Myra Stokes / Ad Putter (eds.): Medieval Love Letters. A Critical Anthology, Cambridge: Cambridge University Press 2024, X + 491 S., ISBN 978-1-009-39810-7, EUR 116,71
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Die mittelalterliche Liebesliteratur hat in der Geschichtsforschung eine bisher eher untergeordnete Rolle gespielt. Das hat wohl nicht zuletzt mit den Spezifika mittelalterlicher Liebesgedichte zu tun, die es Leserinnen und Lesern schwer machen, belastbare historische Fakten hinter dem dichten Vorhang aus metaphorischen Figuren und literarischen Stilübungen zum Vorschein zu bringen.
Es verwundert daher wenig, dass das hier anzuzeigende Buch das Werk zweier Literaturwissenschaftler ist: Myra Stokes und Ad Putter legen eine Anthologie mittelalterlicher Liebesbriefe in Latein, englischer, französischer und deutscher Sprache vor. Dazu haben sie sieben Texte bzw. Textkorpora aus dem hohen und späten Mittelalter ausgewählt; viele von ihnen stammen aus England oder befinden sich in englischen Bibliotheken und Archiven. Darüber hinaus werden eine Reihe weiterer Beispiele herangezogen und besprochen, unter denen die Tegernseer Briefsammlung aus dem 12. Jahrhundert [1] sowie die Korrespondenz zwischen Heloïse und Abaelard (70-86) die bekannteren seien dürften.
Stokes und Putter wollen nicht nur eine kritische Edition der von ihnen zusammengestellten Texte liefern, sondern diese auch einordnen und diskutieren (VII-VIII). Ihrer Textauswahl stellen sie ein umfangreiches Kapitel ("Section I") voran, das in die Gattung der mittelalterlichen Liebesbriefe einführt. Die Argumentationsstränge werden stets mit konkreten Beispielen unterlegt. Sowohl diese Einleitung als auch die englische Übersetzung der Briefe macht es auch einer fachlich weniger versierten Leserschaft, zu welcher sich der Rezensent rechnen muss, möglich, einen Einstieg in die nicht immer selbstevidente Materie zu finden.
Gleich zu Beginn werden einige markante Besonderheiten der Liebesbriefe herausgehoben, die im höfischen Milieu des Hochmittelalters vor allem eine Form ritterlicher Werbung um eine (nicht erreichbare) adlige Dame darstellten. Doch auch im Umfeld von Klöstern und Stiften begegnen Liebesbriefe. Häufig handelt es sich um die Korrespondenz zwischen Nonnen und Mönchen, in der sich zwar einer gefühlsintensiven Sprache bedient wird, die aber ausschließlich auf die Tugendhaftigkeit sowie die geistige und geistliche Begabung des Gegenübers abzielte (88).
Die Benutzung von Liebesbriefen als Lehrmittel (ars dictaminis) ist nicht immer sofort erkannt worden: So haben Forschende schon des Öfteren die Briefe aus dem bayerischen Kloster Tegernsee fälschlicherweise als echte Liebesbriefe eingeschätzt, weil ihre Verfasser sich den Anschein gaben, über reale Personen und Ereignisse zu berichten (96). Rätsel geben dagegen nach wie vor eine Vielzahl von Liebesbotschaften aus dem Kloster der Klarissen in Söflingen (b. Ulm) auf, die im Zuge der Reformation konfisziert worden waren und vermuten lassen, dass weibliche und männliche Religiose zuweilen offenbar eine Art "geistliche Ehe" ("spiritual marriage") führten (106).
Blickt man in den weltlichen Bereich, so muss man feststellen, dass die verschriftlichten Liebesbekundungen romantischer Inhalte nicht selten entbehren: Das auf 1476 datierte Schreiben des englischen Wollhändlers Thomas Betson an seine Verlobte Katharina enthielt vor allem die väterlich-belehrenden Ratschläge eines wesentlich älteren Mannes an eine sehr junge Frau (31-32). Briefe wie dieser spiegeln das ungleiche (Macht-)Gefüge der zukünftigen Ehepartner wider und werfen damit Schlaglichter auf die soziale Wirklichkeit im Spätmittelalter.
Schreibanlässe für Liebesbriefe gab es viele, besonders an Tagen wie Neujahr und Valentinstag. Beim Versand schriftlicher Liebesbezeigungen bediente man sich gewisser Spielregeln der Diskretion: Nicht wenige Briefe verbargen den Namen der Empfängerin oder des Empfängers hinter Abkürzungen oder Pseudonymen; in der Regel wurden vertrauenswürdige Boten mit dem Überbringen der Nachrichten betraut (49-53). Letzteres galt sicherlich auch für die Schreiber solcher Botschaften, denn die meisten Liebesbriefe wurden von den Absendern nicht eigenhändig verfasst, sondern diktiert. Interessanterweise unterschieden sich die Briefe von Frauen in Stil und Sprachbildern nicht wesentlich von denen von Männern. Einzig um ihren guten Ruf zeigten sich Autorinnen besorgter als Autoren (59-64).
Dem allgemeinen Teil folgen zwei Kapitel mit Textbeispielen: Dabei unterscheiden Stokes und Putter zwischen rein fiktionalen Briefen ("Section II: fictional and instructional models") und solchen, die reale Bezüge aufweisen ("Section III: actual letters"). Das Untersuchungsschema, das den Textbeispielen zugrunde gelegt wird, ist ähnlich aufgebaut, was die Vergleichbarkeit der vorgestellten Liebesbriefe miteinander erlaubt: Der Erläuterung von Autorin/Autor und der Eigenart des Briefes/der Briefe folgt ein Abriss der Rezeptionsgeschichte. Danach werden einige Beobachtungen zum Text und seinen sprachlichen Besonderheiten wiedergegeben. Dem schließt sich die Edition an, einschließlich eines kritischen Apparates in Form von Endnoten und einer englischen Übersetzung.
Ausführlicher als "Section II" ist "Section III"; hier gibt es neben dem klassischen Aufbauschema zuweilen Exkurse, die für ein zusätzliches Textverständnis sorgen. Beispielhaft sei an dieser Stelle auf die sogenannten Norfolk Letters verwiesen, in denen ein Abt an Nonnen schreibt: Ein Ausflug in die Sitten und Moralvorstellungen des englischen Klerus im 15. Jahrhundert liefert Hintergründe, die zur Einordnung der Briefe wichtig sind (251-260).
In diesem letzten Kapitel - auf ein explizites Nachwort wurde verzichtet - bildet die Untersuchung des Briefverkehrs zwischen Peter von Hagenbach und einer Ordensschwester aus dem lothringischen Kloster Remiremont den Abschluss (340-468). Diese Korrespondenz an das Ende des Buches zu setzen, ist geschickt, denn Peter von Hagenbach hatte eine bewegte Biografie. Brisante Episoden daraus werden nicht zuletzt in seinen Liebesbriefen angesprochen. Dem Gefolgsmann des Herzogs von Burgund wurde im Jahr 1474 der Prozess gemacht. Einer der Vorwürfe lautete, er habe sich an weiblichen Religiosen vergangen. Vor diesem Hintergrund ist die Lektüre seines innigen Briefwechsels mit der Nonne aus Remiremont, die sich bislang nicht eindeutig identifizieren lässt, höchst interessant - umso mehr, da die Briefe wiederholt Ereignisse aus der Geschichte Peters von Hagenbach und des Klosters referieren, die durch andere Quellen belegt werden können.
Insgesamt handelt es sich bei dem Werk Myra Stokes' und Ad Putters um eine gelungene Abhandlung zu den Liebesbriefen des Mittelalters, die durch ihre soliden Editionen zugleich als Quellensammlung benutzt werden kann. Kleine Monita, wie ein etwas zu ausschweifender Exkurs zur spätmittelalterlichen Geschichte des Herzogtums Burgund (342-357), fallen bei dem positiven Eindruck, den das Buch hinterlässt, nur unwesentlich ins Gewicht. Doch wird das Buch wohl vor allem in den Sprach- und Literaturwissenschaften seine Leserschaft finden. Dem Historiker führt die Lektüre jedenfalls noch einmal deutlich vor Augen: Als historische Quellen sind Liebesbriefe nur bedingt geeignet. Viel zu selten liefern sie Greifbares, viel zu selten Verifizierbares.
Anmerkung:
[1] Vgl. Franz J. Worstbrock: Art. Tegernseer Liebesbriefe, in: Die Deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon 9 (2010), Sp. 671-673.
Janis Witowski