Haydée Mareike Haass: Herbert Reinecker. NS-Propagandist und bundesdeutscher Erfolgsautor. Eine mediale Verwandlungsgeschichte, Berlin: Metropol 2024, 416 S., ISBN 978-3-86331-752-2, EUR 29,00
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Der Name Herbert Reinecker dürfte den wenigsten Menschen heute noch ein Begriff sein. Dabei war er der mit Abstand erfolgreichste deutsche Drehbuchautor des westdeutschen Nachkriegsfernsehens. Er schuf für das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) die Krimiserien "Der Kommissar" und "Derrick", für die er zwischen 1969 bis 1998 alle Drehbücher schrieb. Mit dem Unterhaltungsgenre Fernsehkrimi verhandelte er gesellschaftlich relevante Themen vor einem Millionenpublikum, darunter auch zentrale Fragen nach Gewalt, Schuld und Täterschaft. Dabei ermittelten seine Kommissare stets weitgehend gewaltfrei. Diese Befunde überraschen auf den ersten Blick, denn Herbert Reinecker war während der NS-Zeit ein ebenso erfolgreicher wie einflussreicher Propagandist und Kulturschaffender; unter anderem agierte er im Zweiten Weltkrieg als Kriegsberichterstatter der Waffen-SS.
Haydée Mareike Haass analysiert in ihrer "medialen Verwandlungsgeschichte", so der Untertitel der Studie, eine "Moral History der Bundesrepublik" (15) in der Auseinandersetzung und Abgrenzung zur problembehafteten NS-Vergangenheit. In ihrer medienhistorischen Arbeit kann sie auf themenverwandte Studien zu Vergangenheitspolitiken als Transformationen von der Diktatur zur Demokratie aufbauen - etwa von Axel Schildt, Habbo Knoch oder Norbert Frei, wobei ihr Untersuchungszeitraum bis in die 1970er Jahre reicht. Haass fragt am Beispiel von Herbert Reinecker und der von ihm geschaffenen Figur "Der Kommissar" auch nach der Rolle öffentlich-rechtlicher Sender als demokratiestärkenden "Arenen der Meinungsbildung" (16), die aktuelle gesellschaftliche Veränderungsdiskurse aufgriffen und beeinflussten. Die bei Metropol veröffentlichte gut 400-seitige Studie ist zugleich ihre Dissertation aus dem Jahr 2020, betreut vom leider viel zu früh verstorbenen Habbo Knoch.
Haass nutzt einen breiten Quellenkorpus, der von Reinecker in der NS-Zeit veröffentlichte Texte wie Zeitungsartikel, Theaterstücke, Filme und Bücher einschließt. Auch seine Personalakte, Korrespondenzen und Feldpostbriefe dienen als Annäherung an Einstellungen und Mentalität. Für die Nachkriegszeit konnte Reineckers in der Deutschen Kinemathek verwahrter Nachlass ausgewertet werden. In akteursbezogener Perspektive waren die knapp 100 Folgen von "Der Kommissar" und die Drehbücher dazu die hauptsächliche Medienquelle. Als sehr ertragreich können zudem beim ZDF aufbewahrte Reaktionen der Zuschauerinnen und Zuschauer angesehen werden.
Die Untersuchung ist in sieben Kapitel gegliedert, wobei die Kapitel drei bis sechs den analytischen Kern der Studie bilden. Nach der methodischen Einleitung widmet sich das zweite Kapitel den publizistischen NS-Aktivitäten des 1914 in Hagen geborenen Reinecker. Deutlich wird, dass er kein propagandistischer Mitläufer war, sondern seine beruflichen Stationen als Ermöglichungsräume für weitere Karrieresprünge nutzte, die ihn von der Tätigkeit für die Reichsjugendführung und den parteieigenen Eher-Verlag in die SS-Propagandakompanien als Kriegsberichter führten. Es ist die Geschichte eines sozialen Aufsteigers, der aus ärmlichen Verhältnissen stammte und dem das NS-Regime durch sein politisches Engagement und sein publizistisches Talent eine ungewohnt schnelle Karriere ermöglichte. Haass charakterisiert ihn als "crossmedialen Kulturschaffenden" (45). Methodisch gewinnbringend werden in diesem biografischen Kapitel seine Kultur- und Propagandaaktivitäten mit den Leitbegriffen "Gemeinschaft", "Gegner:innen" und "Führungsfiguren und Krisen" seziert. Besonders in seinen schon früh an junge Menschen adressierten Werken transportiert er die klare Botschaft, nur wer den Ansprüchen der Rassenideologie entspreche, gehöre zur Gemeinschaft und dürfe sich beweisen. Jüdinnen und Juden wurden hingegen als Feindbild definiert. Dabei propagierte er durch seine Erzählfiguren Gewalt als Mittel von Gemeinschaftspolitik. Besonders deutlich arbeitet Haass Reineckers Männlichkeitsideale heraus, nach denen jeder Mann zum Führer werden und NS-Werte auch gewaltsam durchsetzen könne.
Das dritte Kapitel widmet Haass der Selbstinszenierung und öffentlichen Wahrnehmung Herbert Reineckers in der Bundesrepublik. Dabei arbeitet die Autorin mit Rollenbildanalysen etwa des Leistungsträgers oder des Unwissenden. Das Image des Medienintellektuellen inszenierte Reinecker aktiv durch zwei Autobiografien und zahlreiche Homestories in Zeitschriften, auch mit entsprechender Bebilderung als intellektueller Dandy. Reinecker verteidigte mehrfach öffentlich die SS-Männer und negierte ihre Verbrechen. Damit fügte er sich perfekt in das gesellschaftliche Bild der Nachkriegszeit ein, in dem sich die große Mehrheit der Deutschen als bloße Mitläuferinnen und Mitläufer, Unwissende, Befehlsempfängerinnen und Befehlsempfänger oder gar Opfer sahen. Indem er seine Kommissare gewaltfrei und intellektuell überlegen ermitteln ließ, formte er sein eigenes öffentliches Image eines Intellektuellen, der Gewalt als politisches Mittel ablehne. Und dies verfing: So charakterisierte ihn die Journalistin Vera Holm als "Ästheten der Gewaltlosigkeit" (133).
Im folgenden Kapitel steht die Erfindung der Serie "Der Kommissar" im Mittelpunkt, wobei auch die Folgeserie "Derrick" mit einbezogen wird. Haass greift hier noch einmal das Motiv der gewaltfrei ermittelnden Kommissare auf. Mindestens ebenso spannend sind die Genderaspekte. Beide Kommissare sind als patriarchale Figuren angelegt, die alle Fäden der Ermittlungen in der Hand haben. Frauen spielen so gut wie keine Rolle, es wird somit eine maskuline Matrix von Polizeiarbeit propagiert. Eine weitere Verzerrung zwischen polizeilichem Serienbild und gesellschaftlicher Realität betrifft eine Art von autoritärer Philanthropie. Der Kommissar erscheint als guter Mensch; er hört zu und will verstehen, integriert Obdachlose in seine Ermittlungen, die aber immer alkoholisiert sein müssen. Der Kommissar agiert überlegen und autoritär-männlich. Sein Arbeitsverständnis ist nur schwer als demokratisch zu bezeichnen, von real existierender Polizeigewalt ist keine Rede. Die Kommissare spiegeln also einerseits ein antilibertäres Weltbild wider, sind aber als eine Art von Therapeuten trotzdem Identifikationsfiguren für das breite Fernsehpublikum. Nur in Ausnahmefällen taucht in den Folgen von "Der Kommissar" und "Derrick" der Typus des "Berufsverbrechers" auf. Damit, so die These von Haass, scheint Reinecker "die Inszenierung dieser Kategorie, die er als NS-Propagandist propagiert hatte, [...] wohl bewusst auszusparen." (222)
Ausgehend von dieser These fragt die Autorin in Kapitel fünf nach den moralischen Grundsätzen der Täterinnen und Täter in den Serien. Überwiegend werden soziale Krisen zum Auslöser von Mordtaten, was wiederum an damals aktuelle gesellschaftliche Debatten anknüpfte. Teilweise wird der tatausführenden Person sogar Verständnis entgegengebracht. Dezidiert kritisch positioniert sich Reinecker bei Themen wie zerrüttete Familien, Konsum, Habgier sowie vermeintlich enthemmter Sexualität als Tatmotiv. Hier ist deutlich ein gesellschaftlich patriarchalisch-rückwärtsgewandtes Weltbild zu erkennen: Reinecker deutete seine Gegenwart - insbesondere die 1970er Jahre - als Krise der Moderne.
Die Studie beschäftigt sich im sechsten Kapitel abschließend mit Bystanderinnen und Bystandern, Zeuginnen und Zeugen, Mitwisserinnen und Mitwissern und Tatbeteiligten. Hier zieht die Autorin eine Verbindung zu den Frankfurter Auschwitz-Prozessen und der von Fritz Bauer initiierten juristischen Auseinandersetzung mit (Mit-)Täterschaft im Nationalsozialismus. Reinecker gab in seiner Autobiografie nicht umsonst an, sich in seiner Krimiserie mit Fragen nach Schuld und (Mit-)Täterschaft auseinanderzusetzen. Die in den Episoden stets biografisch angelegte Präsentation der Bystanderfunktion interpretiert Haass als eine sowohl für Reinecker selbst als auch für breite Schichten der Bevölkerung höchst willkommene Entlastungsstrategie.
Insgesamt spricht die Autorin dem Serienmacher eine hohe gesellschaftliche Bedeutung zu. In seinen populären Krimiserien schwankte Reinecker zwischen konservativer und liberaler Moral; die Autorin spricht hier von "Transformationsmoral" (359). Die Verhandlung von gesellschaftlichem Wandel im Rückgriff auf die NS-Zeit ist demnach als vielschichtiger Überlappungs- und Umformungsprozess zu verstehen. Dieses Changieren ermöglichte es sowohl Reinecker selbst als auch seinem Publikum, sich in der neuen Demokratie zu verankern, ohne einen selbstkritischen Bruch mit der eigenen Vergangenheit vollziehen zu müssen.
Ein spannender medienhistorischer Aspekt ist die Tatsache, dass Reineckers NS-Vergangenheit im Kern erst nach seinem Tod problematisiert wurde, obwohl er zu Lebzeiten seine Karriere vor 1945 nicht beschwiegen hatte. Dass das ZDF 2016 beschloss, die Serie "Derrick" nicht mehr als Wiederholungen im analogen Fernsehprogramm zu senden, lag jedoch nicht an Reineckers SS-Propagandatätigkeit; vielmehr war publik geworden, dass der Hauptdarsteller, Horst Tappert, Mitglied der Waffen-SS gewesen war. Die äußerst lesenswerte Studie von Haydée Mareike Haass ist nicht nur Historikerinnen und Historikern und Medienwissenschaftlerinnen und Medienwissenschaftlern zur Lektüre empfohlen, sondern ebenso einem breiteren Publikum - und nicht zuletzt TV-Konsumentinnen und Konsumenten, die vielleicht unbewusst von Herbert Reinecker beeinflusst wurden.
Thomas Köhler