Rezension über:

Johann Anselm Steiger / Ricarda Höffler (Hgg.): Geistliche Intermedialität und Interkonfessionalität in Danzig, Königlich Preußen und Herzoglich Preußen (16. bis 18. Jahrhundert). Zehn Fallstudien (= Geistliche Intermedialität in der Frühen Neuzeit; Bd. 11), Regensburg: Schnell & Steiner 2024, 304 S., 72 Farb-, 58 s/w-Abb., ISBN 978-3-7954-3904-0, EUR 59,00
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Rezension von:
Sabine Jagodzinski
Stiftung LEUCOREA, Lutherstadt Wittenberg
Redaktionelle Betreuung:
Christoph Schutte
Empfohlene Zitierweise:
Sabine Jagodzinski: Rezension von: Johann Anselm Steiger / Ricarda Höffler (Hgg.): Geistliche Intermedialität und Interkonfessionalität in Danzig, Königlich Preußen und Herzoglich Preußen (16. bis 18. Jahrhundert). Zehn Fallstudien, Regensburg: Schnell & Steiner 2024, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 1 [15.01.2026], URL: https://www.sehepunkte.de
/2026/01/40870.html


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Johann Anselm Steiger / Ricarda Höffler (Hgg.): Geistliche Intermedialität und Interkonfessionalität in Danzig, Königlich Preußen und Herzoglich Preußen (16. bis 18. Jahrhundert)

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Der vorliegende Sammelband ist das Ergebnis einer interdisziplinär und international ausgerichteten Tagung, die als Kooperation zweier an der Universität Hamburg angesiedelten Entitäten (Forschungsgruppe "Geistliche Intermedialität in der Frühen Neuzeit" und Graduiertenkolleg "Interkonfessionalität in der Frühen Neuzeit") im September 2022 am Alfried Krupp Wissenschaftskolleg in Greifswald stattgefunden hat.

In zehn Fallstudien wird sich einem komplexen Problemfeld in einer vielschichtigen historischen Region angenähert. Das Untersuchungsgebiet setzt sich aus drei konfessionell, ständisch, ethnisch und politisch gemischten, sich zudem in der longue durée auseinanderentwickelnden und gleichwohl geografisch, historisch, personell und kulturell eng verflochtenen Teilregionen des südlichen Ostseeraums zusammen: dem Herzogtum (ab 1701 Königreich) Preußen, dem Königlichen oder Polnisch Preußen (mit starkem Landesbewusstsein und großer Autonomie unter der Oberherrschaft der Polnischen Krone) und der darin gelegenen, mit noch mehr Privilegien und einem mächtigen Patriziat ausgestatteten Stadt Danzig.

Die interessante Gemengelage bietet sich schon deshalb für vergleichende Zugänge und Analysen von grenzüberschreitenden oder grenzmanifestierenden Aspekten an. Im vorliegenden Band stehen religiöse bzw. konfessionelle Gesichtspunkte im Fokus und - wie ein genauerer Blick auf die Beiträge zeigt - insbesondere die Spielarten des Luthertums.

Das Vorwort gibt über die drei im Band verfolgten methodischen Zugänge Auskunft. Erstens soll das Zusammenspiel von geistlichen Stoffen und verschiedenen sprach- und bildkünstlerischen Medien sowie daraus resultierende semantische und ästhetische Mehrwerte beleuchtet werden. Zweitens sollen "Konkretionen" (7) frühneuzeitlicher Interkonfessionalität analysiert werden, und drittens wird nach "Manifestationen" (7) geistlicher Intermedialität, die von Interkonfessionalität geprägt wurden, gefragt. Auf den ersten Blick scheinen sich die drei um Ausdrucks- bzw. Erscheinungsformen kreisenden Punkte in ihrer Knappheit definitorisch sehr zu ähneln, und erst im Laufe bzw. bei vergleichender Lektüre der Texte erschließen sich die Unterschiede und Abgrenzungen.

Ein Versuch, die zehn Einzelstudien jeweils eindeutig fachlich zuzuordnen, ist weitgehend zum Scheitern verurteilt - was positiv zu werten ist, denn die gewählten Themen sind zum allergrößten Teil tatsächlich multi- und interdisziplinär gewählt und plurimedial bearbeitet (was bei weitem nicht jede "Interdisziplinarität" verheißende Publikation einlöst!). Sie stammen aus den Bereichen Geschichte, Theologie, Musik-, Literatur- und Kunstwissenschaft, Architektur- und Kulturgeschichte und befassen sich u. a. mit emblematischen, prosopografischen, hermeneutischen oder rezeptionsgeschichtlichen Fragen.

In sinnvoller Weise begrenzt wird der Bearbeitungszeitraum auf die Jahre 1525 (Einführung der Reformation im Herzogtum Preußen) bis 1772 (Ende der Existenz der "beiden Preußen" als vorstaatliche Entitäten), wobei sich - ebenso folgerichtig - der Großteil der Textbeiträge auf das lange 17. Jahrhundert zwischen 1580 und 1730 konzentriert. In jener Zeit waren die (nicht nur) konfessionellen Entwicklungen, Verflechtungen und Verwerfungen am intensivsten. Als positiver Nebeneffekt lassen sich die in den Texten analysierten Phänomene untereinander direkter in Beziehung zueinander setzen, Parallelen oder Gegensätze sind besser zu erkennen (z. B. zum Thema "Orgeln" die Beiträge von Janine Droese / Ricarda Höffler und Frank Alexander Kurzmann).

Nicht nur als längster, sondern meines Erachtens auch als thematisch besonders vielschichtiger Beitrag ist der von Droese/Höffler zur Rezeption der Motettenbilder Johann Sadelers in den beiden Teilen Preußens hervorzuheben. Er beinhaltet bezüglich der Bandkonzeption viel Grundsätzliches. So wird z. B. das grundlegende Problem beim interdisziplinären Arbeiten, sich fächerübergreifend über Definition, Verwendung und Neuschöpfung von Begriffen zu verständigen (Bsp. "Bildmotette" und "Motettenbild", 23) diskutiert. Inhaltlich werden die lutherische Musikanschauung und Legitimation der kirchlichen Orgelmusik untersucht. Kunstwerke verschiedenster Gestalt im Kirchenraum (Bibeltexte, Noten, Gemälde nach Stichen, Emporendekoration u. a.) werden in gleich mehreren Kontexten (Entstehung, Wirkung, Rezeption, räumliche Disposition) gleichwertig untersucht, so dass im Ergebnis überzeugend "die mithilfe der Medienkombination generierten Bedeutungsschichten" (24) dargelegt werden. Weiter beleuchtet der Text nicht nur die Rezeptions-, sondern auch die bereits multidisziplinäre Produktionsebene, und die Verfasser:innen werfen vergleichende Blicke über die fokussierten preußischen Regionen hinaus, um überkonfessionell motivische Vorbilder, Verbreitungswege und Zentren der "kreativen Aneignung" (45) zu erhellen.

(Erst) der fünfte Beitrag (von Christian Schmidt) beleuchtet anhand von Andachtsliteratur das Konzept der "geistlichen Intermedialität" unter Bezug auf Johann Anselm Steiger - als ein sinnlich-emotional und sprachbildlich evoziertes "Vor-Augen-Stellen" und dadurch Vermitteln der Heilsmittlerschaft Jesu. Entsprechend wird die Gebetsituation auch als "heilsames Mittel" (219) bezeichnet. Der Beitrag erhellt zugleich in anschaulicher Weise die Abgrenzung zu dem - in der Mehrzahl der versammelten Studien zugrunde gelegten - Konzept der Intermedialität in den Künsten, mit dem das Zusammenspiel mehrerer sprachlich-textlicher, bildlich-räumlicher oder performativer Medien gemeint ist. Die Differenzierung in dieser ausführlicheren Form wäre bereits in der Einleitung hilfreich für die Orientierung gewesen. Schmidts Beitrag verweist außerdem treffend auf Höffler, die an anderer Stelle eine Plurimedialität konstatiert hat, die entgegen der landläufigen Annahme vom "Wort allein" den Strömungen des Luthertums in Preußen eigen sei (226). Eben dies spiegelt sich auch in den anderen Studien des Bandes deutlich wider.

Zehn Fallbeispiele insgesamt auf ihren innovativen Forschungsbeitrag hin zu beurteilen, kann nicht allen gleichermaßen gerecht werden. Als unausgesprochenes Postulat und zu füllendes Desiderat für die - nicht nur historische, sondern fachlich übergreifende! - Ostmitteleuropaforschung gibt der Sammelband den Leser:innen jedoch mit auf den Weg, dass die betrachteten Teilregionen der Großregion Ostseeraum und deren Einfluss- und Kontaktgebiete voller noch unentdeckter, differenziert zu erarbeitender Cluster und Verflechtungen kultureller Phänomene stecken, die es jenseits früherer konfessioneller Schwarz-Weiß-Zeichnungen und preußisch-polnischer Konfliktnarrative zu analysieren lohnt. Erschwerend kommt allerdings gerade für diese Region hinzu, dass viel bauliche, bildliche und schriftliche Quellensubstanz durch die zahlreichen Kriege und Verlagerungen verloren gegangen und zuweilen nur fallweise rekonstruierbar ist. Insgesamt enthält der Band viele gelungene "ganzheitliche" Betrachtungen (z. B. Droese/Höffler, Steiger, Piotr Kociumbas), die den geistlichen wie auch medialen Aspekten sowie dem Präfix "inter-" gleichermaßen gerecht werden. Andere, die sich auf einzelne Personen oder einzelne Werke stützen, lassen stellenweise das Intermediale ein wenig vermissen. Fruchtbare und weiterführende Querverbindungen zwischen den einzelnen Studien zu ziehen, bleibt Aufgabe der Leser:innen. Erstaunlich (und bedauerlich) ist, dass allein die Beiträge von Tomasz Torbus und ansatzweise auch Wacław Pagórski explizit Bezüge zu Polen-Litauen herstellen. Da gäbe es weiteres Potential, nachhaltige Kontakte, Verflechtungs- und Abgrenzungsmotive einzubeziehen.

Sabine Jagodzinski