sehepunkte 26 (2026), Nr. 9

Hannes Siegrist / Jon Mathieu (Hgg.): Föderale Staatsbildung und gesellschaftliche Integration in der Republik der Drei Bünde

Jubiläen sind wichtige Treiber für die Geschichtsforschung. Interessierte Kreise und Institutionen stellen jeweils Geld für neue Forschungen und/oder für Synthesen zur Verfügung. Im Fall des schweizerischen Kantons Graubünden waren jüngst mehrere Jubiläen Anlass für aufwändige historiographische Projekte. Das Institut für Kulturforschung Graubünden führte anlässlich der Feierlichkeiten "500 Jahre Reformation" 2017 ein internationales Symposion zu den sog. "Ilanzer Artikelbriefen" aus den Jahren 1524 und 1526 durch. Die beiden Vereinbarungen schränkten den politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Einfluss der Kirche stark ein. Sie brachen die weltliche Macht des Fürstbischofs von Chur, beseitigten die meisten Feudalabgaben, unterstellten Kirche und Klerus der Kontrolle des Staates bzw. der Gemeinden und machten den Weg frei für die Parität des reformierten und katholischen Bekenntnisses. [1] 2024 gab wiederum das Institut für Kulturforschung Graubünden in Chur zusammen mit dem Staatsarchiv Graubünden den hinsichtlich seines Umfangs, seiner thematischen Breite und Aufmachung beeindruckenden "Atlas zur Geschichte Graubündens 1524-2024" heraus. [2] Der Atlas erschien im Hinblick auf die 500. Wiederkehr des Abschlusses des sog. Bundsbriefs, eines Vertrags, mit dem sich die bis dahin eigenständigen kommunal-adeligen Föderationen des Grauen bzw. Oberen Bundes, des Gotteshausbundes sowie des Zehngerichtebundes 1524 eine gemeinsame Verfassung gaben. Im Kanton Graubünden wurde 2024 unter dem Titel "500 Jahre Freistaat der Drei Bünde" mit Festen, Umzügen, Ausstellungen, Theateraufführungen und Konzerten dieses Ereignisses gedacht, das in der kantonalen Erinnerungstradition als Gründungsmoment der Bündner Eigenstaatlichkeit gilt, auch wenn dies erst in der historischen Nachbetrachtung so gesehen wurde.

In diesem Rahmen veranstaltete 2024 die "Società Storica Bregaglia" zusammen mit weiteren lokalen und regionalen Institutionen Graubündens und der angrenzenden italienischen Regionen eine internationale Tagung zum Thema "Der Bundsbrief der Drei Bünde von 1524 in der Geschichte und Erinnerungskultur Graubündens und seiner Nachbarn. Regionale, nationale und europäische Perspektiven". Sie wollte die historische Forschung über die kommunal-föderale politische Kultur Graubündens "mithilfe von Perspektiven und Ansätzen (...) stimulieren, die in der nationalen und internationalen Forschung über den Staat, die Staatlichkeit und die Kultur des Politischen in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten eine innovative Rolle gespielt haben." (8) Mit diesem konzeptionellen Ansatz sollte der im europäischen Vergleich aussergewöhnliche Fall einer langfristig erfolgreichen Staatsbildung auf der Grundlage von 52 höchstautonomen und zu drei eigenständigen Bündnissystemen zusammengeschlossenen Gerichtsgemeinden sowohl auf dessen Besonderheit wie auch auf dessen Vergleichbarkeit und Ähnlichkeit mit Prozessen der Staatsbildung im übrigen Europa hin untersucht werden. 2025 erschienen die Tagungsbeiträge in Buchform. Mittlerweile sind sie auf der Webseite des die Tagung mitorganisierenden "Centro Giacometti Stampa" auch digital verfügbar. [3]

Thematisch gruppieren sich die Aufsätze zunächst um Fragen der Bündner Verfassungsgeschichte. Florian Hitz schildert die Hintergründe für den Abschluss des Bundesbriefs von 1524; für ihn verfolgten die drei eigenständigen Bünde mit dem Vertrag von 1524 bescheidenere Ziele als die Gründung eines Staates. "Im Zuge jener zunehmenden Selbstregulierung der Bünde und Gemeinden" sei es vielmehr darum gegangen, "Grundnormen für die politischen Abläufe im Freistaat" festzulegen (66). Dies drängte sich nicht zuletzt vor dem Hintergrund der kriegerischen Auseinandersetzungen um die Vorherrschaft über das Herzogtum Mailand auf. Saveria Masa und Franco Minonzio zeigen, wie stark die Drei Bünde spätestens seit ihrer Eroberung des Veltlins 1512 in die Auseinandersetzungen um Mailand verstrickt waren, weshalb sie mit dem engeren Zusammengehen 1524 ihre unsichere Herrschaftsposition in den südalpinen Tälern konsolidieren wollten. Vor dem Hintergrund der Bündner Herrschaft über das Veltlin schliesst Guglielmo Scaramellini mit Beobachtungen zur politischen Theorie Machiavellis an, der sich kritisch mit der Frage auseinandersetzte, ob föderale Republiken wie die Eidgenossenschaft oder die Drei Bünde dauerhaft über Untertanengebiete herrschen könnten und wie sie die lokalen Eliten dafür einbinden mussten. Ulrich Pfister und Manfred Veraguth heben hervor, dass die Beschwörung des Bundsbriefs den inneren Frieden in den konfessionell uneinigen Gerichtsgemeinden mit ihren in rivalisierende Faktionen fragmentierten Machteliten festigen und die Beilegung entsprechender Konflikte rituell bestärken sollte. Dieses Ritual habe jedoch - zunächst unter dem Eindruck der Konfessionalisierung, später der Souveränitätstheorie - seit dem 17. Jahrhundert seine praktische Bedeutung verloren. Drei Aufsätze zu Fragen der Erinnerungstradition und Geschichtskultur beschliessen den Band. Reto Weiss, Florian Hitz und Jon Mathieu beleuchten, in welcher Absicht und auf welche Art und Weise im Kanton Graubünden seit dem 19. Jahrhundert historische Jubiläumsfeiern in Erinnerung an die Gründung der drei Einzelbünde sowie an den Abschluss des Bundsbriefs von 1524 stattfanden.

In seiner Einleitung zum Band stellt Hannes Siegrist die kontextualisierende und komparative Perspektive heraus, die der Tagung zugrunde liegen sollte. Letztlich sind nur Siegrist selbst in seiner Einleitung sowie Andreas Würgler und Jon Mathieu diesem Anspruch gerecht geworden. Siegrist ordnet die Entwicklung der Bündner Staatlichkeit in die "Formierungs- und Transformationsprozesse von Staaten und Gesellschaften im frühneuzeitlichen Europa" (14) ein. Würgler vergleicht die politische Kultur und die Verfassung der Eidgenossenschaft und der Drei Bünde als zwei komplex zusammengesetzten, unmittelbar benachbarten Bündnissystemen. Mathieu untersucht die Herzogtümer Kärnten und Savoyen sowie den Freistaat bzw. Kanton Graubünden im Hinblick auf die Frage, wann und in welcher Absicht dort jeweils Güterverzeichnisse angelegt wurden. Die relativ späte Katasterbildung in Graubünden erklärt er mit der frühen Entfeudalisierung und dem späten Übergang zum Steuerstaat.

Der Rezensent möchte es nicht als Kritik, sondern vielmehr als Frucht der Lektüre dieses perspektivenreichen Bands verstanden wissen, wenn er seine Besprechung mit der Anregung an die Adresse der Bündner Forschungsinstitutionen beendet, eine quellenbasierte Untersuchung der Versammlung der Bundstage ins Auge zu fassen, um auf diese Weise den verfassungsgeschichtlichen Zugang zur zentralen Plattform im politischen Leben des Freistaats der Drei Bünde in praxeologischer Hinsicht zu erweitern.


Anmerkungen:

[1] Jan-Andrea Bernhard / Cordula Seger (Hgg.): Die Ilanzer Artikelbriefe im Kontext der europäischen Reformation (=Zürcher Beiträge zur Reformationsgeschichte; 28), Zürich: Theologischer Verlag 2020.

[2] Atlas zur Geschichte Graubündens 1524-2024, hg. vom Institut für Kulturforschung Graubünden, in Zusammenarbeit mit dem Staatsarchiv Graubünden, Zürich: Hier & Jetzt Verlag 2024.

[3] https://centrogiacometti.ch/images/pdf/siegristmathieu_e-book2025.pdf (13.09.2026).

Rezension über:

Hannes Siegrist / Jon Mathieu (Hgg.): Föderale Staatsbildung und gesellschaftliche Integration in der Republik der Drei Bünde. Neue Forschungen zur Geschichte und Erinnerungskultur im europäischen Kontext (16.-21. Jahrhundert), Zürich: Chronos Verlag 2025, 275 S., 3 Farb-, 18 s/w-Abb., ISBN 978-3-0340-1826-5, EUR 38,00

Rezension von:
André Holenstein
Bern
Empfohlene Zitierweise:
André Holenstein: Rezension von: Hannes Siegrist / Jon Mathieu (Hgg.): Föderale Staatsbildung und gesellschaftliche Integration in der Republik der Drei Bünde. Neue Forschungen zur Geschichte und Erinnerungskultur im europäischen Kontext (16.-21. Jahrhundert), Zürich: Chronos Verlag 2025, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 9 [15.09.2026], URL: https://www.sehepunkte.de/2026/09/40376.html


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