Helene J. Sinnreich: The Atrocity of Hunger. Starvation in the Warsaw, Łódź, and Kraków Ghettos during World War II, Cambridge: Cambridge University Press 2023, XII + 294 S., ISBN 978-1-009-10008-3, EUR 91,03
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Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.
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Dass Hunger in vielen Ghettos im besetzten Polen grassierte und zum Teil für ein Ausmaß an Sterblichkeit verantwortlich war, das phasenweise selbst jene in Konzentrationslagern übertraf, ist in der Forschung grundsätzlich bekannt. Eine detailliertere Untersuchung dazu stand jedoch noch aus. Diese hat nun Helene J. Sinnreich mit dem hier zu besprechenden Buch vorgelegt. Im Kern schreibt sie eine Erfahrungsgeschichte von Hunger unter den Bedingungen von Ghettoisierung, somit eine akteurs- und vielfach akteurinnenzentrierte Untersuchung von Praktiken, mit denen die Verfolgten versuchten, Mangel und Hunger standzuhalten und unter widrigsten Bedingungen zu überleben. Hunger als Form der "langsamen Gewalt" (der slow violence im Sinne von Rob Nixon) lässt sich nicht aussitzen, sondern Menschen mussten (und müssen) sich dazu verhalten. Die Verhaltensoptionen jedoch, die den Verfolgten zur Verfügung standen, waren für jede historische Epoche spezifisch und differierten auch von Ghetto zu Ghetto, wie die Verfasserin an den drei als Beispielfälle herangezogenen so genannten "jüdischen Wohnbezirken" Warschau, Lodz und Krakau zeigt. Gemeinsam war ihnen u. a., dass sie in großen polnischen Städten lagen und über eine zahlreiche jüdische Bevölkerung verfügten. Bei den Unterschieden ist vor allem darauf hinzuweisen, dass sie sich hinsichtlich des Grades ihres Abschlusses von ihrer Umgebung unterschieden, was sich für die Überlebenschancen der Eingeschlossenen als ein Umstand von besonderer Bedeutung erwies.
Die klug gegliederte Studie beginnt mit einem Kapitel, das die frühe antisemitische Gewalt der deutschen Besatzer in den Blick nimmt. Sinnreich stellt heraus, dass Gewalt, fehlende (internationale) Hilfe bei einer steigenden Zahl von Hilfsbedürftigen sowie Besitzkonskriptionen und Berufsverbote zu einer Pauperisierung der jüdischen Bevölkerung bereits vor der Ghettoisierung führten. Mangel und Hunger waren somit Erfahrungen, die dem Ausschluss aus den besetzten Gesellschaften der drei Beispielstädte vorangingen. Daran schließen sich Betrachtungen der (eingeschränkten) Möglichkeiten der "Judenräte" bei der Lebensmittelversorgung der Ghettobewohner:innen an. Herausgestellt werden Rationierungssysteme als Form vergemeinschafteter coping-Strategien innerhalb des Ghettos sowie individuelle Versuche (bzw. solche von Kleingruppen wie Haushalts- oder Familiengemeinschaften). Zu letzterer Variante gehörten die Unterstützung durch Pakete von außerhalb, Versuche der Herstellung von Lebensmitteln im Ghetto, Tauschhandel oder den Rückgriff auf so genanntes Hungeressen. Sinnreich schildert gerade die Vielfalt dieser Strategien, aber auch ihr Prekär-Sein, eindrücklich auf der Basis eines umfangreichen Korpus an Ego-Dokumenten. Dabei stellt sie heraus, dass zwar Vorkriegswohlstand und sozialer Status durchaus die Chancen auf Versorgung erhöhen konnten und sich Genderaspekte oft zuungunsten von Frauen auswirkten, weil sie ggf. von einflussreichen Zirkeln ausgeschlossen waren, unterstreicht jedoch, dass in der Summe vor allem individuelle Findigkeit und Anpassungsfähigkeit das Überleben sicherten (125).
Eine der argumentativen Kernachsen des Buches bildet der Befund, dass Mobilität als die typische Strategie, auf die Menschen in Hungerkrisen weltweit zurückgriffen und bis heute -greifen, den in die Ghettos gezwungenen jüdischen Bevölkerungen verwehrt blieb. Somit schufen die deutschen Besatzer durch die Ghettoisierung genozidale Hungerbedingungen für jene, die in ihren Augen "nutzlose Esser" waren. Das Ghetto zumindest zeitweise verlassen zu können, war daher überlebensnotwendig. Sinnreich widmet sich in diesem Zusammenhang vor allem zwei zentralen Strategien, dem Schmuggel und der Arbeit außerhalb der Ghettos. Tatsächlich bildeten Nahrungsmittel, die durch Schmuggel in die Ghettos Warschau und Krakau gelangten, hier einen wichtigen Beitrag zur Lebensmittelversorgung; während im Unterschied dazu die hermetische Abriegelung in Lodz dies verhinderte (143 f.).
In diesem Zusammenhang wäre ein breiterer Fokus der Studie wünschenswert gewesen. So zitiert die Verfasserin Berichte jener Personen, denen es gelang, Lebensmittel auf der so genannten "arischen Seite" zu besorgen. Diese Schilderungen beschränken sich jedoch oft auf ein "We had a chance to buy" (zum Beispiel 174). Dies sei hier deswegen hervorgehoben, weil es darauf verweist, dass nicht nur das Verlassen des Ghettos essenziell war für die Beschaffung von Lebensmitteln, sondern auch für die Bedingungen jenseits der Ghettomauern: Zwar war hier die Versorgung besser als im Ghetto, doch herrschte phasenweise ebenfalls Mangel; viele Lebensmittel gab es nur zu kaufen, wenn man über die notwendigen Lebensmittelmarken verfügte (was bei der ghettoisierten jüdischen Bevölkerung nicht der Fall war). Jene Schmuggler, die Warschau und Krakau mit Waren aus dem ländlichen Umland versorgten, sahen sich mit Razzien konfrontiert (was die Versorgung empfindlich verschlechtern und die Preise auch außerhalb des Ghettos hochtreiben konnte). Zudem brauchten kauf- und tauschwillige Jüd:innen Güter oder Geld für den städtischen Schwarzmarkt. Selbst wenn alle diese komplexen Gegebenheiten erfüllt waren, bestand ein hohes Risiko: Sämtliche damit verbundenen Praktiken, sowie auch grundsätzlich alle Hilfen für Jüd:innen, wurden seitens der deutschen Besatzer kriminalisiert. Nicht zuletzt deswegen liefen jüdische Personen außerhalb des Ghettos Gefahr, denunziert zu werden. Es ist bedauerlich, dass Sinnreich diesem Kontext, den sie für die Versorgung der Ghettos in Warschau und Krakau zu Recht als überaus wichtig herausstellt, so wenig Raum gibt, denn letztlich ist die Geschichte des Überlebens (bis zu den Deportationen) auch eine Geschichte der eingeschränkten Interaktion innerhalb einer besetzten Gesellschaft. Die hohen Mortalitätsraten in Lodz verweisen exakt hierauf: Der sehr weitgehende Abschluss des Ghettos verhinderte, dass Menschen es verlassen konnten, unterband damit Kontakte zur nichtjüdischen städtischen Gesellschaft und verringerte die Spielräume für die Betroffenen, Strategien gegen genozidalen Hunger zu entwickeln.
Für eine Studie, die auch solche Aspekte beinhaltet, hat Sinnreich jedoch viel mehr als nur Vorarbeiten geleistet. Dank ihrer Untersuchungen sind wir mit dem Hunger in drei zentralen Ghettos, vor allem aber mit den vielfältigen Strategien verfolgter Jüd:innen vertraut, mit dieser Form der "langsamen Gewalt" umzugehen. Das Buch dürfte damit zu einem Standardwerk werden.
Tatjana Tönsmeyer