Das moderne Denken über die Zeit als Pfeil oder Strahl, der sich von der Vergangenheit durch die Gegenwart hin zur Zukunft bewegt, hat in der Postmoderne zugunsten pluraler Zeitvorstellungen an Deutungshoheit verloren. Mit diesem Wandel, der zu einem Grundnarrativ des expandierenden Feldes der Zeit-Geschichte geworden ist, haben sich vor allem seit den 2010er Jahren zunehmend viele Aufsätze und Monografien auseinandergesetzt.[1] Gesamtdarstellungen, die die postmoderne Verkomplizierung der Kategorie Zeit in ihrer theoretischen Breite systematisch erörtern und sie gleichzeitig mit der Forschungspraxis produktiv verzahnen, waren darunter allerdings kaum zu finden.
Einen sehr lesenswerten und umfassenden Beitrag in diesem Sinne hat Fernando Esposito mit seiner 2025 veröffentlichten Habilitationsschrift vorgelegt. Wie der Titel bereits andeutet, stellt die "Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen" die große begriffliche und theoretische Klammer des Buches dar. In der gängigen Bedeutung dieser Zeitfigur, die den Akzent auf Ungleichzeitigkeit setzt, gilt sie als Grunderfahrung von Zeit in der Moderne sowie als temporales Gerüst des Kolonialismus.[2] Esposito zeigt, wie diese Perspektive auf Zeit im Kontext der von ihm sogenannten "zweiten Krise des Historismus" in den letzten Jahrzehnten zunehmend kritisiert worden ist.[3] Seine zentrale These ist jedoch, dass der Begriff der "Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen" das Potenzial hat, sich von einer mittlerweile überholten modern-kolonialen Prägung zu lösen. Durch eine alternative Bedeutungstradition, die auf die erste Krise des Historismus in den 1920er Jahren zurückgeht, vermöge der Begriff die postmoderne Sensibilität für die Vielfältigkeit, Verflochtenheit und Simultanität von Zeiten auszudrücken.
Um dieses Kernargument herum entwickelt Esposito in seinem Buch drei nicht chronologisch gegliederte Studien, in denen er analysiert, wie die historische Zeit über drei Jahrhunderte bis zur Gegenwart wahrgenommen, konstruiert und theorisiert wurde und wird. Durch das Bild des "Triptychons" (35), das er für seine erzählerische Struktur wählt, bezieht Esposito die drei Teile seines Buches begrifflich eng, aber von Quellen, Ansatz und Erkenntniszielen her lose aufeinander. Diese Gliederungsweise sowie die Heterogenität der drei historischen Stränge, die Esposito verfolgt, stellen ein interessantes Experiment dar, wie sich eine Geschichte der Pluralität der Zeiten nicht nur erforschen, sondern auch schreiben lässt.
Die erste Tafel dieses Triptychons stellt eine beeindruckende Historisierung des Werkes von Reinhart Koselleck dar. Esposito stellt Koselleck als Hauptakteur einer grundlegenden Verschiebung im Geschichtsverständnis seit den 1970er Jahren dar. Ausgehend vom Bielefelder Historiker rekonstruiert Esposito dann ein ideengeschichtliches Geflecht von Personen und Denkansätzen, das sich sowohl diachron als auch synchron erstreckt - von Carl Schmitt und Martin Heidegger über Michel Foucault und Jean-François Lyotard bis zu Hans Ulrich Gumbrecht oder Achim Landwehr. Zu diesem Geflecht gehören ebenfalls Schlüsselerfahrungen wie die nationalsozialistische Diktatur, der Zweite Weltkrieg oder das Krisengefühl nach den Trente Glorieuses, außerdem wissenschaftliche Paradigmenwechsel wie der linguistic und der postcolonial turn.
Die Zentralität von Koselleck sowie die bewusste Fokussierung auf Schriften von Intellektuellen schaffen eine bisweilen affirmative Kontinuität zur theoretischen Leistung des Vaters der Begriffsgeschichte. So verzichtet Esposito darauf, die Kohärenz und Geschlossenheit seiner Erzählung eines Übergangs vom modernen zum postmodernen Geschichtsgefühl kritisch zu hinterfragen - etwa durch die Dezentrierung der Perspektiven, Akteur*innen und Medien. Zugleich funktioniert Koselleck sehr gut als Kompass, um die verschiedenen Facetten der postmodernen Vergleichzeitigung der Zeit zueinander in Bezug zu setzen.
Ein origineller Ansatz zeichnet den zweiten Teil des Triptychons aus. Esposito widmet sich darin der Wissensaneignung und -produktion von Sir William Hamilton - ab 1764 britischer Gesandter am neapolitanischen Hof - über den Vesuv und die geologische Beschaffenheit der Region um Neapel. Den Raum Neapel in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts begreift Esposito dabei als Zusammenhang vielfältiger temporaler Referenzen, mit Landwehr also als "Zeitschaft".[4] Esposito gelingt hier eine beeindruckende Verzahnung zwischen geschichtlicher und geologischer Zeitlichkeit im Geiste der anthropozänischen Zeitforschung. Die Hybridität der menschlich-natürlichen Zeiten wird in seinem Buch somit zu einer prägenden Erfahrung für die Anfänge der historischen Zeit der Moderne.
Eine weitere eindeutige Stärke dieses zweiten Buchteils besteht darin, dass der Begriff der "Zeitschaft" auch in seinen bildlichen Repräsentationen betrachtet und erzählerisch zugleich mitgestaltet wird. So gelten Esposito die Illustrationen der vesuvianischen Landschaft von Pietro Fabris als sehr ergiebige Quellen, um die Verräumlichung der Zeitvorstellungen Hamiltons zu analysieren. Gleichzeitig finden sich am Textrand immer wieder Kästchen mit "Chronoferenzen"[5], die zwischen der Hauptargumentationslinie und vergangenen sowie gegenwärtigen Zeiten vermitteln. Dadurch durchbricht Esposito die lineare Zeitlichkeit und wagt sich an alternative Darstellungs- und Produktionsformen von "Zeitschaft". Dieser Versuch zählt zweifellos zu den innovativsten Elementen des Buches. Die fehlende Metareflexion über die erzwungene Linearität der Textform und die Möglichkeiten, diese in wissenschaftlichen Veröffentlichungen zu überwinden, lässt jedoch eine wichtige Dimension der Argumentation ungenutzt.
Im letzten Teil des Buches schließlich analysiert Esposito die (semi-)kolonialen Vorstellungen Süditaliens in den Äußerungen italienischer und europäischer Intellektueller bis in die 1970er Jahre. Die Analyse des Mezzogiorno-Diskurses als Dispositiv zur Konstruktion der Rückständigkeit, Kolonialität und Peripheralität des ehemaligen Königreichs beider Sizilien aus der Perspektive des neuen nationalstaatlichen Zentrums steht in der Tradition der bestehenden Forschungen zum Thema.[6] In das Gesamtkonzept des Buchs eingebettet erfüllt dieser Teil allerdings die Funktion, das Ungleichzeitigkeitsdenken der Moderne in seiner klassischsten Ausprägung zu ergründen. Vor dem Hintergrund der These zur spiegelbildlichen und somit komplementären Rolle Südeuropas für die Bestätigung der westlichen Moderne hätte eine stärkere Einbeziehung der postkolonialen Forschung zu Osteuropa die Spezifität der Mechanismen zur Konstruktion von Ungleichzeitigkeit im Mezzogiorno noch deutlicher herausarbeiten helfen können.[7] In diesem dritten Teil, der sich die postkoloniale Kritik zu eigen macht, verwundert es, dass Esposito den Objekten des kolonialen Blicks, also den Bewohner*innen des Mezzogiorno, keine Stimme verleiht.
Diese kritischeren Anmerkungen schmälern jedoch nicht die Gesamtleistung Espositos: eine monumentale, sprachlich raffinierte und theoretisch-methodologisch fundierte Auseinandersetzung mit der Gleichzeitigkeit und Verflochtenheit von Zeiten im Zusammenhang mit den Kategorien Raum und Geschichte.
Anmerkungen:
[1] Siehe zum Beispiel Hans Ulrich Gumbrecht: Unsere breite Gegenwart, Berlin 2010; Aleida Assmann: Ist die Zeit aus den Fugen? Aufstieg und Fall des Zeitregimes der Moderne, München 2013; François Hartog: Regimes of Historicity. Presentism and Experiences of Time, New York 2015; Marek Tamm / Laurent Olivier (eds.): Rethinking Historical Time. New Approaches to Presentism, London 2019.
[2] Vgl. Reinhart Koselleck: Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt am Main 1979, 132; Johannes Fabian: Time and the Other. How Anthropology Makes Its Object, New York 1983.
[3] Diese Überlegungen zur "zweiten Krise des Historismus" bauen auf Espositos vorherigen Veröffentlichungen auf, wo er den Begriff bereits verwendet. Siehe Fernando Esposito: Zeitenwandel. Transformationen geschichtlicher Zeitlichkeit nach dem Boom - eine Einführung, in: ders. (Hg.): Zeitenwandel. Transformationen geschichtlicher Zeitlichkeit nach dem Boom, Göttingen 2017, 7-62.
[4] Vgl. Achim Landwehr: Die anwesende Abwesenheit der Vergangenheit. Essay zur Geschichtstheorie, Frankfurt am Main 2016, 308-316.
[5] Der Begriff ist ebenfalls von Achim Landwehr: Siehe ebenda.
[6] Vgl. beispielsweise Jane Schneider: Italy's "Southern Question". Orientalism in One Country, Oxford 1998; Enrico Dal Lago: Italian National Unification and the Mezzogiorno: Colonialism in One Country?, in: Róisín Healy / Enrico Dal Lago (eds.): The Shadow of Colonialism on Europe's Modern Past, Basingstoke 2014, 57-72.
[7] Vgl. Manuela Boatcă: Multiple Europas und die interne Politik der Differenz, in: dies. / Willfried Spohn (Hgg.): Globale, multiple und postkoloniale Modernen, München 2010, 341-358.
Fernando Esposito: Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Eine Geschichte und Theorie historischer Zeiten, Konstanz: Konstanz University Press 2025, 575 S., 38 Farb-, s/w-Abb., ISBN 978-3-8353-9181-9, EUR 48,00
Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse an.