Rezension über:

Ulf Wendler: Pest, Fleckfieber, Ruhr und Typhus. Epidemien auf dem Land und ihre Deutung im Fürstentum Lüneburg 1565-1666 (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen; 321), Göttingen: Wallstein 2024, 407 S., 59 z.T. farb. Abb., ISBN 978-3-8353-5464-7, EUR 42,00
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Rezension von:
Annemarie Kinzelbach
München
Redaktionelle Betreuung:
Bettina Braun
Empfohlene Zitierweise:
Annemarie Kinzelbach: Rezension von: Ulf Wendler: Pest, Fleckfieber, Ruhr und Typhus. Epidemien auf dem Land und ihre Deutung im Fürstentum Lüneburg 1565-1666, Göttingen: Wallstein 2024, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 3 [15.03.2026], URL: https://www.sehepunkte.de
/2026/03/39042.html


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Ulf Wendler: Pest, Fleckfieber, Ruhr und Typhus

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Ulf Wendlers Monografie kehrt zu einem Thema zurück, das den Autor bereits vor einem Vierteljahrhundert in seiner Dissertation beschäftigt hatte: Lebensverhältnisse im ländlichen Raum der vormodernen Lüneburger Herrschaft. [1] Ähnlich wie Daniel R. Curtis interessiert sich Wendler für die Frage nach der Resilienz von Bevölkerung, die mit Krisen konfrontiert war. [2] Im vorliegenden Buch stehen Bewohner von ländlichen Siedlungen im Fürstentum Lüneburg im Mittelpunkt, die während der Jahre 1565 bis 1666 schwere Seuchenzüge bewältigen mussten. Teil I (23-56) bildet die Basis mit einer Diskussion der einschlägigen Forschung zu Epidemien, vor allem zu demographischen Studien in Europa, gefolgt von einer Darstellung der regionalen Verhältnisse, wobei er sich auf gründliche Arbeiten stützen kann, wie beispielsweise zur Pest in Uelzen (52-56). Die beiden folgenden Haupt-Kapitel kombinieren die Demografie einzelner Seuchenjahre mit dem lokalen Diskurs anhand von theologischen, medizinischen sowie obrigkeitlichen Schriften.

Basierend auf Kirchenbucheinträgen des "Kirchspiels Suderburg", das aus mehreren Orten bestand, analysiert Wendler im Teil II die demografisch ablesbaren Auswirkungen einzelner Seuchenjahre auf die Bewohner. Als Referenz nutzt er die umfangreichen Daten der benachbarten Stadt Uelzen. Durch aufwändige Rekonstruktionsarbeit gelingt es ihm, die Verstorbenen einzelner Höfe und Häuser zu identifizieren und beispielsweise für das Jahr 1597 in Oldendorf und Suderburg (106-110) oder 1599 in Hösseringen (117-119) einzelnen Gebäuden zuzuordnen. Ausgehend von solchen Rekonstruktionen gelangt der Autor zu dem Schluss, dass zwar mehrere schwere Epidemien die Siedlungen heimsuchten, die demografisch fassbaren Auswirkungen sich jedoch in Grenzen hielten, vor dem Dreißigjährigen Krieg sogar ein Bevölkerungswachstum stattfand (91). Die in Besitz messbaren Konsequenzen für Familien auf Höfen und in Dorfhaushalten unterschieden sich voneinander, je nach Zahl, Alter, Geschlecht und Stand (Bauern oder Besitzlose) der verstorbenen Personen (227). Gemessen an der Besetzung einzelner Höfe erholte sich die Bevölkerung vor dem Krieg nach kurzer Zeit. Selbst wenn die Eltern den Tod fanden, konnten die Waisen auf dem Hof bleiben, wenn sich Verwandte fanden, die diesen weiterhin führten (107). Nur sehr selten ging der Besitz an eine neue Familie über (105). Kinder erbten von verstorbenen Eltern, Witwen und Witwer verheirateten sich schnell wieder, es sei denn, der älteste Sohn einer Witwe war bereits erwachsen. In Bahnsen rekonstruierte Wendler als Extremfall die Hofübergabe an einen 19jährigen Sohn, weil Eltern und Großeltern 1599 verstorben waren (120). Die Kombination von Seuchen mit Kriegsereignissen wie Einquartierungen oder Truppendurchzügen führte in den Jahren 1626 bis 1639 zu erheblichen Opferzahlen, sodass die Zahl der Landbewohner sank (135-228). Den Umstand, dass trotzdem die Hofstellen mit wenigen Ausnahmen wiederum besetzt werden konnten, deutet Wendler als Beleg für die Stabilität der ländlichen Gesellschaft (228).

Im Teil III ergänzt Wendler seine These einer intakten wirtschaftlichen Struktur durch Untersuchungen zu sonstigen Stabilisierungsfaktoren und schließt auf die wichtige Rolle eines Seuchendiskurses, den die politischen und sozialen "Eliten" (229) anstießen und teilweise auch verkörperten. Zwar schränkt der Autor ein: "Wie weit die Vorstellungen der Seuchenschriften das Denken und Handeln der nicht gebildeten Schichten [...] beeinflussten, lässt sich nicht abschätzen" (230). Aber über das, was die Bevölkerung über Epidemien "denken sollte" (233), bieten - laut Wendler - die Analysen theologischer, medizinischer und der (wenigen) obrigkeitlichen Schriften verschiedene Aufschlüsse. Differenziert benannt werden vor allem Orientierungshilfen und Erhaltung der gesellschaftlichen Ordnung, aber auch der Einfluss auf die "geistige Widerstandskraft" (349). Im Unterschied zu Andreas Stegmanns Untersuchung der Verhältnisse in Brandenburg [3] geht Wendler auf alle lokal entstandenen und greifbaren theologischen Schriften im untersuchten Zeitraum ein, die sich auf Pestilenzen beziehen, einschließlich Leichenpredigten, Gebeten und Liedern (233-259). Ausgehend von Äußerungen Luthers zum Thema Seuchen zeigt die Studie, wie kirchliche Vertreter ihren Gemeinden die Pest und deren Folgen erläuterten und differenzierte Erklärungen anboten. Zwar führten diese Schriften stets den Willen Gottes als Ursache für Krankheit und Sterben an; neben diesem Topos von Seuchen als Mittel der Bestrafung von Sündern fand der Autor darin aber auch individuelle Ratschläge zur Erhaltung oder Wiederherstellung von Gesundheit. Dazu gehörten Hinweise, dass Flucht ein akzeptabler Ausweg sein könne, ebenso wie Trost für das Individuum durch den Verweis auf göttlich erschaffene medizinische Heilmittel (237, 239). Darüber hinaus befassten sich die Texte mit der Widersprüchlichkeit der Deutung von Krankheit als Strafe. Zur individuellen Stärkung sollten dabei Erklärungen dienen, wie beispielsweise die von Seuchen als Prüfung für das leidende Individuum oder als Mittel zur Schaffung von Vorbildern, sowie die Einordnung von frühem Tod als Gnade (240-250). Wendler erläutert nicht die Wirkung von Widersprüchen wie dem Rat, menschliche Ansammlungen zu meiden, und die gleichzeitige Aufforderung, sich nicht von gemeinsamen kirchlichen Messen und Gebeten abhalten zu lassen (240, 242).

Im Abschnitt über medizinische Seuchenschriften, die im Fürstentum Lüneburg 1565 bis 1666 verfasst und gedruckt wurden, unterstreicht Wendler vor allem die Differenzierung zwischen Pest, Fleckfieber und Ruhr (260-288). In den Schriften glaubt er eine Zuordnung zur jeweils vorherrschenden Krankheit erkennen zu können, sofern ihr Verlauf und Opferzahlen nicht widersprachen. Obgleich die Seuchenschriften den "Gemeinen Mann" als Adressaten nannten, schließt Wendler auf Multiplikatoren als Zielgruppe, wie beispielsweise medizinisch gebildete Personen wie Ärzte, Barbiere und Apotheker sowie Regierungsmitglieder. Durch diese seien schließlich "Anschauungen der gelehrten Medizin und damit bestimmte Medikamente und Behandlungsmethoden popularisiert" (339) und "Vorstellungen, die in den Kreisen der Theologen und gelehrten Ärzte vorherrschten" (349) verbreitet worden.

Das Resümee nennt drei hauptsächliche Funktionen der theologischen und medizinischen Schriften über Epidemien: "Sinngebung und Trost" (352f.), "Verhaltensmanagement" (353f.) sowie schließlich die "Stabilisierung der gesellschaftlichen Ordnung" (354-358). Obgleich viele Einzelaspekte schon in anderen historischen Studien diskutiert wurden, machen die differenzierte Zusammenschau von Demografie und Diskurs sowie der Fokus auf die ländliche Gesellschaft dieses Buch lesenswert.


Anmerkungen:

[1] Ulf Wendler: Ländliche Gesellschaft zwischen Kirche und Staat: das Kirchspiel Suderburg in der Lüneburger Heide, 1600-1830, Suderburg-Hösseringen 1999.

[2] Daniel R. Curtis: Coping with Crisis. The Resilience and Vulnerability of Pre-Industrial Settlements, Farnham 2014.

[3] Andreas Stegmann: Zweierlei Arznei gegen die Pest: Zum Umgang mit Seuchen im Zeitalter der Reformation am Beispiel der Mark Brandenburg, Tübingen 2023.

Annemarie Kinzelbach