Alex Mullen / Anna Willi (eds.): Latinization, Local Languages, and Literacies in the Roman West (= Oxford Studies in Ancient Documents), Oxford: Oxford University Press 2024, XXII + 487 S., 53 Kt., ISBN 978-0-19-888751-5, GBP 119,00
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Die zu besprechende Veröffentlichung ist der letzte einer Trilogie (v) von Sammelbänden [1], die in der Reihe Oxford Studies in Ancient Documents bei Oxford University Press sukzessive die Ergebnisse des ERC-finanzierten Projektes LatinNow (Latinization of the north-western Roman provinces: sociolinguistics, epigraphy and archaeology) publizieren, das 2017 bis 2023 an der Universität Nottingham unter der Leitung von Alex Mullen durchgeführt wurde. Alex Mullen ist auch eine der oder die alleinige Herausgeberin dieser Sammelbände. Projekte wie Publikationen sind dem Fragenkomplex gewidmet, wie Sprachen und Identitäten im westlichen Gebiet des Römischen Reiches interagiert haben. Dies betrifft syn- wie diachrone Wechselbeziehungen. So werden in der vorliegenden Publikation die vor- und in einer früheren [2] die nachrömische Zeit berücksichtigt. Dieser weite zeitliche Horizont erlaubt es, Entwicklungen de longue durée und die Relevanz von Faktoren hierbei klar herauszuarbeiten.
Der Schwerpunkt auf der sozialen Ökologie der Sprachen ist hochaktuell und in der bisherigen Forschung für diesen Chronotopos noch nicht in der vorliegenden Tiefe und Breite zur Anwendung gekommen. Bisher stand die innere Sprachgeschichte wie Entlehnungen bei der Erforschung des Verhältnisses verschiedener Sprachen in der Antike im Vordergrund. Daneben wurde bei Sprachkontakten vermehrt die Zweisprachigkeit in den Blick genommen, so für das Lateinische von James N. Adams. [3] Bereits in früheren Publikationen hat Alex Mullen den Blick zur Mehrsprachigkeit geweitet. [4] Das ist nicht die einzige Neuerung. Das Nottinghamer Projekt und die aus ihm hervorgegangenen Publikationen verhelfen nämlich der äußeren Sprachgeschichte zu ihrem Recht und sind weitgehend soziolinguistisch ausgerichtet (5). Dieser Ansatz wurde besonders deutlich in einer früheren Publikation, welche auch die sozialen Faktoren für die Ausbreitung des Lateinischen im Westen untersucht. [5]
Die vorliegende Publikation hebt nun besonders auf die Rolle von Schriftgebrauch und Schreibfähigkeit (literacy) bei der Manifestation der nichtlateinischen Sprachen und der geographischen und sozialen Ausbreitung des Lateinischen ab (Latinization), die zu Recht von der Romanisierung als soziokulturellem Phänomen abgegrenzt wird (30). Diese Aspekte spezifiziert das erste, von Alex Mullen verfasste Kapitel. [6] Es stellt die Anlage und Ergebnisse des ERC-Projekts vor, v.a. die Open Access Datenbank (https://gis.latinnow.edu ), die aus dem ERC-Projekt hervorgegangen ist und welche die Zeugnisse in den verschiedenen antiken Sprachen (einschließlich des Textes und Angaben zu Quellen, Ausgaben, Schriftträger, Datierung usw.) geographisch auf einer Karte lokalisiert und dadurch die Funddichte sichtbar machen kann. Danach folgen die wichtigsten Fragestellungen, Herangehensweisen und Parameter des Sammelbandes. Hierzu zählen die epigraphische Praxis bzw. Kultur (epigraphic habit), der Nexus von Sprache und Identität, der sich anhand von Eigennamen, Berufsbezeichnungen und sozialen und ethnischen Gruppen untersuchen lässt, und schließlich die Verbreitung von Schreibkenntnis und Schriftgebrauch (literacy) anhand von Schreibgeräten und innerhalb der Gesellschaft und verschiedenen unterprivilegierten Gruppen wie sozial niedrig Gestellten und Frauen, aber auch durch die Armee.
Entsprechend dem Schwerpunkt auf der äußeren Sprachgeschichte treten Sprachkontakte und regionale Differenzierung, die doch wichtige Erscheinungen der räumlichen Koexistenz verschiedener Sprachen auch im Zusammenhang mit dem Lateinischen sind [7], in den Hintergrund (179-180, 384-392). Höchst verdienstvoll und wegweisend ist allerdings der Anhang zu mehrsprachigen Texten wegen seiner Systematik, die auch Aspekte der inneren Sprachgeschichte wie Phonetik, Morphologie und Entlehnungen umfasst (413-415).
Die geographische Beschränkung auf die nordmediterranen Provinzen des Westens schafft ein einheitliches Corpus. Die regionale und thematische Verteilung der Beiträge, die zahlreiche Karten, Diagramme und Abbildungen anschaulicher gestalten, bleibt jedoch uneinheitlich. Die meisten behandeln chronotopisch umrissene Korpora (iberische Halbinsel [8], Gallien einschließlich der Germaniae [9], Britannien [10]). Dieser Ansatz wird in drei Beiträgen zu den gallischen und germanischen Provinzen durch Onomastik [11], kleine Artefakte als Schriftträger (instrumentum) [12] und Schreibgeräte [13] spezifiziert. Diese Aspekte sind für ein vollständiges Bild der Schriftlichkeit höchst sinnvoll. Doch bleibt durch diesen Zuschnitt die Leuchtturm-Metropole Köln unberücksichtigt, die durch eine reiche Mehrsprachigkeit und materielle Infrastruktur von Schriftlichkeit, wie einen Stilus und ein Tintenfass mit Substandard-Inschriften (CIL XIII 10027/229, 254) und eine 2017 entdeckte zweistöckige Bibliothek [14], für den Band höchst einschlägige Zeugnisse beisteuern könnte. Dies gilt auch für die in der Germania Inferior weit verbreiteten Votivinschriften für die keltischen Muttergottheiten (matres), die Dedikanten unterschiedlicher Herkunft verbinden und deren Epitheta keltischer, germanischer und lateinischer Herkunft sind. Bedauerlich ist das Fehlen der rezenten eingehenden etymologischen Untersuchung zu ihnen [15] (auch im Vorgängerband über die sozialen Faktoren der Ausbreitung des Lateinischen fehlen die matres gänzlich [16]) und der thematisch höchst einschlägigen Studie zum Fortleben gallischer Personennamen in ähnlich klingenden römischen Namen. [17] Doch kann die Bibliographie entsprechend der Weite der berücksichtigten Disziplinen (u.a. Archäologie, Alte Geschichte, Epigraphik) nicht nach dem Kriterium der Vollständigkeit beurteilt werden.
Eine ausgewogenere Verteilung der behandelten Regionen und ein einheitlicher Aufbau der einzelnen Kapitel (Schriftträger, Inschriftengattungen und Zwecke des Schriftgebrauchs, demographische und soziopolitische Rahmenbedingungen, regionale sprachliche Eigenheiten, jeweils für die einzelnen Sprachen einer Provinz), wie man sie für ein Handbuch zugrunde legen würde, hätten der Publikation den Rang eines Standardwerks gesichert und die Ergebnisse für die Forschung besser zugänglich gemacht, die ansonsten über ein Register und je einen Index der Stellen der antiken Autoren und der epigraphischen Quellen gut erschlossen sind.
Zumal in Verbindung mit den übrigen Publikationen dieser Reihe bleibt der hier besprochene Sammelband ein wichtiger Baustein für die Forschung zum Verhältnis verschiedener Sprachen im Westen des Römischen Reiches, wie denn auch die Datenbank des Projekts ein Meilenstein nicht nur für die soziologische Sprachkontaktforschung in der Antike ist. Das entscheidende Verdienst der Nottinghamer Forschung und digitalen Ressource bleibt die großflächige Aufarbeitung und Zugänglichmachung äußerer Daten und Faktoren der antiken Sprachgeschichte und noch darüber hinaus ihrer Vernetzung mit individueller und kollektiver Identität. Wie der Titel des letzten, Intermezzo überschriebenen Kapitels von Greg Woolf suggeriert, ist der besprochene Band nicht das Ende, sondern eine wertvolle Brücke zu weiterer Forschung zum Thema Sprachenvielfalt und -dynamik nicht nur im Westen des Römischen Reiches, idealiter in Kooperation mit den Autoren dieses und der übrigen Bände, welche auch das immense Potential des Nottinghamer Ansatzes für die Interaktionen mit der inneren Sprachgeschichte ausschöpfen kann.
Anmerkungen:
[1] Alex Mullen (ed.): Social factors in the Latinization of the Roman West, Oxford 2023.
Alex Mullen / George Woudhuysen (eds.): Languages and communities in the late-Roman and post-imperial western provinces, Oxford 2024.
[2] Alex Mullen / George Woudhuysen 2024 (s. Anm. 1).
[3] Bilingualism and the Latin Language, Cambridge 2003.
[4] Alex Mullen / Patrick James (eds.): Multilingualism in the Graeco-Roman worlds, Cambridge 2012; Alex Mullen: Southern Gaul and the Mediterranean. Multilingualism and multiple identities in the Iron Age and Roman periods, Cambridge 2013.
[5] Mullen 2023 (s. Anm. 1).
[6] Exploring Life and Languages in the Roman Western Provinces: Methods, Materials, and Mindsets (1-42).
[7] James N. Adams: The Regional Diversification of Latin 200 BC - AD 600, Cambridge 2007.
[8] Noemí Moncunil: Indigenous Languages, Bilingualism, and Literacy in Hispania Citerior, Third Century BCE - First Century CE (43-83); María José Estarán Tolosa / Javier Herrera Rando: The Rise of Latin in Hispania Ulterior, Third Century BCE - Second Century CE (84-114); Pieter Houten: The Epigraphic Habit in Post-Conquest Hispania: A Geospatial Analysis of the Epigraphic Data and Self-Governing Communities (115-150).
[9] Alex Mullen: The Languages and Epigraphies of Iron Age and Roman Gaul (151-204); Anna Willi: Writing Latin in Germania Superior (273-320).
[10] Alex Mullen: Languages and Literacies in Roman Britain (355-401).
[11] Marie-Thérèse Raepsaet-Charlier: The Onomastics of the Batavian civitas in the Context of the Latinization of Gallia Belgica and Germania Inferior (205-247).
[12] Michel Feugère / Anna Willi: Literacy in Gaul: The Value of instrumentum (248-272).
[13] Jasper de Bruin: Writing Equipment and Latin Literacy in the Netherlands: An Archaeological Perspective (321-354).
[14] S. hierzu Lothar Willms: Colonia Agrippina Vulgaris: Linguistic Change and Cultural Integration in the Vulgar Latin Inscriptions of Cologne, in: Antonio María Martín Rodríguez (ed.): Linguisticae Dissertationes. Current Perspectives on Latin Grammar, Lexicon and Pragmatics, Madrid 2021, 199-216, h. 214.
[15] Patrizia de Bernardo Stempel: Muttergöttinnen und ihre Votivformulare. Eine sprachhistorische Studie, Heidelberg 2021.
[16] Alex Mullen 2023 (s. Anm. 1), v.a. 206-236.
[17] Altay Coşkun / Jürgen Zeidler: Acculturation des noms de personne et continuités régionales 'cachées': l'exemple des Decknamen dans l'anthroponymie gallo-romaine et la genèse du Netzwerk Interferenzonomastik, in: Rivista Italiana di Onomastica (RIOn) 11.1, 2005, 29-54.
Lothar Willms