Tobias Ebbrecht-Hartmann: Gewalt als Bild. Die Bilder vom 7. Oktober im Spiegel der visuellen Erinnerung an die Shoah, Berlin: Neofelis Verlag 2025, 144 S., 20 Farb-, 6 s/w-Abb., ISBN 978-3-95808-515-2, EUR 15,00
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Am 7. Oktober 2023 griffen Terroristen der radikal-islamistischen Hamas Israel an und verübten das größte Massaker an Jüdinnen und Juden seit der Shoah. In seinem im September 2025 veröffentlichten Essayband Gewalt als Bild untersucht Tobias Ebbrecht-Hartmann die Gemeinsamkeiten der Bilder dieses Massakers und der visuellen Erinnerung an die Shoah. Das Buch ist den Opfern des 7. Oktober gewidmet - insbesondere dem Historiker und Yad Vashem-Mitarbeiter Alex Dancyg, der an diesem Tag von der Hamas aus dem Kibbutz Nir-Oz entführt und in Gefangenschaft ermordet wurde.
Der Essay beschreibt in fünf Kapiteln, wie die Bilder der Shoah in denen des 7. Oktober nachklingen. Der Autor versucht nicht, eine direkte Linie zu ziehen oder einen Vergleich der Bilder zu unternehmen. Vielmehr will er verdeutlichen, wie es sein kann, dass einige der Bilder vom 7. Oktober einen Wiedererkennungseffekt haben und die Erinnerung an die Shoah zu einem Resonanzraum werden lassen, "vor dessen Hintergrund die Betroffenen schon während des Angriffs, die schockierenden Ereignisse interpretieren" (19). In ihrem Vorwort bekräftigen die beiden Herausgeber der Essayreihe Sebastian Voigt und David Jünger die These, dass die von den Terroristen provozierten Bilder des 7. Oktober bewusst an die Shoah erinnern sollen, wenngleich dies in der deutschen Öffentlichkeit nicht so wahrgenommen werde. Sowohl bei israelischen als auch bei in der Diaspora lebenden Jüdinnen und Juden werde der Angriff als real gewordene Drohung verstanden.
Ebbrecht-Hartmann erklärt im ersten Kapitel zunächst den Ablauf des Massakers am 7. Oktober. Er schildert die Angriffe auf die Kibbuzim oder auf das NOVA-Festival - festgehalten auf den Kameras der Hamas, übertragen als Videobotschaften an die Verwandtschaft der Opfer. Er schildert zudem die Reaktion von Historikerinnen und Historikern wie Dina Porat und Dan Diner. Letzterer betonte, die genozidale Gewalt des 7. Oktober werde in Israel direkt verstanden: Die Zeugnisse und Bilder der NS-Zeit seien Teil des kollektiven Bewusstseins der israelischen Gesellschaft, und die Taten des 7. Oktober sollten ganz bewusst an diejenigen während der Shoah erinnern. Ebbrecht-Hartmann verweist im folgenden Kapitel auf den 2023 erschienenen Film Zone of Interest. In diesem Film werde bewusst auf das Zeigen von Gewalt verzichtet; das mache die Zuschauer abhängig von ihrem Vorwissen und überlasse ihnen die Verantwortung über das Gelernte. Dieses Vorwissen könne aber heutzutage nicht mehr vorausgesetzt werden, so dass NS-Verbrechen als von Gewalt gereinigt erscheinen und für andere Interpretationen anschlussfähig werden. Dahingehend wurden die gewaltvollen Bilder des 7. Oktober schon kurz danach unsichtbar. Die Medien verbreiteten sie bewusst nicht weiter, und zusätzlich wurden die Bilder vom Massaker der Hamas überschattet von denjenigen aus dem darauffolgenden Krieg in Gaza. Es ergeben sich somit "Leerstellen des Schweigens", wenn die "besondere Qualität" der Verbrechen bewusst nicht gezeigt werde (39). Schließlich sei für Betroffene und Angehörige das Wegschauen keine Option.
Im Kapitel "Gewaltbilder" geht Ebbrecht-Hartmann konkret auf die Bildverweise zwischen der Shoah und dem 7. Oktober ein. Besonders stellt der Autor die "visuellen Trophäen" (48) heraus: So können sowohl die Bilder während der Novemberpogrome 1938 oder nach der Invasion Polens durch die Wehrmacht als auch die Aufnahmen der Hamas am 7. Oktober als bewusste Verletzung, Erniedrigung und Demütigung wahrgenommen werden. In beiden Fällen funktionierten die Bildaufnahmen als Zuschaustellung der Erfolge der jeweiligen Täter, die eine Ähnlichkeit der Motive und Gewalthandlungen aufwiesen. Die Bilder seien in beiden Fällen ideologisch einzuordnen; sie transportierten jeweils die antisemitischen Gewaltfantasien der Täter. Darüber hinaus bedeutete die Direktübertragung der Aufnahmen vom 7. Oktober eine Intensivierung in der Produktion der Gewaltbilder: Die technischen Möglichkeiten zur Datenübertragung scheinen unbegrenzt. Die visuellen Trophäen der Hamas provozieren bewusst die Erinnerung an die NS-Zeit, wenngleich die Bilder weniger streng reguliert sind und somit nicht einer eindeutigen propagandistischen Linie folgen.
Im folgenden Kapitel nimmt Ebbrecht-Hartmann Bezug auf die Verbrechensaufklärung und die Dokumentation von Gewaltverbrechen. So wurden die von den Alliierten befreiten Konzentrationslager filmisch und fotografisch dokumentiert, während die israelische Armee die Aufnahmen der Hamas mithilfe von KI analysierte, um den Verbleib von Vermissten und Entführten aufzuklären. Wenngleich auch in beiden Fällen die Gewaltverbrechen unwiderlegbar dokumentiert sind, werden sie dennoch geleugnet, verharmlost und abgewehrt. Ebbrecht-Hartmann betont: "Der Umgang mit den Gewaltbildern unmittelbar nach dem 7. Oktober ähnelt dem alliierten Versuch, die nationalsozialistischen Verbrechen mithilfe von Bildern der Öffentlichkeit vor Augen zu führen und unmittelbar zu beweisen." (89) Die visuellen Beweise, teilweise von den Tätern selbst hergestellt, sollten der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Schließlich thematisiert Ebbrecht-Hartmann die Gewaltaufnahmen der Hamas von den im Gazastreifen festgehaltenen Geiseln, die damit aufs Neue Gewaltbilder für sich nutzte. Er sieht in den Aufnahmen der Geiseln, die eine scheinbare Abwesenheit von Gewalt zeigen, "den Zweck, die Gewaltbilder vom 7. Oktober immer und immer wieder aufzurufen" (102). Die Erinnerung an die Verbrechen will die Hamas bewusst auffrischen, um den Israelis immer wieder die Nachricht zu übermitteln, dass sie sich nicht sicher fühlen können. Doch Ebbrecht-Hartmann plädiert dafür, nicht vor den Gewaltbildern zu erstarren, sondern sich bewusst damit auseinanderzusetzen und sie mit Berichten von Überlebenden in Beziehung zu setzen.
Der Essay gehört zu den zahlreichen Büchern, Berichten und Reportagen, die sich mit den Verbrechen des 7. Oktober auseinandersetzen. Der Autor zeigt auf erschreckende und beeindruckende Weise, wie viele Parallelen zwischen den Gewaltbildern der NS-Zeit und denen des 7. Oktober bestehen. Dabei verliert er die komplexe Lage im Nahen Osten nicht aus den Augen und vermeidet es, sich einseitig zu positionieren. Ohne schiefe Vergleiche zur Shoah zu ziehen, verweist Ebbrecht-Hartmann darauf, dass die Hamas-Terroristen diese Bilder bewusst produzierten, um bei den Opfern und ihren Angehörigen unabhängig von der Altersgruppe tief verwurzelte Ängste zu evozieren. Die Vorstellung ist erschreckend, dass man in einigen Teilen der Welt und in verschiedenen politischen Lagern diesen Bildern keinen Glauben schenkt, sie nicht wahrnimmt oder gar apologetisch als Ausdruck einer verständlichen Reaktion der Hamas deutet.
Florine Miez