Mark Cruse: The Mongol Archive in Late Medieval France. Texts, Objects, Encounters, 1221-1422 (= Medieval Societies, Religions, and Cultures), Ithaca / London: Cornell University Press 2025, XXI + 335 S., 26 Farb-Abb., 2 Kt., ISBN 978-1-5017-7935-0, USD 66,95
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen
Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.
Markus Stock (ed.): Alexander the Great in the Middle Ages. Transcultural Perspectives, Toronto: University of Toronto Press 2016
Giacomo Martina / Ugo Dovere: Il cammino dell'evangelizzazione: problemi storiografici. Atti del XII Convegno di studio dell'Associazione Italiana dei Professori di Storia della Chiesa, Palermo, 19-22 settembre 2000, Bologna: il Mulino 2001
Ingrid Baumgärtner / Piero Falchetta (a cura di): Venezia e la nuova oikoumene / Venedig und die neue Oikumene. Cartografia del Quattrocento / Kartographie im 15. Jahrhundert, Roma: Viella 2016
Der vorliegende Band greift eine inzwischen schon länger andauernde historiographische Tradition auf, die das mongolische Ausgreifen im 13. Jahrhundert mit fatalen Schlachten 1241 nicht mehr als Katastrophe betrachtet, die über Teile Europas hereingebrochen ist und den Rest zumindest in Angst und Schrecken versetzt hat. Stattdessen wird die mongolische Expansion, die ganz Eurasien ergriff und in ganz neue Verbindungen brachte, als die Chance gesehen, als die sie von vielen Lateineuropäern nach relativ kurzer Zeit gesehen und ergriffen wurde. Ohne die vielfältigen lateineuropäischen Reaktionen auf die mongolische Expansion und den aktive mongolischen "Input" in einem weiten Sinne hätte es jene Denk-, Lern- und Handlungsprozesse nicht gegeben, die letztendlich in die "Europäische Expansion" führten.
Mark Cruse denkt in diese Richtung, wenn er all das, was nicht zuletzt materiell übriggeblieben ist, als Archiv begreift. Er verzichtet zugleich darauf, das gesamte Lateineuropa in den Blick zu nehmen, sondern konzentriert sich auf einen signifikanten Bereich - nicht etwa den naheliegenden italienischen Seerepubliken, die über lange Zeit intensiven Kontakt mit den Mongolen hatten, nicht dem Papsttum als der lateineuropäischen diplomatischen Informationsbörse schlechthin, sondern Frankreich gilt seine Aufmerksamkeit. Dessen Krone war ebenfalls sehr früh aktiv in Kontakte involviert (denn schon 1248 und 1253-1255 lancierte der Kreuzfahrer-König Ludwig der Heilige Gesandtschaften) und nicht umsonst gab es den Kreuzfahrern dengemeinsamen Namen "Franken", der deshalb so prominent in der Levante vertreten war.
Nach den "Ursprüngen" des Archivs betrachtet das zweite Kapitel denn auch Ludwig IX., die Mongolen und die "internationale Hofkultur". Auf das "Eurasische Frankreich" - die Kumanen, die Valois und Marco Polo - folgt das "Mongolische Archiv und die Bibliothek Karls V." und das "Mongolische Archiv während der Regierung Karls VI.", um dann mit einem "Nachleben" des Archivs abzuschließen.
Bei alledem ist klar, dass manches im Archiv landete, das eher zufällig oder über mehrere Stationen, also nicht aus direktem Kontakt, dahin gelangte, denn es geht ja um das, was am Zielpunkt Frankreich von den Mongolen zeugte und woran sich das dortige Wissen über die Mongolen manifestierte. Dennoch ist die Abgrenzung nicht wirklich einfach, und die Probleme der Definition, was Frankreich - auch "mittelalterliches Frankreich" - in diesem Zusammenhang bedeuten kann, hinterlassen ihre Spuren im Buch. Bei näherem Hinsehen erscheint die Definition dynastisch und linguistisch gemischt. Akteure sind die Valois (daher auch der Endpunkt 1422 - der Tod König Karls VI. als des letzten französischen Königs mit direkten Kontakten zu den Mongolen, was immer "direkt" hier bedeuten kann), aber nicht nur die Könige von Frankreich, sondern auch die burgundischen Herzöge aus diesem Hause.
Ein Beispiel für die hie und da (notwendigerweise) willkürlichen Abgrenzungen und damit zugleich für die Reichweite des vorliegenden Buches ist der dem Archiv zugerechnete Livre des Merveilles, den 1410/12 zuerst Johann Ohnefurcht, Herzog von Burgund, aus dem jüngeren Zweig der Valois besaß. Die Handschrift versammelt französisch geschriebene oder ins Französische übersetzte reich illustrierte Reiseberichte und landete - aber erst viel später - in der Bibliothèque Nationale in Paris. Gerade die Burgunderherzöge wurden sicher sehr wichtig für die Sammlung nicht zuletzt "mongolischer", für (Türken)Kreuzzüge benötigter Informationen, aber die Herrschaft Philipps des Guten hatte 1422 gerade erst begonnen.
Auch anderes könnte man noch jenseits der gezogenen Grenzen entdecken. Im Kapitel "Eurasian France" geht es unter anderem um Königin Elisabeth von Ungarn, eine Kumanin (deren Volk im Zusammenhang mit dem mongolischen Vordringen aus der Steppe nach Ungarn gekommen war). Sie wurde zur direkten Vorfahrin des Valois-Königs Philipps VI., doch ihre nomadische Herkunft sei in der französischen Historiographie vergessen worden, weil sie sich so gut angepasst habe, so Cruse. Aber man könnte auch anders an die Sache herangehen: Mitte des 14. Jahrhunderts erbte mit Ludwig von Anjou ein weiterer Nachkomme der Elisabeth als Ludwig I. (oder: der Große) den ungarischen Thron, väterlicherseits wie die Valois aus kapetingischem Geschlecht (auf dem Umweg über Neapel). Die sogenannte Kepes-Chronik (oder ungarische Bilderchronik) zeigt im Widmungsbild den thronenden Ludwig, umgeben von ungarischen Adeligen und nomadischen Kriegern als Wachen, dazu am unteren Rand die französischen Lilien im Wappen der Anjou. Man könnte schließen, dass auch diese Bilderchronik mit ihrer umfangreichen "mongolischen" Erinnerung ins französische Archiv gerechnet werden sollte, doch liegt die lateinisch geschriebene Chronik heute in der ungarischen statt der französischen Nationalbibliothek.
Denn andererseits zählt Mark Cruse den Atlas Catalan mit seiner reichhaltigen Ostasiendarstellung ins französische Mongolen-Archiv: In katalanischer Sprache und von jüdischen Kartographen um 1375 auf Mallorca angefertigt, war er ein Geschenk des aragonesischen Königs an König Karl V. von Frankreich - auch weil die kartographische Expertise in Frankreich selbst relativ schwach ausgebildet war. Aber der Atlas gehört heute zu den Schmuckstücken der Kartensammlung der Bibliothèque Nationale - manche im mongolischen Archiv der Franzosen auffindbare Spur ist vor allem wegen der späteren französischen Geschichte (noch) da und wird zu Frankreich gezählt.
Solche Überlegungen mindern den Wert des Buches keineswegs - irgendwo muss man abgrenzen und muss vor allem zugunsten eines klaren Fokus Zusammenhänge kappen. Und wichtiger: Viel bemerkenswerter ist, was man in dem Band alles entdecken kann, welche Verbindungen anhand welcher Artefakte aufgezeigt werden können, wie deutlich gemacht werden kann, dass es solche Archive gab und dass sie Wirkung zeigten - die Idee ist faszinierend und ausgesprochen fruchtbar. Und die Lücken oder besser Ergänzungsmöglichkeiten sollten gleichzeitig dazu auffordern, auf Entdeckungsreise unter den reichhaltigen Funden zu gehen, die Mark Cruse zusammengetragen und zum Sprechen gebracht hat. Er erhebt keinen Anspruch auf irgendeine Vollständigkeit - aber er zeigt meisterlich, welchen Niederschlag die zweihundertjährige Auseinandersetzung mit den nomadischen Imperiums-Architekten in Europa am Vorabend der "großen Entdeckungen" finden konnte.
Felicitas Schmieder