In ihrer Dissertation befasst sich Sarah von Hagen laut Klappentext mit der "Seeschlacht als zentrale[m] Element militärischer Gewalt im atlantischen Raum" aus "historisch-anthropologischer Perspektive" zwischen 1665 und 1783. Allerdings vermag diese zeitliche Eingrenzung den Rezensenten nicht ganz zu überzeugen. Es hätte vieles dafür gesprochen, den Untersuchungszeitraum bis 1815 auszuweiten, da in den Revolutions- und Napoleonischen Kriegen technische, soziale und militärische Entwicklungen im Seekrieg ihren Abschluss fanden, die ihre Anfänge vor 1783 hatten.
Mit der Besprechung wurde ein Rezensent betraut, der zu einer Zeit studiert und promoviert hat, als sich Geschichtswissenschaft noch weniger mit Theorien, als vielmehr mit dem Quellenstudium und der systematischen Auswertung von Sekundärliteratur befasst hat. Hier zeigt die Studie einige Mängel. So war etwa der "Warrant Officer" in der Royal Navy des 18. Jahrhunderts, anders als im Glossar angegeben, mitnichten ein "nicht-militärischer Rang" (423), sondern Teil der Marinehierarchie. Warrant Officer wurden allerdings nicht wie die Seeoffiziere durch ein königliches Patent, sondern durch einen "Warrant" des Navy Office bestallt, wie z.B. in einem von der Verfasserin angeführten Standardwerk zur britischen Marinegeschichte erklärt wird. [1] Auf der anderen Seite werden selbst Banalitäten bis ins Kleinste kategorisiert und theoretisiert. So begründet die Verfasserin ausführlich offensichtliche Tatsachen, etwa dass die Beobachtung einer Seeschlacht in ihrer Gesamtheit im 18. Jahrhundert unmöglich gewesen sei (56-61). Denn für Marine- und Militärhistoriker ist es eine Binsenweisheit, dass jede Schlachtbeschreibung quellenkritisch aus einer Vielzahl von Zeugnissen kompiliert werden muss, da damals wie heute niemand den vollständigen Überblick über ein komplexes Kampfgeschehen behalten kann.
In der Einführung befasst sich die Verfasserin unter anderem mit aktuellen Gewalttheorien. Da sich der Rezensent aufgrund seines divergierenden Forschungsansatzes kaum mit den vorgestellten Diskursen befasst hat, beschränkt er sich bei seiner Besprechung neben den historischen Fakten auf den Bereich der Militärtheorie, mit dem er vertrauter ist. Seiner Auffassung nach lässt sich die Diskussion über Gewalttheorien darauf reduzieren, dass es sich bei einer Seeschlacht um einen Akt des Krieges handelt, welchen bereits Carl von Clausewitz in seinem bis heute rezipierten Werk "Vom Kriege" wie folgt definiert: "Der Krieg ist also ein Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen. [...] Gewalt [...], ist also das Mittel, dem Feinde unseren Willen aufzudringen, der Zweck. Um diesen Zweck sicher zu erreichen, müssen wir den Feind wehrlos machen, und dies ist dem Begriff nach das eigentliche Ziel der kriegerischen Handlung." [2] Für den Seekrieg legt der auch von der Verfasserin herangezogene britische Marinetheoretiker Sir Julian Corbett in seiner Schrift "Some principles of maritime strategy" zusätzlich dar: "The object of naval warfare must always be directly or indirectly either to secure the command of the sea or to prevent the enemy from securing it." [3]
Um es mit Clausewitz und Corbett zu sagen: Seeherrschaft ist das Ziel, die Seeschlacht das Mittel, um dieses Ziel zu erreichen. Dazu ist es notwendig, über stärker bewaffnete Schiffe, professionellere Offiziere und besser ausgebildete Besatzungen als der Gegner zu verfügen. Kurz gesagt: Vieles, was so wort- und theoriereich analysiert wird, ist - ganz im Sinne des Ockham'schen Rasiermessers - banal durch Empirie und das Prinzip von "trial and error" zu erklären. Und dass eine Schlacht ein traumatisches Erlebnis darstellt, ist spätestens seit John Keegans militärhistorischem Klassiker "The Face of Battle" aus dem Jahr 1976 bekannt.
Dagegen hält die Verfasserin einen "technikdeterministischen" (53) Ansatz für überholt. Allerdings wäre eine Erklärung des Waffensystems "Segelkriegsschiff" für die meisten Leser von Interesse gewesen, zumal das Verständnis dieses Waffensystems nicht nur lange Gewalttheoriediskurse überflüssig gemacht, sondern auch die zahlreichen Fehler in der idealtypischen - um nicht zu sagen: den Topoi von Seeabenteuerromanen folgenden - Darstellung einer Seeschlacht vermieden hätte. Das gilt etwa im Hinblick auf den Einsatz der Geschütze, der Beschreibung der Taktik oder den Einfluss des Windes auf Segelschiffe, die sich in der Schilderung der Verfasserin höchst anachronistisch wie maschinengetriebene Fahrzeuge bewegen. Und die Vorstellung, dass ein Entertrupp über den Bug auf das feindliche Schiff klettert und dann unter Deck "in der Kapitänskajüte mit dem Kapitän und seinen Offizieren kämpft" (64), ist geradezu absurd, da die Kajüte achtern liegt und der Kapitän im Gefecht an Deck ist! Ein weiteres Beispiel ist die Verwechslung von Kartätschen und Schrapnell (63). Erstere funktioniert wie ein überdimensionaler Schrotschuss, der im Nahkampf gegen die feindliche Besatzung wirkt. Dagegen verfügt das erst 1803 (!) erfundene Schrapnellgeschoss über eine Zerlegeladung, die die verheerende Wirkung noch verstärkt. [4]
Auch die Erklärung der Entwicklung der maritimen Linientaktik (54-55) ist aus Sicht des Rezensenten falsch. Bei der Entstehung dieser Gefechtsformation spielte tatsächlich die bauartbedingte Aufstellung der Artillerie an den beiden Schiffsseiten die entscheidende Rolle. Nur wenn eine Flotte in Kiellinie segelte, konnten die Kanonen massiert und ohne Gefahr für die eigenen Schiffe eingesetzt werden. Es ist aufschlussreich, dass alle großen Flotten gegen Ende des 19. Jahrhunderts wieder zur Schlachtlinie zurückkehrten. Obwohl diese modernen "Linienschiffe" (sic!) auch über Bug und Heck feuern konnten, blieb die Breitseite die beste Möglichkeit, um das Gros der Geschütze konzentriert zum Einsatz zu bringen. [5] Noch in der Skagerrakschlacht am 31. Mai 1916 kämpften die Großkampfschiffe daher in der Kiellinie. [6] Manchmal folgt die Taktik eben doch einfach nur der Technik.
Insgesamt bietet das Buch von Sarah von Hagen inhaltlich keine wirklich neuen Einsichten. Ohne wesentlichen Erkenntnisgewinn stellt sie lediglich seit langem bekannte Tatsachen in einen neuen (Theorie-)Kontext, wobei ihr zahlreiche Sach- und Verständnisfehler unterlaufen.
Anmerkungen:
[1] N.A.M. Rodger: The Wooden World. An Anatomy of the Georgian Navy, 2. Aufl., Glasgow 1990, 19-20.
[2] Carl von Clausewitz: Vom Kriege. 4. Aufl., Frankfurt am Main / Berlin 1994, 19.
[3] Sir Julian Corbett: Some principles of maritime strategy, London 1911, 91.
[4] "Kartätsche", in: Wörterbuch zur Deutschen Militärgeschichte, Bd. 1. A-Me, Berlin (Ost) 1985, 361.
[5] Wayne P. Hughes Jr.: "Tactics", in: Oxford Encyclopaedia of Maritime History, Bd. 4, New York 2007, 81-85.
[6] Christian Jentzsch / Jann M. Witt: Der Seekrieg 1914 -1918. Die Kaiserliche Marine im Ersten Weltkrieg, Darmstadt 2016, 96-101.
Sarah von Hagen: Maritime Gewalten. Die Schlacht in den atlantischen Seekriegen, 1665-1783, Frankfurt/M.: Campus 2025, 497 S., ISBN 978-3-593-52156-5, EUR 56,00
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