Acht Passfotos mit erkennbaren Gebrauchsspuren und Dienststempel sind auf dem Cover des Buches zu sehen. "Ihre Materialität hat selbst einen gewissen Aussagewert" (43), wie Sabine Jäger betont. Sie hat die 45 Kurzbiografien erarbeitet, die den Kern des hier vorzustellenden biografischen Handbuchs der in der NS-Zeit verfolgten Abgeordneten des Saarländischen Landtag bilden. Jeder Eintrag enthält ein solches Foto aus dem Archiv, einen formalisierten Überblick und einen ausführlichen Text, der sich auf die gesamte Lebenszeit bezieht. Aufgenommen wurden Parlamentarier, die in den Jahren von 1947 bis 1985 im Parlament saßen und nach den in der Einleitung vorgestellten Kriterien des Bundesentschädigungsgesetzes als NS-Verfolgte gelten.
Nach wie vor ist das Wissen über die Parlamente der Nachkriegszeit und die NS-Vergangenheit ihrer Mitglieder, über Strukturen, Lebensläufe, Denkstile und Netzwerke, lückenhaft. Das gilt schon für die nationale Ebene, wie etwa Dominik Rigoll bereits 2014 und Andreas Schulz 2021 betont haben und wie es im Februar dieses Jahres eine Konferenz zur Frühgeschichte des Deutschen Bundestags noch einmal schonungslos offenlegte. [1] Zwar boomten Forschungen zur NS-Personalkontinuität in Bundesministerien und Behörden bis hin zum Kanzleramt in den letzten Jahrzehnten, und die sogenannte "Behördenforschung" wurde gleichsam zu einer zeithistorischen Spezialdisziplin. Bemerkenswert ist jedoch, dass Parlamente, die ja ebenfalls Verfassungsorgane des Bundes und der Länder sind, weniger im Fokus stehen. Zudem weisen sie einige Besonderheiten auf. Parlamente sind zwar auch Institutionen mit einem fest angestellten Mitarbeiterstamm, vor allem jedoch Repräsentativversammlungen, also Orte, an denen gewählte Deputierte mit Mandaten auf Zeit tätig sind. Auch die Quellengrundlage ist speziell. Man sollte zwar meinen, dass Parlamentarier als prominente Persönlichkeiten biografische Spuren hinterlassen haben und in Handbüchern erfasst sind. Diese beruhen allerdings nahezu immer auf eigenen Angaben, die es zu überprüfen gilt.
Der Forschungsstand zu den Länderparlamenten ist unterschiedlich. In den 2000er Jahren entstanden die ersten biografischen Studien zur NS-Vergangenheit der Landtagsabgeordneten auf Initiative der jeweiligen Landtagsfraktionen der Partei "Die Linke" in Niedersachsen (2008), Nordrhein-Westfalen (2009), Hessen (2011) und dem Saarland (2013), durch die Forschungsbedarf markiert und Diskussion in Gang gesetzt wurden. [2] In der Folge ermöglichten und finanzierten die Landtage von Niedersachsen, Hessen und Schleswig-Holstein und die Bremische Bürgerschaft weitergehende Forschungen, zumeist zunächst als Vorstudien und Machbarkeitsgutachten. [3] Zu Hessen brachten erste Dissertationen zum Thema vertiefte Erkenntnisse zu Tage. [4] Ein Forschungsprojekt zu Baden-Württemberg läuft gerade. [5]
Und genau in einem solchen Rahmen entstanden auch die hier zu besprechenden Arbeiten zum Saarland. Der Auftrag des Landtags ging an den Lehrstuhl von Norbert Frei, der als Pionier der Forschungen zur Vergangenheitspolitik und Elitenkontinuität vom Nationalsozialismus zur Bundesrepublik als erste Adresse gelten kann. Maik Tändler erarbeitete eine umfangreiche Vorstudie. [6] Tändler ist auch der Herausgeber des vorliegenden Bandes, zu dem Frei das Vorwort lieferte. Insgesamt wurden zunächst alle 251 Landtagsabgeordneten der 1. bis 8. Wahlperiode (1947-1985) in die Untersuchung einbezogen, unter denen nur 13 Frauen sind. Damit liegen gesicherte Daten sowohl zur NS-Belastung als auch zur Verfolgung vor.
Für das nun vorliegende biografische Handbuch fokussierte man sich der eingangs beschriebenen Auswahl entsprechend auf die Biografien der 45 Verfolgten des NS-Systems, darunter zwei Frauen. Norbert Frei stellt diesen Zugang im Vorwort als Desiderat heraus und betont zudem eine bemerkenswerte Besonderheit. Bis 1955, als das Saarland noch als "Saarstaat" einen Sonderstatus hatte, prägte die Gruppe der Verfolgten eindeutig die Politik. Über 50 Prozent der Abgeordneten der 1. Wahlperiode und etliche Regierungsmitglieder, unter ihnen auch der Ministerpräsident Johannes Hoffmann, gehörten nach den im Handbuch angelegten Kriterien zu den NS-Verfolgten. "Entsprechende Vergleichsdaten zu anderen Landesparlamenten fehlen zwar, doch darf angenommen werden, dass es sich hierbei um einen außergewöhnlich großen Anteil handelte" (8), so Norbert Frei im Vorwort. Mit der Ablehnung des Saarstatuts in der Volksabstimmung von 1955 änderte sich das Bild schlagartig. Viele NS-Verfolgte verließen das Parlament, einige sogar das Land. Die Gruppe der Parlamentarier mit NSDAP-Vergangenheit wurde dominant und machte in den 1960er Jahren zeitweise über 40 Prozent aus.
Maik Tändler stellt dieses Phänomen in der bewundernswert konzisen, inhaltsreichen und sprachlich ausgewogenen Einleitung klar heraus. Ohnehin kommt er nicht umhin, zunächst die besondere Geschichte des Saarlandes zum Ausgangspunkt zu nehmen. Tändler hält sich mit Schlussfolgerungen zurück, macht jedoch klar, wie nachhaltig und kontrovers die sogenannten "Saarabstimmungen", also die Volksentscheide der Jahre 1935 und 1955, waren, "die auch für die meisten der hier Biographierten politisch wie persönlich einschneidende Ereignisse darstellten." (12)
Zu den im Lexikon Porträtierten gehören derart unterschiedliche Persönlichkeiten, dass die "komplexe historische Realität" (25), die sich aus der breiten Definition von NS-Verfolgung ergibt, eindrücklich widergespiegelt wird. Ministerpräsident Johannes Hoffmann, ein Christdemokrat, der als Anhänger des Saar-Statuts einen europäischen Sonderstatus außerhalb der Bundesrepublik erreichen wollten und deshalb zum "Zielobjekt von persönlichen Beleidigungen und Diffamierungen" (124) als "Vaterlandverräter" und "Separatist" wurde, war 1945 aus dem Exil zurück ins Saarland gekommen und verfolgte seine Linie mit harter Hand. Gustav Levy, den Maik Tändler gleich zu Beginn seiner Einleitung herausstellt, hatte als jüdischer Anwalt 1936 Saarbrücken verlassen und nach Frankreich emigrieren müssen. Er entkam durch Glück dem Holocaust. Dass er Ende 1945 nach Saarbrücken zurückkehrte und sich in seinem Beruf und mit politischem Mandat am Aufbau des Landes beteiligte, war "keine Selbstverständlichkeit" (11), wie Tändler treffend formuliert. Mit dem Christdemokraten Edgar Hector war ein französischer Staatsbürger unter den Abgeordneten, der das Saarland nach dem Beitritt zur Bundesrepublik verließ. Der ebenfalls ins Handbuch aufgenommene Sozialdemokrat Hermann Trittelvitz vertrat dagegen einen so entschiedenen pro-deutschen Kurs, dass ihm 1953 die saarländische Staatsangehörigkeit entzogen wurde, weil er auf der Landesliste Rheinland-Pfalz für den Bundestag kandidierte. Es sind diese so vollkommen unterschiedlichen Lebensläufe, die die Lektüre spannend machen.
Die Publikation verfolge, so Norbert Frei im Vorwort, das Ziel, eine Dokumentation auf dem neuesten Forschungsstand vorzulegen, die zudem "einen Beitrag zur historisch-politischen Würdigung" (7) der Porträtierten zu leisten vermag. Beides ist voll und ganz gelungen. Weitere Forschungen, die etwa Auswirkungen biografischer Prägungen auf parlamentarische Arbeit und politische Kultur in den Blick nehmen, können daran anknüpfen.
Anmerkungen:
[1] Dominik Rigoll: Grenzen des Sagbaren. NS-Belastung und NS-Verfolgungserfahrung bei Bundestagsabgeordneten, in: Zeitschrift für Parlamentsfragen 45 (2014), 128-140; Andreas Schulz: Braune Parlamentarier? Zur NS-Vergangenheit des Deutschen Bundestages, in: Magnus Brechtken (Hg.): Aufarbeitung des Nationalsozialismus. Ein Kompendium, Göttingen 2021, 371-385; Verena Mink: Tagungsbericht "Der frühe Bundestag. Personal und Praktiken nach dem Nationalsozialismus", 11.05.2026, https://www.hsozkult.de/conferencereport/id/fdkn-162089.
[2] Hans-Peter Klausch: Braune Wurzeln. Alte Nazis in den niedersächsischen Landtagsfraktionen von CDU, FDP und DP. Zur NS-Vergangenheit von niedersächsischen Landtagsabgeordneten in der Nachkriegszeit, Bremen 2008; ders.: Braunes Erbe. NS-Vergangenheit hessischer Landtagsabgeordneter der 1.-11. Wahlperiode (1946-1987), Wiesbaden 2011; ders.: Braune Spuren im Saar-Landtag. Die NS-Vergangenheit saarländischer Abgeordneter, Saarbrücken 2013; Michael C. Klepsch: 60 Jahre Landtag NRW. Das vergessene braune Erbe, Münster 2009; ders.: Nahtloser Übergang in neue Führungspositionen. Alte Nazis in den nordrhein-westfälischen Landtagsfraktionen von CDU und FDP, Düsseldorf 2011.
[3] Stephan A Glienke: Die NS-Vergangenheit späterer niedersächsischer Landtagsabgeordneter. Abschlussbericht zu einem Projekt der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen im Auftrag des Niedersächsischen Landtages, Hannover 2012; Albrecht Kirschner: Vorstudie "NS-Vergangenheit ehemaliger hessischer Landtagsabgeordneter". Abschlussbericht, in: NS-Vergangenheit ehemaliger hessischer Landtagsabgeodneter. Dokumentation und Fachtagung, hg. vom Präsidenten des Hessischen Landtags, Wiesbaden 2014, 137-206; Karl-Ludwig Sommer: Projektstudie, in: Die NS-Vergangenheit früherer Mitglieder der Bremischen Bürgerschaft. Projektstudie und wissenschaftliches Kolloquium, Bremen 2014, 10-115; Uwe Danker / Sebastian Lehmann-Himmel: Landespolitik mit Vergangenheit. Geschichtswissenschaftliche Aufarbeitung der personellen und strukturellen Kontinuität in der schleswig-holsteinischen Legislative und Exekutive nach 1945, Husum 2017; Uwe Danker (Hg.): Geteilte Verstrickung. Elitenkontinuitäten in Schleswig-Holstein, 2 Bände, Husum 2021.
[4] Sabine Schneider: Belastete Demokraten. Hessische Landtagsabgeordnete der Nachkriegszeit zwischen Nationalsozialismus und Liberalisierung, Marburg 2019; Wolfgang Helsper: Nationalsozialistische Vergangenheit im Parlament. Der Umgang mit Belastung und Entlastung in der hessischen Landespolitik, Marburg 2022.
[5] https://www.lpb-bw.de/forschungsprojekt-ns-vergangenheit-mdl.
[6] Norbert Frei: Die NS-Belastung saarländischer Landtagsabgeordneter. Vorstudie und Forschungsempfehlungen, Bearbeiter: Maik Tändler, 14.11.2016, in: https://www.landtag-saar.de/media/1176/taendler-frei-die-ns-belastung-saarlaendischer-landtagsabgeordneter-2016.pdf.
Maik Tändler (Hg.): In der NS-Zeit verfolgte Abgeordnete des saarländischen Landtags. Ein Handbuch. Bearb. von Sabine Jäger, Göttingen: Wallstein 2023, 251 S., 46 s/w-Abb., ISBN 978-3-8353-5363-3, EUR 24,00
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