Die KI werde menschliche Arbeit und menschliches Urteil als "Bug" in technischen Systemen ausschalten und enorme Produktivitäts- und Wissenssteigerungen ermöglichen - so das vollmundige Versprechen, das die gegenwärtige, rasante Verbreitung von KI-Systemen begleitet. Die Debatten hierum bilden den aktuellen Hintergrund zum neuen Buch der Technikhistorikerin Martina Heßler, "Sisyphos im Maschinenraum". Das für den Verlag C.H.Beck typische Sachbuch-Fachbuch-Hybrid, das 2025 für den Deutschen Sachbuchpreis nominiert war, ist damit wohl als "timely" zu bezeichnen und kann Relevanz weit über die Grenzen der Technikgeschichte hinaus beanspruchen.
Äußerungen wie die in den Debatten um KI sind indes keineswegs auf die Gegenwart oder auf dieses Technikfeld beschränkt und Heßlers Untersuchung bietet eine gründliche Historisierung solcher Ideen seit dem 19. Jahrhundert. Die Autorin, die in den letzten Jahren unter anderem als Herausgeberin von Arbeiten zur Technikanthropologie hervorgetreten ist[1], verfolgt in ihrer Geschichte das, was sie als die "Figur des fehlerhaften Menschen" (passim) bezeichnet: die Vorstellung, Menschen seien im Vergleich zu Maschinen defizitär, die Maschinen hingegen perfekt und dem Menschen überlegen. Diese Figur zeichnet Heßler in vier Kapiteln nach, gerahmt durch Einleitung und Schluss.
Das erste Kapitel stellt bestehende Konzepte vor, wie "Solutionismus" oder "Technikchauvinismus", die an Heßlers "Figur fehlerhafter Menschen" angrenzen. [2] Sie widmet sich dann älteren Kritiken eines blinden Technik- und Fortschrittsglaubens, insbesondere der Diagnose der "Antiquiertheit des Menschen", die Günther Anders Mitte des 20. Jahrhunderts formulierte. [3] Das Kapitel schließt mit einem Überblick über die drei wesentlichen "menschliche[n] Unvollkommenheiten" (41), die in Verbindung mit der "Figur fehlerhafter Menschen" aufgerufen wurden: körperliche Beschränkungen, intellektuelle Grenzen und moralische Beschränktheit.
Im zweiten und umfangreichsten Kapitel des Buches verfolgt Heßler die "Figur des fehlerhaften Menschen" durch verschiedene Technikfelder seit dem 19. Jahrhundert, um sie als "Obsession der Moderne" (125) ersichtlich zu machen. Hier kommt die Fabrik - als gleichsam 'klassischer' Ort der Ersetzung des Menschen durch Maschinen - genauso zur Sprache wie als "Entscheidungsmaschinen" (74) eingesetzte Rechenmaschinen und Computer, das Automobil, "soziale Maschinen" (101) wie Sexroboter oder Chatbots und schließlich der Lügendetektor als "moralische Maschine" (110). An all diesen Beispielen stellt Heßler dar, wie Menschen als defizitär wahrgenommen wurden, während Maschinen die Behebung ihrer Fehler versprachen. Heßler zufolge herrschte diese Sichtweise recht ungebrochen bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts vor.
Was Heßler bis hierhin "durchaus monothematisch" (41) als geradezu statische Denkfigur nachvollzieht, gewinnt ab dem dritten Kapitel an Dynamik. Hier wendet sich die Autorin eingehend den "Ambivalenzen und Paradoxien" (129) der "Figur fehlerhafter Menschen" zu, die seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zunehmend thematisiert worden seien. In Anlehnung an die Interpretation von Albert Camus [4] bezeichnet Heßler den Menschen als "Sisyphos im Maschinenraum": Der Mensch versucht, den Stein mit technischer Hilfe leichter den Berg hinaufzurollen, stößt mit den gesteigerten Möglichkeiten jedoch an immer neue Grenzen. Er wird zu einem "sich permanent technologisch hochrüstenden Sisyphos" (137).
Quellengesättigt und hochinteressant liest sich dann Heßlers Analyse der Human-Factors-Forschung der 1950er Jahre. Mit ihr entstand ein neuer ingenieurswissenschaftlicher Blick auf menschliche Grenzen und Fehler: Die Human-Factors-Forschung betonte zwar auch die Beschränkungen des Menschen, begegnete ihr aber nun mit einem systemischen Ansatz, der die Maschinen an die Fertigkeiten der Menschen anpassen sollte, statt umgekehrt.
Wie Heßler im vierten Kapitel darstellt, kehrte sich das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine um 1970 regelrecht um: Nunmehr wurden die Maschinen als fehlerhaft und beschränkt angesehen. Unter veränderten wirtschaftlichen Bedingungen wurde Flexibilität gefordert und Computersoftware - noch kurz zuvor als Lösung sämtlicher Probleme gepriesen - erwies sich als beständig wartungsbedürftig. Ein "neues Zeitalter [...] des Fehlermanagements" (182) brach an, in dem Menschen die Rolle zukam, die Maschinen zu überwachen. Dass sich dabei allerdings die Fähigkeiten der Menschen rasch wieder als zu beschränkt erwiesen, also abermals technisch aufgerüstet wurden, bringt Heßlers Argumentation eine letzte Pointe ein: Der technisierte Sisyphos bleibt in seiner Steigerungslogik gefangen.
Hieraus leitet Heßler im Schlusskapitel folgende Thesen ab: Technik ist nicht perfekt, sondern immer wartungsbedürftig, folglich ist sie "Arbeit, [...] eine permanente Aufgabe" (236). Und weiter: "Vielleicht wäre es an der Zeit, dass der technisierte Sisyphos den Stein einfach mal liegen lässt" (237), um sich zu fragen, welches Problem mittels technologischer Steigerung gelöst werden soll, ob das Problem gut definiert ist und wer es eigentlich definiert hat. Diese Thesen mögen für Technikhistoriker:innen zum State of the Art gehören. [5] Für ein breites Publikum aber - an das sich das Buch ja primär richtet - bieten sie wichtige Denkanstöße.
Heßler liefert damit einen wertvollen Beitrag zu aktuellen Debatten um das Verhältnis von Mensch und Maschine, den sie auf eine detailreiche Geschichte der Abwertung des Menschen gegenüber der Maschine stützt. Schade ist dabei allerdings, dass sich die Autorin entschieden hat, dezidiert keine Diskursgeschichte zu schreiben (vgl. 34). Dadurch verbleibt ihre Analyse oft auf der abstrakten Ebene von 'Mensch' und 'Technik', die sie eigentlich zu kritisieren beabsichtigt. Nur indirekt lässt sich den zitierten Quellen entnehmen, dass mit der "Figur fehlerhafter Menschen" handfeste ökonomische Interessen und Machtansprüche bestimmter Gruppen durchgesetzt werden sollten. Eine Analyse von Diskursen außerhalb der Technikwissenschaften, die schon lange vor der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen blinden Glauben an den technischen Fortschritt kritisierten - etwa die von Heßler kurz erwähnte "konservative Kulturkritik" (28) oder die marxistische Kritik (71) -, hätte ein kontroverseres und ambivalenteres Bild der "Figur des fehlerhaften Menschen" zeichnen können. [6] Hierdurch wäre Heßler auch ihrer Absicht, das "Selbstverständlichwerden" (34) der "Figur des fehlerhaften Menschen" zu erzählen, noch besser gerecht geworden. Zugleich wäre die Kritik in ihrem Fazit nachdrücklicher ausgefallen, hätte sie schon in ihre Analyse einbezogen, wie Machtdynamiken verschränkt sind mit der Definition der Probleme, die durch Technik gelöst werden sollen. Dies galt zweifelsohne, "wenn Ingenieure im 19. und 20. Jahrhundert über die Ausschaltung fehlerhafter Menschen in der Fabrik urteilten, aber die Arbeiter meinten" (31) - und es gilt nicht minder heute, wenn KI-Visionäre versprechen, Arbeitsvorgänge effizienter zu gestalten, aber die Entlassung derer meinen, die diese Arbeit verrichten.
Anmerkungen:
[1] Vgl. Martina Heßler / Kevin Liggieri (Hgg.): Technikanthropologie. Handbuch für Wissenschaft und Studium, Baden-Baden 2020.
[2] Vgl. Evgeny Morozov: To Save Everything, Click Here: Technology, Solutionism and the Urge to Fix Problems That Don't Exist, London 2013; Meredith Broussard: Artificial Unintelligence. How Computers Misunderstand the World, Cambridge MA 2018; dies.: More Than a Glitch. Confronting Race, Gender and Ability Bias in Tech, Cambridge MA / London 2023.
[3] Vgl. Günther Anders: Die Antiquiertheit des Menschen. Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution, München 1956.
[4] Albert Camus: Le mythe de Sisyphe, Paris 1942.
[5] Vgl. beispielsweise Lee Vinsel / Andrew L. Russell: The Innovation Delusion. How Our Obsession with the New Has Disrupted the Work that Matters Most, New York 2020; David Edgerton: The Shock of the Old: Technology and Global History since 1900, Oxford 2006.
[6] Vgl. Rolf Peter Sieferle: Fortschrittsfeinde? Opposition gegen Technik und Industrie von der Romantik bis zur Gegenwart, München 1984.
Martina Heßler: Sisyphos im Maschinenraum. Eine Geschichte der Fehlbarkeit von Mensch und Technologie, München: C.H.Beck 2025, 300 S., ISBN 978-3-406-82330-5, EUR 32,00
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