem Leitthema "Religion - Aufklärung - Säkularisierung" und bietet Beiträge über die kirchlichen Strukturen (Pfarre, Kloster, Diözese), katholische Frömmigkeitskulturen, Protestantismus, jüdische Räume, Unterricht und Schule sowie Aufklärung (hierbei Niederösterreich als "Knotenpunkt und Impulsgeber").

Insgesamt ist festzuhalten, dass die beiden Bände durchdacht konzipiert sind und - ohne enzyklopädischen Vollständigkeitsanspruch - alle wesentlichen Themen abdecken, die man auch in einem umfassenden Handbuch erwarten würde, nur dass hier Themenauswahl und Darstellungsform offener sind. Ein hoher wissenschaftlicher Anspruch wird eingelöst, ohne dass die Lesbarkeit des Werkes, das auch von historisch Interessierten zur Hand genommen werden sollte, beeinträchtigt wäre. Die politische Ordnung, Herrschaft und Verwaltung kommen ebenso zur Geltung wie die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturen und Prozesse in Stadt und Land. Bereiche wie Infrastruktur, Verkehr und Kommunikation werden gleichsam abgedeckt wie kulturelle Phänomene einschließlich der Kunst (mit Beiträgen zu Architektur, Malerei, Musik und Wissenskulturen). Das Themenfeld Religion ist mit Beiträgen zum Klerus und zur kirchlichen Organisation, zu Frömmigkeitsformen in der katholischen Kirche, aber auch zum Protestantismus und zum Judentum ebenfalls wünschenswert breit aufgefächert.

Hervorzuheben ist schließlich, dass die Bände umfassend und durchgehend farbig bebildert und die Abbildungen mit ausführlichen erläuternden Bildunterschriften versehen sind. Etliche Beiträge weisen auch Tabellen und Grafiken auf. Orts- und Personenregister erschließen den reichen Inhalt. Die Bände sind ab 2026 als Open-Access-Publikation zugänglich, mit der Möglichkeit einer elektronischen Volltextrecherche, was das Fehlen eines Sachregisters weniger gravierend erscheinen lässt. Das Werk bilanziert eindrucksvoll die historischen Prozesse und Strukturen des 18. Jahrhunderts für Niederösterreich und wird dafür sorgen, dass der regionalgeschichtliche Forschungsstand von der vergleichenden Landesgeschichte und anderen historischen Teildisziplinen rezipiert werden kann. Konzeptionell eröffnet das Werk einen überzeugenden Weg aus der eingangs skizzierten "Handbuchfalle".


Anmerkungen:

[1] Wolfgang Neugebauer: Forschung und Synthese. Das Handbuch der bayerischen Geschichte im wissenschaftsgeschichtlichen Kontext, in: Zeitschrift für Bayerische Landesgeschichte 70 (2007), 11-32

[2] Enno Bünz: Eine große Bilanz der südwestdeutschen Landesgeschichte - zur Vollendung des "Handbuchs der baden-württembergischen Geschichte", in: Zeitschrift für württembergische Landesgeschichte 69 (2010), 403-418.

[3] Zuletzt erschienen: Handbuch der hessischen Geschichte 8: Strukturen und Prozesse in der alteuropäischen Geschichte Hessens, hgg. von Holger Th. Gräf / Alexander Jendorff (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen; 63, 8), Marburg 2024.

Rezension über:

Tobias E. Hämmerle / Josef Löffler / Elisabeth Rosner u.a. (Hgg.): Niederösterreich im 18. Jahrhundert. Band 1: Land, Politik und Wirtschaft (= Geschichte Niederösterreichs), St. Pölten: Niederösterreichisches Landesarchiv 2024, 834 S., 163 Abb., 21 Tbl., 2 Kt. , ISBN 978-3-903127-44-9, EUR 45,00

Tobias E. Hämmerle / Josef Löffler / Elisabeth Rosner u.a. (Hgg.): Niederösterreich im 18. Jahrhundert. Band 2: Gesellschaft, Kultur und Religion (= Geschichte Niederösterreichs), St. Pölten: Niederösterreichisches Landesarchiv 2024, 671 S., 150 Abb., 19 Tbl., 2 Kt., ISBN 978-3-903127-45-6, EUR 38,00

Rezension von:
Enno Bünz
Historisches Seminar, Universität Leipzig
Empfohlene Zitierweise:
Enno Bünz: (Rezension), in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 2 [15.02.2026], URL: https://www.sehepunkte.de/2026/02/40416.html


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