sehepunkte 26 (2026), Nr. 4

Hana Svobodová: Sprachkontakt, Bevölkerungsaustausch und Sprachwechsel nach 1945

Das im Nordosten Tschechiens nahe der polnischen Grenze gelegene 7.000-Einwohner-Städtchen Broumov (Braunau) und seine Umgebung stehen exemplarisch für böhmische Regionen, in denen sich über die Jahrhunderte neben der ursprünglich tschechischen Bevölkerung ein wachsender deutschsprachiger Anteil etablierte, der häufig zahlenmäßige Dominanz erlangte. Auch Braunau galt bis 1945 als vorwiegend deutschsprachige Stadt, was sich aber mit der Aussiedlung der meisten Deutschen und der Ansiedlung von Menschen aus anderen Teilen der Tschechoslowakei änderte. Die aus solchen Verschiebungen resultierende komplexe sprachliche, insbesondere dialektale Situation in diesen Gegenden ist bislang wenig erforscht. Insofern leistet Hana Svobodová mit ihrer Monografie, die aus ihrer Leipziger Dissertation von 2019 hervorgegangen ist, echte Pionierarbeit.

Im ersten von insgesamt zehn Kapiteln führt die Verfasserin in die Problematik ein und behandelt wichtige theoretisch-methodische, terminologische sowie quellenspezifische Grundlagen. Es solle "ein Gesamtbild der Sprachsituation im Untersuchungsgebiet aufgezeigt werden, welches zugleich einen Beitrag zur Erforschung des deutsch-tschechischen Sprachkontaktraumes darstellt" (11). Kapitel 2 gibt einen Überblick über die deutsche Besiedelung der böhmischen und mährischen Randgebiete seit dem 12. Jahrhundert und die Entwicklung des tschechisch-deutschen Zusammenlebens, ferner über die Geografie und Geschichte Broumovs. Nach der Präsentation von Informationen zum empirischen Teil ihrer Forschung (u. a. Kriterien der Befragung, Datenerhebung und -analyse; Kapitel 3) geht die Verfasserin zum soziolinguistischen Teil ihrer Studie über (Kapitel 4). Sie stützt sich vorwiegend auf Konzepte der amerikanischen und tschechischen Forschung und interessiert sich dabei namentlich für die Frage, was die Neubesiedelung nach der Vertreibung der Deutschen für Broumov und Umgebung in sprachlicher Hinsicht bedeutete. Da die Neusiedler:innen größtenteils aus ebenfalls zum nordostböhmischen Dialektgebiet gehörigen Nachbarregionen stammten, sei von einer weitgehenden "dialektalen Homogenität" (68) auszugehen. Es folgen ausführliche Listen zur Herkunft und dialektalen Zuordnung der Neuankömmlinge, wobei auch weitere wesentliche soziolinguistische Faktoren wie Alter, Bildung/Beruf und Geschlecht berücksichtigt werden.

Der Schwerpunkt von Kapitel 5 liegt im dialektologischen Bereich. An die Einführung in die Typologie der tschechischen Dialekte und deren Merkmale schließt sich die nähere Beschreibung der nordostböhmischen Dialektgruppe an, insbesondere des Broumover Dialekts. Wichtig ist in diesem Kontext der einschränkende Hinweis der Verfasserin, dass die Dialekte in Tschechien aufgrund der starken Vereinheitlichungstendenzen durch die Hochsprache des Schrifttschechischen (spisovná čeština) und das umgangssprachliche Gemeintschechische (obecná čeština) in der mittleren und jüngeren Generation nicht mehr sehr stark ausgeprägt seien und deshalb eher eine untergeordnete Rolle spielten. Einige Bemerkungen zu den früheren deutschen Dialekten in Böhmen, insbesondere zum "Braunauer Dialekt", leiten über zur Thematik von Kapitel 6, den deutsch-tschechischen Sprachbeziehungen in der behandelten Region. Auf der Grundlage kontaktlinguistischer Methoden betrachtet die Verfasserin den dort lange Zeit herrschenden Bilinguismus in seiner historischen Entwicklung. Diese ließe sich grob als Prozess von der tschechischen Einsprachigkeit im Mittelalter über die Zweisprachigkeit, in der das Deutsche zunehmend zur dominierenden Sprache wurde, hin zur erneuten tschechischen Einsprachigkeit nach 1945 skizzieren.

Im 7. Kapitel widmet sich Svobodová gezielt ihren empirischen Untersuchungen, deren Ergebnisse in eine umfassende Beschreibung des Broumover Dialekts nach phonetischen, morphologischen, syntaktischen und lexikalischen Kriterien münden. Ein exemplarischer Vergleich mit dem Nachbardialekt der Region um Hlavňov ergibt kaum signifikante Unterschiede, was die These von der "dialektalen Homogenität" nach 1945 bestätigen soll. Kurz angesprochen werden auch einige Besonderheiten des Tschechischen, wie es von der deutschsprachigen Bevölkerung Broumovs verwendet wurde. Kapitel 8 listet - vorwiegend lexikalische - Elemente aus dem Deutschen auf, die sich bis heute im Broumover Dialekt erhalten haben, sowie umgekehrt tschechische Einflüsse im früheren "Braunauer Dialekt". In den beiden letzten Kapiteln werden die wichtigsten Ergebnisse der Arbeit resümiert, wobei insbesondere die Zugehörigkeit des Broumover Dialekts zur nordostböhmischen Dialektgruppe, seine Homogenität nach 1945/46, der Einfluss sprachlicher und nichtsprachlicher Faktoren (Alter, Bildung) auf die Verwendung des Dialekts sowie die anhaltenden Nachwirkungen des deutschen Einflusses auf diesen in den Vordergrund gestellt werden. Ergänzt wird das Resümee um eine - leider nur sehr knappe - Prognose zu den weiteren Entwicklungen im sprachlich-dialektalen Bereich. Außerdem werden Möglichkeiten diskutiert, inwieweit die vorgelegten Ergebnisse im Schulunterricht Verwendung finden könnten. Der Anhang enthält neben Literatur- und Quellenverzeichnis auch die transkribierten Texte aus den Befragungen bzw. Interviews.

Die Leistung der Studie kann vor allem darin gesehen werden, dass hier das Sprachprofil einer abgegrenzten, überschaubaren Region in diachroner wie synchroner Perspektive auf der Grundlage reichen Textmaterials beleuchtet und das Zusammenspiel der dort im Laufe der Geschichte aufeinandergetroffenen Sprachen und Dialekte systematisch beschrieben werden. Die Erkenntnis, dass der Kontakt von alteingesessener tschechischer Bevölkerung und Neusiedler:innen nach 1945 in sprachlicher Hinsicht kaum Wirkung entfaltete, ist freilich erwartbar und wenig überraschend. Interessanter erscheint mir da schon die Tatsache, dass im Broumover Dialekt dort, wo er überhaupt noch gesprochen wird, d. h. vor allem in der älteren Generation, ein starker Einfluss des Deutschen lebendig geblieben ist.

Die Untersuchung ist in einer ausgesprochen klaren, gut nachvollziehbaren Sprache geschrieben und besticht durch eine übersichtliche Strukturierung, ein systematisches wissenschaftliches Vorgehen und eine Fülle an Beispielen und Belegen. Mitunter übertreibt es die Verfasserin mit der Gründlichkeit aber ein wenig, etwa wenn sie aus der Literatur bekannte bzw. gut recherchierbare Sachverhalte detailliert ausbreitet, bei denen kurze Quellenverweise ausreichen würden (vgl. z. B. den ausführlichen Überblick über die tschechische Dialektologie). Dieses Ausholen behindert letztlich den thematischen Duktus nicht unerheblich. Neben diesem zugegebenermaßen eher formal-methodischen Problem gibt es auch ein paar grundsätzlichere Kritikpunkte: Die beiden zentralen thematischen Aspekte, Dialektzuordnung und Sprachkontakt, werden jeder für sich erschöpfend behandelt, stehen aber merkwürdig isoliert und unverbunden nebeneinander, so dass es schwierig ist, das eigentliche Anliegen der Arbeit zu identifizieren. Offen bleibt auch die klare Benennung des Forschungs-Inputs der Studie, woraus sich Anschlussmöglichkeiten für die weitere Forschung ableiten ließen. Schließlich vermisst man auch einen Hinweis darauf, inwieweit die untersuchte Region repräsentativen Charakter für das frühere 'Sudetenland' beanspruchen darf und ob die erzielten Ergebnisse auch auf andere Gebiete übertragbar sind.

Summa summarum besteht die Bedeutung der vorliegenden Arbeit primär darin, dass sie einen umfassenden Pool an wertvollen Textmaterialien bereitstellt, viele neue Erkenntnisse im interdisziplinären Spektrum zwischen Linguistik, Historiografie, Kulturwissenschaft und Soziologie zutage fördert und gleichzeitig auf lange Zeit übersehene Problemfelder aufmerksam macht, deren weitere Erforschung fraglos lohnend wäre.

Rezension über:

Hana Svobodová: Sprachkontakt, Bevölkerungsaustausch und Sprachwechsel nach 1945. Am Beispiel von Braunau/Broumov in Böhmen, Bruxelles [u.a.]: Peter Lang 2024, 320 S., ISBN 978-3-631-882146, EUR 69,95

Rezension von:
Reinhard Ibler
Marburg
Empfohlene Zitierweise:
Reinhard Ibler: Rezension von: Hana Svobodová: Sprachkontakt, Bevölkerungsaustausch und Sprachwechsel nach 1945. Am Beispiel von Braunau/Broumov in Böhmen, Bruxelles [u.a.]: Peter Lang 2024, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 4 [15.04.2026], URL: https://www.sehepunkte.de/2026/04/41103.html


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