sehepunkte 26 (2026), Nr. 6

Hans-Peter Ullmann: Die Universität zu Köln im Nationalsozialismus

Obwohl erste Veröffentlichungen zur Geschichte einzelner deutscher Hochschulen im Nationalsozialismus bereits seit den späten 1980er Jahren erschienen sind und seit 2024 eine umfangreiche Gesamtdarstellung vorliegt [1], kann dieses Forschungsfeld noch nicht als abgearbeitet gelten. Während solche Studien oftmals aus Anlass von Hochschul-Jubiläen erscheinen, entstand Hans-Peter Ullmanns 2024 veröffentlichte Monografie erst im Nachgang zu der Hundertjahrfeier der Universität zu Köln 2019.

Zu den Besonderheiten dieser Universität gehört, dass sie 1938 bereits ihre 550-Jahrfeier beging. Tatsächlich handelt es sich, wie Ullmann hervorhebt, bei der heutigen Universität um eine Neugründung aus dem Jahr 1919, als die Stadt ihre Handelshochschule zu einer Universität ausbaute. So entstand als Sonderfall in der deutschen Hochschullandschaft eine Einrichtung, die finanziell von einer Stadt getragen wurde, die über ein Kuratorium auch zentralen Einfluss ausübte. Köln gehörte wie Frankfurt am Main und Hamburg zum neuen Typ der Großstadtuniversitäten, auch wenn sie bezogen auf die Herkunft der Studierenden eine rheinisch-westfälische Provinzuniversität war. Trotz einiger prominenter Republikgegner in den Reihen ihrer Ordinarien, besaß die Universität gemessen an den Maßstäben der Weimarer Republik ein eher liberales Profil.

Ullmann stellt sich die Aufgabe zu untersuchen, wie diese Besonderheiten zuerst den Weg in die Diktatur des Nationalsozialismus erleichtert und nach Kriegsende die Demokratisierung erschwerten. Hierbei geht er in vier Kapiteln vor, die den Zeitraum von 1929 bis 1954 abdecken, also das Vierteljahrhundert von der Zehnjahresfeier und dem Beginn der Weltwirtschaftskrise bis zur Übernahme der Universität durch das Land Nordrhein-Westfalen und damit dem Ende der städtischen Trägerschaft.

Das erste Kapitel steht im Zeichen einer mehrfachen Krise während der letzten Jahre der Republik. Steigenden Studierendenzahlen stand eine unzureichende Finanzierung durch die Stadt gegenüber, während sich Professoren sowie insbesondere die akademischen Nachwuchskräfte und Studierende auch angesichts ihrer wirtschaftlichen Lage zunehmend radikalisierten. Vor dem Hintergrund des Durchbruchs der NSDAP im Reich, in Preußen und der Stadt Köln sowie von Drohungen des neuen Oberbürgermeisters und der Studierenden kam es am 11. März 1933 zur Selbstgleichschaltung der Kölner Universität. Nach dem Rücktritt des bisherigen Rektors Godehard Ebers wurde mit Ernst Leupold ein neuer, dem NS-Regime nahestehender Rektor gewählt. Köln griff damit der allgemeinen Entwicklung vor, da der preußische Kultusminister Bernhard Rust erst Ende des Monats Neuwahlen zum Semesterstart anordnete.

Das zweite und umfangreichste Kapitel widmet sich dem Umbau der Universität im nationalsozialistischen Sinne bis 1939. Durch Entlassungen aus rassistischen und politischen Gründen büßte Köln etwa ein Fünftel der Hochschullehrerschaft ein und lag damit über dem deutschen Durchschnitt, während sukzessive jüdische Studierende verdrängt wurden. Wie in NS-Deutschland insgesamt fiel - nicht zuletzt aufgrund staatlicher Obergrenzen - die Zahl der Studierenden, wobei der Frauenanteil zusätzlich sank. Die verbliebenden Studierenden mussten ihre Zeit neben dem Studium zunehmend auf das erwartete Engagement in NS-Organisationen und Aktivitäten wie Wehrsport aufteilen. Spezifisch für Köln als Großstadtuniversität und Gründung der Weimarer Zeit war, dass mehrfach die völlige Schließung zur Diskussion stand. Dass es hierzu nicht kam, lag neben den Ambitionen lokaler NS-Größen auch an der Selbstmobilisierung der Professoren, die ihre Forschung mehrheitlich an den Zielen des Nationalsozialismus ausrichteten. Hier sind für Köln die auf Westeuropa gerichtete Raumforschung und -planung sowie die Beteiligung an Medizinverbrechen hervorzuheben. Ein Zeichen der wiedergewonnenen Stabilität der Universität war die 550-Jahrfeier 1938, die als erfundene Tradition auf die 1388 gegründete und 1798 wieder aufgehobene erste Universität der Domstadt Bezug nahm.

Wenig später stand nach Beginn des Kriegs, der den Gegenstand des dritten Kapitels bildet, erneut die Existenz der Universität infrage. Selbst eine Verlagerung ins niederländische Leiden wurde zeitweilig diskutiert. Der Krieg bedeutete, nicht erst seit den schweren Luftangriffen 1942, für Studierende und Lehrende einen tiefen Einschnitt. In der Studierendenschaft stieg zum einen der Frauenanteil, zum anderen kamen nun viele Studenten über die Wehrmacht an die Universität; sei es als Abkommandierte (vor allem an die Medizinische Fakultät), Beurlaubte oder als Kriegsversehrte. Zugleich prägte der Krieg über veränderte Lehrinhalte, eine verstärkte Überwachung und Arbeitseinsätze das Studium. Da viele Hochschullehrer eingezogen wurden, kam der Frage einer Unabkömmlichstellung aufgrund als kriegswichtig geltender Forschungen eine hohe Bedeutung zu.

Den Weg zurück in die Demokratie ab 1945 schildert das vierte Kapitel. In der kriegszerstörten Stadt öffnete Köln als letzte Hochschule der britischen Zone im Herbst 1945 wieder einen begrenzten Lehrbetrieb. Wie an anderen Hochschulen stießen die Vorstellungen des britischen University Control Officers über eine soziale Öffnung und Demokratisierung auf den Widerstand der Mehrheit der Professoren, die eine Restauration der Ordinarienuniversität anstrebten. Im katholischen Rheinland kam noch das Leitbild des christlichen Abendlands hinzu, so dass die meisten Reformideen versandeten. Ein weiteres Konfliktfeld bildete die Entnazifizierung. Auch in Köln dominierte am Ende die personelle Kontinuität, da die meisten belasteten Professoren an der Universität verblieben, an sie zurückkehrten oder zumindest emeritiert wurden. Dagegen kamen nur wenige Emigranten zurück. Für die Studierenden der ersten Nachkriegssemester - darunter viele Kriegsversehrte - stellten schon die Organisation von Wohnraum, Nahrung und Kleidern Herausforderungen dar. Dennoch stiegen die Immatrikulationszahlen rasch, und Köln rückte Anfang der 1950er Jahre auf Platz zwei der westdeutschen Hochschulen. Wie bereits in der Weimarer Zeit war diese Expansion finanziell auf Dauer für die Stadt nicht tragbar. Nach längeren Verhandlungen ging die Universität daher 1954 in die Trägerschaft des Landes Nordrhein-Westfalen über, so dass der 1919 eingeschlagene institutionelle Sonderweg ein Ende fand.

Inwieweit die Eigenheiten der Universität zu Köln ihren Weg von der Weimarer Republik in den Nationalsozialismus und in die Bundesrepublik prägten, bleibt am Ende dieses Buches offen, da dieser Weg zumindest in groben Linien wenig von dem des deutschen Hochschulwesens allgemein abwich. Bei der zweifellos schwierigen Darstellung und Bewertung des Verhaltens individueller Professoren im Nationalsozialismus bezieht sich Ullmann manchmal auf wörtliche Zitate aus der Sekundärliteratur, ohne zu einem eigenen Fazit zu kommen, so dass man nach der Lektüre hier etwas unbefriedigt zurückbleibt.

Insgesamt gelingt es dem Autor jedoch, ein umfassendes und facettenreiches Bild dieser Universität im Nationalsozialismus zu zeichnen. Dabei überzeugt die Wahl des erweiterten Zeitrahmens von 1929 bis 1954 ebenso wie die Herangehensweise: Die Studie untersucht nicht nur die Institutionengeschichte und die Hochschullehrerschaft mit ihren Persönlichkeiten, Arbeitsgebieten und Einkommen, sondern durchgehend auch die Studierenden mit ihren Lebensverhältnissen, ihren Organisationen sowie ihrer sozialen und regionalen Herkunft. Indem Themen wie akademische Feiern oder die (Wieder-)Einführung von Talaren behandelt werden, findet überdies die Ebene der Symbole und Rituale Berücksichtigung.


Anmerkung:

[1] Michael Grüttner: Talar und Hakenkreuz. Die Universitäten im Dritten Reich, München 2024.

Rezension über:

Hans-Peter Ullmann: Die Universität zu Köln im Nationalsozialismus. Wege einer städtischen Hochschulgründung zwischen später Weimarer Republik und früher Bundesrepublik, Göttingen: Wallstein 2024, 508 S., 27 s/w-Abb., ISBN 978-3-8353-5767-9, EUR 34,00

Rezension von:
Ole Sparenberg
Karlsruhe
Empfohlene Zitierweise:
Ole Sparenberg: Rezension von: Hans-Peter Ullmann: Die Universität zu Köln im Nationalsozialismus. Wege einer städtischen Hochschulgründung zwischen später Weimarer Republik und früher Bundesrepublik, Göttingen: Wallstein 2024, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 6 [15.06.2026], URL: https://www.sehepunkte.de/2026/06/40805.html


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