Rezension über:

Dieter Langewiesche: Warum wurde in Afrika anders Krieg geführt als in Europa? (= Europa transnational. Essayreihe En passant; Bd. 1), Hagen: Hagen University Press 2025, 57 S., ISBN 978-3-98767-499-0, EUR 18,90
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Rezension von:
Manfred Hanisch
Historisches Seminar, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Manfred Hanisch: Rezension von: Dieter Langewiesche: Warum wurde in Afrika anders Krieg geführt als in Europa?, Hagen: Hagen University Press 2025, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 1 [15.01.2026], URL: https://www.sehepunkte.de
/2026/01/40536.html


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Dieter Langewiesche: Warum wurde in Afrika anders Krieg geführt als in Europa?

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Die zentrale These des Essays lautet: Die Europäer führten Krieg in Afrika gegen das Völkerrecht. Der völkerrechtlich eingehegte Krieg war eine Ausnahmeerscheinung, die vor allem für europäische Kriegsschauplätze von 1815-1914 galt. "Eingehegt" heißt: Nur Krieg gegen die Regierung und das Militär, nicht gegen die Zivilbevölkerung. Außerhalb Europas und außerhalb dieses Zeitraumes davor und danach wurde immer schon Krieg gegen die Lebensgrundlagen der angegriffenen Völker geführt. Diese Art Krieg war die Regel, "Normalkrieg", wie Dieter Langewiesche es nennt. "Daran lässt die Forschung keinen Zweifel" (17).

In Afrika wurden die völkerrechtlichen Standards außer Acht gelassen, weil man mit ihnen gegen einen Gegner, der diese seinerseits nicht beachtete, keinen Erfolg haben konnte. Der nicht eingehegte Krieg, wie die Europäer ihn in Afrika praktizierten, ist dabei nicht genuin europäisch. Er wurde auch unter den Völkern Afrikas praktiziert. "Ein Merkmal der afrikanischen Art des Krieges schon in vorkolonialer Zeit sei der Angriff auf die Lebensgrundlagen des Feindes gewesen" (31f.). Historiker, z. B. Richard J. Reid, auf den sich Langewiesche u. a. stützt, nannten diese Art Krieg "totalen Krieg" (32). Diese Kriegsform "gab es längst auch in den vorkolonialen Kriegen. Und sie hat die Kolonialzeit überdauert" (17f.). Dabei lässt Langewiesche es dahingestellt, ob der Begriff "totaler Krieg" angemessen ist.

Thesen sollen diskutiert werden, d. h. sie dürfen angegriffen und verteidigt werden. Ihre Validität steht im Diskussionsprozess zur Disposition. Forschungsergebnisse sind dagegen wissenschaftlich abgesichert. Die verschiedenen wissenschaftstheoretischen Ansätze sollen hier einmal außen vorgelassen werden. Wie kann man Langewiesches Ausführungen einordnen: Thesen oder Forschungsergebnisse? Unabhängig davon sind seine Aussagen brisant. Sie relativieren die Verantwortung der Europäer an den Schicksalen der afrikanischen Völker - Schicksale, auf die auch der Begriff "Völkermord" angewandt wird. Ob dieser Begriff angemessen ist oder nicht, darauf geht Langewische ausdrücklich nicht ein (32). Die Kriegführung z. B. in Deutsch-Südwest-Afrika, zeitgenössisch ausgedrückt, gegen die "Hottentotten" und "Hereros", ist in dieser Argumentation nichts Besonderes. Afrikaner wurden mit den Mitteln ihrer eigenen Kriegführung geschlagen.

Und dann noch die bekannten Feststellungen: Die Versklavung der Afrikaner funktionierte mit Hilfe von afrikanischen Stammesführern und Königen. Für sie waren die eigenen Untertanen nicht viel wert und sie lieferten sie gegen billige Vorteile der Versklavung aus. Auch seien die Kriege der Europäer in Afrika nicht möglich gewesen ohne afrikanische Soldaten und ohne die Unterstützung afrikanischer Frauen, die Hilfsdienste leisteten. Darüber hinaus erfährt der Nicht-Afrika-Kundige viel Wissenswertes über Afrika in vorkolonialen Zeiten, z. B., dass vor 1876 "noch mehr als 90% des afrikanischen Kontinents von Afrikanern beherrscht wurden." (31)

Über die Aussagen Langewiesches wird angesichts ihrer Brisanz diskutiert werden, zumal das Narrativ vorherrscht, dass nur die Europäer aus Gewinnsucht und Gründen des Rassismus alle zivilisatorischen Standards und völkerrechtlichen Einhegungen des Krieges außer Acht gelassen haben. Indes: Langewiesche fragt auch, was Europäer in den unterworfenen Regionen überhaupt zu suchen hatten. Er exkulpiert die Europäer und ihre Kriegführung nicht. Das muss deutlich gesagt sein. Er schreibt nur über den Krieg. Dabei greift der Titel "Warum wurde in Afrika der Krieg anders geführt als in Europa" zu kurz. Er rückt Afrika ins Zentrum. Dabei geht es viel allgemeiner um Kriegführung überhaupt und die Relativität der völkerrechtlichen Einhegung des Kriegs. Die zentrale These Langewiesches tritt mit einem viel allgemeiner gültigen Anspruch auf.

Und wie steht es mit der wissenschaftlichen Absicherung? Langewiesche zieht weniger eigene Forschungen als Beleg für seine Thesen heran, als vielmehr eine beeindruckende Fülle internationaler Sekundärliteratur sowie eine Fülle militärischer und militär-theoretischer Primärliteratur. Er ist einer der ausgewiesensten Historiker mit dem Schwerpunkt Geschichte des 19. Jahrhunderts, unbestritten einer der besten Kenner seines Faches. Doch habe er sich "lange Zeit mit der Geschichte des eigenen Kontinents auseinandergesetzt" (14), so Denis Schmidt (Fernuniversität Hagen) mit relativierendem Unterton in seinem einleitenden Aufsatz.

Die Schrift mit knapp 40 Seiten Text ist in der Schriftenreihe "Europa transnational" erschienen und sie ist die erste Veröffentlichung in der Unterreihe mit dem vielsagenden Titel "En passant". Die Reihe verfolgt das Ziel, "Schriften zu veröffentlichen, die sich aus transnationaler Perspektive mit der Geschichte Europas im 19. und 20. Jahrhundert auseinandersetzen. [...] Mit kleinen Essaybänden wird kurzfristig in aktuelle geschichtswissenschaftliche Debatten eingegriffen." (Vorwort, 7) Dies ist mit der vorliegenden Schrift voll geglückt, auch wenn man sich fragen kann, was in diesem Kontext "kurzfristig" bedeuten mag.

Das Fazit wird von Denis Schmidt - etwas sibyllinisch - in der Einleitung gezogen: "Gerade weil die von Langewiesche in seinem Artikel entwickelten Überlegungen in vielfacher Hinsicht zum Widerspruch und zur Weiterentwicklung anregen, können sie für die zukünftige Diskussion über Kolonialkriege fruchtbar und gewinnbringend sein." (14) Dem ist nichts hinzuzufügen. Die Diskussion ist eröffnet. Und sie ist wünschenswert - und das über die afrikanische Geschichte hinaus! War der Krieg nicht immer schon Krieg gegen die Lebensgrundlagen des Feindes?

Manfred Hanisch