Assaf Pinkus: Giants in the Medieval City (= Studies in the Visual Cultures of the Middle Ages; Vol. 20), Turnhout: Brepols 2023, 276 S., 110 Farb-Abb., ISBN 978-2-503-60768-9, EUR 150,00
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So riesig die Objekte dieses Buches, so winzig die bisherige Forschung dazu! Doch nun liegt mit dem Buch von Assaf Pinkus über die "Riesen in den mittelalterlichen Städten" die erste umfassende Untersuchung zu den malerischen und vor allem plastischen Darstellungen solcher Giganten vor.
In sechs Kapiteln - ergänzt um Einleitung und Epilog - werden systematische und fallbezogene Überlegungen angestellt. Davon ist keine als bloße individuelle Fallstudie gedacht, sondern als Beitrag zur Darstellung allgemeiner Phänomene. Dies ist weitgehend gelungen, wenngleich es sich bei dem Buch erkennbar nicht um den Versuch einer erschöpfenden Darstellung des Themas handelt, sondern um eine Anthologie, die auf der Analyse zahlreicher, zeitlich und räumlich differenter Einzelbeispiele basiert.
Die ersten Kapitel hat der Autor alleine geschrieben, bei Kapitel 4 war auch Noeit Williger Aviam beteiligt, während die Kapitel 5 und 6 von Orly Amit bzw. Michal Ozeri stammen. Alle Kapitel werden von Leitideen durchzogen, die offenbar der Hauptautor entwickelt hat.
Diese legt er in Kapitel 1 "Being a Gigant" dar: "Kolosse" waren dazu gedacht, bei ihren Betrachtern "Riesen-Imaginationen" hervorzurufen. Konzeptionen und intendierte Rezeptionen werden daher gleichermaßen untersucht. Auf allgemeine, anthropologische Überlegungen folgt die Herleitung der mittelalterlichen Darstellungen aus griechischen, jüdischen und nordischen Traditionen. Und es wird Wert auf die Wandlung der Riesen von negativ zu positiv konnotierten Helden gelegt. Diese Aspekte werden im Buch dann durchgängig verfolgt.
Im Fokus von Kapitel 2 "Out of Scale" stehen Fresken des frühen 15. Jahrhunderts auf Schloss Runkelstein bei Bozen, bei denen Giganten untereinander und mit Personen in normalen menschlichen Dimensionen interagieren. Mittels der Analyse dieser Bilder werden vielfältige Perspektiven in Bezug auf Entstehungs- und Interpretationsmöglichkeiten von "Riesenbildern" aufgetan: Neben ihrer narrativen Einbindung konnte ihre eigentliche semantische Funktion darin bestehen, scheinbar objektive Größen und Größenverhältnisse zu destabilisieren. Dies mochte einerseits soziale Hintergründe haben: Die für das Schloss auftraggebende Vintler-Familie befand sich damals im sozialen Aufstieg, also im übertragenen Sinne zwischen klein und groß, was die Bilder vielleicht direkt oder indirekt reflektieren. Andererseits sind sie möglicherweise aber auch Zeugnisse dafür, dass damals in den Bildküsten Maßverhältnisse fluide wurden. Was damit gemeint ist, demonstriert der Autor an ganz unterschiedlichen Beispielen wie z.B. den Schutzmantelmadonnen, bei denen Maria zu einer von Zwergen umgebenen Riesin mutiert. Er spricht vom "Scaling Turn" im Spätmittelalter und führt überlegenswerte Begriffspaare wie "Up-Scaling and Downscaling" oder "Size-Scale" ein.
Kapitel 3 "A Giant in the City" verfolgt das "Riesen"-Thema anhand der spätmittelalterlichen Rolande in norddeutschen Städten weiter, insbesondere am Beispiel des Bremer Rolands. Auch hier geht es ihm darum, die Vielfalt an Herleitungsmöglichkeiten-, von Funktionen und Bedeutungen jener Werke herauszustellen: Weil die Attribute dieser Statuen beispielsweise kaum mit denen übereinstimmen, die sie nach der z.B. durch den "Stricker" überlieferten Legenden als historische Rolande eigentlich tragen müssten, handele es sich bei ihnen eher um Figuren, bei deren Darstellung sich schwach memoriertes Wissen mit neu erfundenen Erinnerungen und Legenden verband. Zudem werden sie als profane Alternativen zu in sakrale Kontexte eingebundenen Bildwerken gesehen, denen man sich daher auch nicht devot anzunähern hatte. Weil sie aber ursprünglich meist aus Holz bestanden und erst später in Stein erneuert wurden, denkt der Autor daran, dass Rolande ursprünglich so etwas wie "living sculptures" gewesen sein könnten, zumal Holz ehemals eine natürliche, magische Kraft (146, mit Literaturverweisen) beigemessen worden sei. Diese Vermutung mag als Teil einer multiperspektivischen Herangehensweise methodisch interessant sein. Aber es fragt sich doch, ob sie auch vor dem Hintergrund handwerklicher Praxis haltbar ist: Wer außer den Holzbildhauern, die mit großen Balken umgehen konnten, hätte denn in den standsteinarmen norddeutschen Städten monumentale Skulpturen herstellen können?
Inhaltlich eng verknüpft mit diesem ist das nachfolgende Kapitel 4 "Chaos and Order in the Cities". Hier wird vor allem die potenzielle Ambivalenz dieser Riesenfiguren hervorgehoben, indem sich der Blick auf die zwergenhaften, oft übersehenen Figuren zu ihren Füßen oder an ihren Sockeln richtet. Denn während die Heldenrolle der großen Rolande oben nicht direkt hinterfragt wird, erscheint dort unten ein Personal, das mal die Hauptfigur unterstützend wirkt, mal auf überwundene Gegner hinweist und mal das ganze Figurenarrangement zu ironisieren scheint. Methodisch zielen diese Ausführungen darauf ab, vor einer schnellschlüssigen und eindeutigen Interpretation diese Bildwerke zu warnen, um stattdessen auf die Überlagerung zwischen dem Gebrauch des bekannten Roland-Bildtyps und seiner je orts- und zeitspezifischen Anwendung hinzuweisen. Dieses höchst berechtigte Anliegen wird in demselben Kapitel dann allerdings durch eine offensichtliche Überinterpretation des Brandenburger Rolands konterkariert, weil bei diesem zusätzlich zum erwartbaren Gehalt auch eine Reminiszenz an den altgermanischen "Thor" vermutet wird. Wer hätte alle diese bildhaften Funktionen der Skulptur einschreiben sollen, die ja von der künstlerischen Qualität her weniger als mittelmäßig ist, und wer hätte das alles wieder herauslesen können?
Kapitel 5, "Gigants of London" (Orly Amit), widmet sich exemplarisch zwei Riesenfiguren, die 1415 beim Einzug von König Heinrich V. nach seinem Sieg in der Schlacht von Agincourt in der englischen Hauptstadt errichtet wurden, während Kapitel 6 "The Gigantic as the Late Medieval Sublime" (Michal Ozeri) versucht, eine Engführung zwischen der Wahrnehmung der Alpen als "sublimer" Landschaft und den dort sehr früh und weit verbreiteten riesenhaften Christopherus-Darstellungen vorzunehmen. Gleichzeitig wird anhand dieses Beispiels postuliert, dass es nicht bloß in Antike und Renaissance, sondern auch im Mittelalter eine Vorstellung des Sublimen gegeben habe. Die Frage ist allerdings, ob die vernakulären Beispiele dieses Kapitels ausreichen, um diese These generell zu belegen.
Sämtliche Gedanken fasst der Hauptautor am Ende noch einmal in einem "Epilog" benannten Kapitel zusammen.
Bei dem Buch handelt es sich um das ideenreiche Unterfangen, ein bloß scheinbar vertrautes, aber eigentlich kunsthistorisch nie wirklich kritisch betrachtetes Thema zu erschließen. Dabei zeigt es sich, dass inhaltlich besonders Aspekte der historischen Entwicklung der Darstellungen riesenhafter Personen und des Changierens ihres Charakters zwischen Gut und Böse näherer Betrachtung bedürfen. In Bezug auf eine formale Analyse kann es fruchtbar sein, die künstlerischen Optionen für eine parallele Darstellung von Groß und Klein im Spätmittelalter zu eruieren. Denn offenbar entwickelten sich damals innovative und kreative Darstellungsmöglichkeiten, die wenig später dem "retour à l'ordre", das heißt zu den sogenannten aristotelischen Einheiten von Zeit, Handlung und vor allem Raum, zum Opfer fielen.
Wie bei allen solchen groß angelegten und daher besonders verdienstvollen Überblickswerken gibt es auch Fehlstellen und blinde Flecken. So kommen beispielsweise die für das Thema inkunabelhaften Darstellungen der beiden Giganten Roland und Oliver am Portal der Kathedrale von Verona aus den 1130er Jahren nicht vor, die dort in einem anderen Maßstab als ihre benachbarten Figuren dargestellt sind. Auch die seit dem späten 13. Jahrhundert überlieferte Tradition der zuerst in Aragón und Katalonien bei Volksfesten auftretenden Figuren "Gegants" und "Capgrossos" - "Riesen" und "Großköpfe", die später in anderen Regionen Europas übernommen wurde, wird nicht erwähnt. Und wie so oft, wird manche nicht-englischsprachige Literatur ignoriert, wie z.B. die grundlegenden Ausführungen von Horst Fuhrmann zu den Christopherus-Darstellungen - was inhaltlich nicht ohne Folgen ist. Zuletzt hat sich dem Rezensenten nicht erschlossen, warum auf dem Buchumschlag mit dem 1610 entstandenen Roland in Belgern, in typischer Spätrenaissance-Rüstung, eine erkennbar neuzeitliche Figur das Titelbild von Giants in the Medieval City ist.
Aber solchen Kritikpunkte sind unmaßgeblich in Hinblick darauf, dass das vorliegende Buch methodisch zahlreiche neue und vor allen originelle Perspektiven auf die Betrachtung mittelalterlicher bildkünstlerischer Darstellungen eröffnet.
Bruno Klein