Rahel Meier: Mio corpo venga sepolto in terra sancta - Genese und Verbreitung eines Wunderberichts des 13. Jahrhunderts. Der Blutacker in Jerusalem, der Heilige Acker in Akkon und der Camposanto zu Pisa (= Scrinium Friburgense; Bd. 56), Wiesbaden: Reichert Verlag 2022, 255 S., 52 Farb-Abb., ISBN 978-3-7520-0617-9, EUR 79,00
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Im Mittelpunkt dieser Studie steht eine spätmittelalterliche Legende, deren Auswirkungen auch bis weit in die Frühe Neuzeit hinein anhielten. Es ist die Vorstellung, dass die Erde von jenem Acker, der um den Judaslohn gekauft worden war und auf dem die in Jerusalem verstorbenen Pilger beigesetzt wurden, die Leichen der Toten besonders rasch zersetze. Durch die Übertragung dieser Erde konnten auch andere Friedhöfe zum "Campus sanctus" (ital. "Camposanto") werden. Während des 13. und 14. Jahrhunderts aufgekommen, prägte diese Legende zwar einen wichtigen Teil der katholischen Begräbniskultur, doch fehlte bislang eine eingehendere, neue Studie zu diesem Thema. Die Fribourger Dissertation von Rahel Meier bietet hier nun einen Referenzpunkt.
Die Studie ist in zwei Hauptteile geteilt. Im ersten Abschnitt wird die Lokalisierung der Örtlichkeit und ihre Identifizierung mit dem Akeldama von den biblischen Grundlagen und der archäologischen Spurensuche vor Ort bis zur Entstehung der Legende im ausgehenden Hochmittelalter nachgezeichnet. Die wichtigste Erkenntnis ist dabei, dass die älteren Beschreibungen von Blutacker, Pilgerfriedhof und Akeldama in Jerusalem nicht eine Kontinuität der Identifikation mit einem Ort nahelegen, sondern vielmehr auch so verstanden werden können, dass sich Be- und Zuschreibungen im Laufe der Jahrhunderte geographisch verschoben. Insbesondere Saewulfs Bericht von den heiligen Stätten dient hier als Kronzeuge für die kritische Lesung. Rahel Meier legt auf der Basis der Quellen nahe, dass die Akeldama erst in ayyubidischer Zeit entstanden sei und nun als Bestattungsort der christlichen Pilger vor der Stadt diente, die auf der Pilgerreise in Jerusalem verstorben waren.
Der zweite Teil behandelt vor allem den Heiligen Acker in Akkon und den Camposanto in Pisa. In Akkon lässt sich die Vorstellung von der besonderen Erde mit dem Friedhof von St. Nikolaus in Verbindung setzen. Vielleicht schon seit dem Dritten Kreuzzug, sicher seit dem 13. Jahrhundert, verband er sich also mit ganz ähnlichen Qualitäten wie sein Jerusalemer Gegenpart, was wohl auf eine Übertragung der Vorstellung hinweist. Rahel Meier legt nahe, dass dies im Zusammenhang mit dem Bemühen des lokalen Klerus steht, die Heiligkeit Akkons und auch die Attraktivität der Stadt für Pilger aufgrund der hier gewährten Ablässe zu steigern. Nicht ganz klar wird, wie die wohl doch frühe Nennung in Akkon mit der These von der ayyubidischen Entstehung und späten Legendenbildung in Jerusalem in Einklang zu bringen wäre; deutlich wird jedenfalls die erheblich spärlichere Quellenlage als in Pisa.
Auf dem Pisaner Fall liegt der Hauptfokus der Studie, die eine Auswertung der Schriftquellen und die Bauerfassung des Camposanto bietet. Deutlich werden auch hier die Unsicherheiten, die sich mit der eigentlichen Übertragung der Legende (und tatsächlicher Erde?) aus Jerusalem verbinden. Das steht in auffälligem Kontrast zu den mit der Zeit immer reicheren Nachrichten über diesen Ursprung, die die Legende wirkmächtig und den Camposanto in seiner Besonderheit herausstechen ließen. Wichtig ist Rahel Meier die ursprüngliche Unterscheidung zwischen der Erde, dem eigentlichen Campus sanctus, mit der wunderhaften Kraft rascher Verwesung der hier Bestatteten einerseits und der Architektur, die diesen in Pisa rahmt, andererseits; eine Unterscheidung, die dann im Laufe der Zeit zunehmend unscharf wurde.
Anhand der Predigten des Pisaner Erzbischofs Federico Visconti werden die im Pisa des 13. Jahrhunderts kursierenden Vorstellungen vom jenseitigen Schicksal der Toten nach dem Individualgericht und insbesondere vom Fegefeuer diskutiert, was in einer Interpretation der berühmten Wandmalereien des Buonamico Buffalmacco mündet, die - entgegen der bisherigen Interpretation - auch eine Fegefeuerdarstellung umfassen sollen. Klar herausgearbeitet wird die besondere Rolle des Pisaner Camposanto in den Diskussionen um Bestattung und Jenseits im 13. Jahrhundert; die These, dass dieser Friedhof mit seiner speziellen Erde ein Mittel in einer unabhängigen Position der kaisertreuen Stadt Pisa gegenüber den Päpsten darstelle, wird man aber ebenso rege diskutieren müssen wie die ikonographische Neuinterpretation der Wandmalereien des Camposanto. Dabei hätte die Heranziehung aktueller Literatur zu Interdikt und Kirchenstrafen (etwa von Christian Jaser) geholfen, die breiteren Diskurse der Zeit auf noch aktuellerem Stand einzubeziehen.
Der gelegentlich persönliche Ton - etwa beim Bericht des Besuchs vor Ort in Jerusalem - lenkt nur in wenigen Teilen von der an sich soliden Analyse ab. Störend ist der wertende Ton aber dort, wo er den Kern der Arbeit trifft. So wird die Bestattung in der Akeldama, die letztlich ein großes Gewölbe mit einem Loch in der Decke darstellt, durch das man die Verstorbenen warf, immer wieder als "unwürdige Bestattungsweise" oder Beisetzung unter "widerlichen Umständen" qualifiziert. Diese Wertung ließe sich aber beim genaueren Blick auf die mittelalterliche Bestattungskultur doch zumindest relativieren, wenn man etwa an die Bestimmungen zur Beisetzung von unbekannten Toten, von auf hoher See oder bei Belagerungen Verstorbenen denkt. Vor allem bleibt so aber der eigentliche Zweck der Einführung einer ungewöhnlichen Grabstätte wie der Akeldama unhinterfragt stehen - warum sollten unter ayyubidischer Herrschaft die christlichen Pilger so behandelt werden?
Hier eröffnet die Arbeit vor allem neue Fragen für die Forschung, die muslimische und jüdische Vorstellungswelten mit einbeziehen sollte. Könnten nicht etwa jüdische Vorstellungen von einer Reinigungszeit des Verstorbenen im Grab hier auch auf christliche Pilger übertragen worden sein, was die Legende von der raschen Verwesung (also einer kurzen Leidenszeit nach dem Tod) mit dem Ziel der Pilgerreise (Vergebung der Sündenstrafen und rasche Aufnahme bei Gott) verbunden hätte? Das bleibt aber weiter zu diskutieren, denn die interreligiöse Dimension des Themas schneidet diese Studie noch wenig an.
Die Arbeit von Rahel Meier hat das Verdienst, eine bislang deutlich unterbelichtete, aber für das Phänomen der Camposanti entscheidende Entwicklung neu beleuchtet zu haben, und es ist an der künftigen Forschung, diesen Faden auf neuer Grundlage und in interdisziplinärem Gespräch aufzugreifen.
Romedio Schmitz-Esser