Linda Conze: Die Fotografie und das Fest. Zur medialen Herstellung von Gemeinschaft zwischen Weimarer Republik und Nationalsozialismus, Göttingen: Wallstein 2025, 340 S., 194 Farb-, s/w-Abb., ISBN 978-3-8353-5600-9, EUR 44,00
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen
Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.
Frank Bajohr / Sibylle Steinbacher (Hgg.): »... Zeugnis ablegen bis zum letzten«. Tagebücher und persönliche Zeugnisse aus der Zeit des Nationalsozialismus und des Holocaust, Göttingen: Wallstein 2015
Sebastian Elsbach: Das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold. Republikschutz und politische Gewalt in der Weimarer Republik, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2019
Anna Corsten: Unbequeme Erinnerer. Emigrierte Historiker in der westdeutschen und US-amerikanischen NS- und Holocaust-Forschung, 1945-1998, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2023
Daniel Roos: Julius Streicher und "Der Stürmer" 1923-1945, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2014
Detlef Lehnert: Friedrich Stampfer 1874-1957. Sozialdemokratischer Publizist und Politiker: Kaiserreich - Weimar - Exil - Bundesrepublik, Berlin: Metropol 2022
Linda Conzes Studie Die Fotografie und das Fest. Zur medialen Herstellung von Gemeinschaft zwischen Weimarer Republik und Nationalsozialismus baut auf der bisherigen Forschung zur NS-Fotogeschichte und zur Festkultur auf und ermittelt wesentliche Anschlussstellen, um diese weiterzudenken: Denn die Historikerin rückt den Blick von der öffentlichen Bildproduktion hinein ins Private, von der politisch intendierten Propaganda zu alltäglichen Bildnarrativen, in die sich die nationalsozialistische Ideologie ebenso einschrieb. Zentrales Anliegen der Studie ist, die Fotografie umfänglich als Quelle in der Wissenschaft anzuerkennen; ihre Untersuchungsgegenstände sind fotografische Bilder. Während die Analyse von Bildern im Plural für die Kunstgeschichte und die Bildwissenschaft eine essenzielle Grundlage bildet, rückte die Fotografie in der Geschichtswissenschaft nur zögerlich als Quelle in den Fokus. In der Abhandlung wird darauf verwiesen, dass der Stellenwert der fotografischen Bildproduktion sowie die Vielfalt visuellen Erzählens, die sich in der Zeit des Nationalsozialismus beobachten lässt, erst in den späten 2010er-Jahren einen Fokus in der Forschung erhielt (30). Die Autorin knüpft so beispielsweise an Veröffentlichungen von Gerhard Paul [1], Harriet Scharnberg [2] oder Christina Irrgang [3] mit ihrer Auswertung von Fotografien aus der Zeit der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus an und fragt, inwiefern sich in Fotografien von Festen die Konstitution von Gemeinschaft(en) zeigt. Mit Bezug auf Sandra Rühr und Eva Wattolik [4] verweist sie darauf, dass die medialisierte Form von Festen bislang zu wenig in der Forschung berücksichtigt wurde. Ihre Zielsetzung ist vor diesem Hintergrund, innerhalb des genannten Zeitraums die Kontinuitäten in fotografischer Praxis und Bildpublizistik aufzuzeigen und damit das die politischen Systeme durchdringende Potenzial des Mediums zur Herstellung von Gemeinschaft herauszustellen.
Der Studie liegt eine umfangreiche Quellenrecherche zugrunde, für welche Linda Conze Sichtungen in zahlreichen öffentlichen und privaten Archiven in Deutschland sowie in Österreich vornahm. Die Basis ihrer Untersuchung bilden die Bildbestände von drei Autodidakten: die Nachlässe der Fotografen Albert Gehring (Ditzingen), Fritz Neff (Brühl), und Adam Menth (Aub). Diese Bestände, aus denen die Historikerin auf Sammlungen von Festdarstellungen fokussiert, repräsentieren eine medientechnische Vielfalt von Glasplattennegativen zu Rollfilmen - und damit die Entwicklung von statischen zu dynamischen Prozessen des Fotografierens sowie den zunehmend flexibleren Gebrauch des Mediums im betrachteten Fest-Kontext. Dieses Quellenmaterial wird ergänzt durch kleinere Konvolute, die sich etwa als fotografische Abzüge in privaten Fotoalben materialisiert haben und in der Forschungsarbeit auf ihre arrangierten Erzählmodi hin befragt werden.
Die Einleitung der Studie legt neben den zuvor genannten, herangezogenen Quellen Linda Conzes Methodologien dar. Darin macht sie deutlich, dass Festfotografien stets Anwesenheit vergegenwärtigen, Abwesenheit unsichtbar bleibt und dass somit die "Praktiken des Ausschlusses [...] zeitlich vor dem Bild" liegen (25). Die Autorin stellt ihre Ausführung in Zusammenhang mit der sozialen Neuordnung der Gesellschaft von Demokratie zu Diktatur. Linda Conzes Zielsetzung ist, "das Zusammenspiel der banalen Positivität dieser Bilder mit der Banalität von Wahrnehmungsprozessen" (26) zu untersuchen und damit die Habitualisierung von Exklusionsprozessen zu vergegenwärtigen. Dazu dient ihr der serielle Vergleich: Aussagen werden in ihrer Studie nicht durch Einzelbilder, sondern anhand einer Vielzahl an Bildern und Bildserien getroffen.
Hierfür gliedert die Historikerin ihre Studie darauffolgend in vier Hauptteile. Im ersten Teil des Buches werden Vorstellungen von gelungenen fotografischen Bildern, wie sie in den 1920er- und 1930er-Jahren in Amateurzeitschriften vorgestellt wurden, resümiert. Dadurch entsteht ein Überblick über zeitgenössische Seh- und Zeigegewohnheiten. Wichtig für die nachfolgende Argumentation, jedoch nicht neu in der Forschung ist der Verweis, dass immer mehr Menschen durch die gesellschaftliche Verbreitung des Mediums die Möglichkeit dazu hatten, entweder Porträts von sich anfertigen zu lassen, oder aber selbst zu fotografieren. Diese Situation bildet die Voraussetzung für das Entstehen der nachfolgend betrachteten fotografischen Quellen.
Im zweiten Teil des Buches stellt die Autorin sodann die These auf, dass "sowohl die Fotografie als auch das Fest [...] als Medien gesellschaftlicher Ordnung gelten" und ergänzt: "Gesellschaft braucht die Verbildlichung, um sich der eigenen Ordnung immer wieder neu zu versichern" (89). Um dies zu belegen, zieht Linda Conze fotografische Ansichten von Festumzügen heran, die Albert Gehring in Ditzingen aus Beobachterperspektive etwa vom Sängerfest (1926), vom SA-Sportfest (1933) oder vom Feuerwehrfest (1934) aufnahm. Diese vergleicht sie unter anderem mit Darstellungen von Menschenmengen, wie sie mit Aufnahmen von Fritz Neff am Ersten Mai 1935 in Brühl inmitten der Menge entstanden sind. Der Umfang der in diesem Kapitel herangezogenen Beispiele hätte zuweilen schmaler ausfallen können, denn die Sichtbarkeit von Präsenz und Repräsentation tritt bereits in den genannten Fallbeispielen prägnant hervor.
Der dritte Teil bringt das Fotografieren und Feiern als soziale Praktik in den Fokus der Studie. In der Gegenüberstellung von kostümierten Gemeinschaften, die Albert Gehring 1931 im Rahmen eines Maskenballs und Fritz Neff 1934/36 während einer Karnevalsfeier aufgenommen haben, legt die Forschungsarbeit eine Untersuchung des Genres Gruppenfoto hinsichtlich der Zusammensetzung von (geschlechtlicher) Ordnung, (temporärer) Gemeinschaft und bewusster kontextueller Rahmung dar, die mit dem Bildermachen einhergeht. Dieser Teil des Buches stellt den Kern der Studie dar, der zudem die größte Anschlussfähigkeit in die Gegenwart aufweist.
Im vierten Teil betrachtet die Autorin die Haltbarkeit von fotografischen Bildern und die Selbstverortung im Zusammenhang des privaten Fotoalbums, das sich als Schnittstelle zur öffentlichen Darstellbarkeit erweist. Als eindrückliches Beispiel dient ein Album aus dem Zeitraum 1927 bis 1942: Darin versammelt sind Fotos aus unterschiedlichen Lebensphasen der ehemaligen Besitzerin und verschiedenartigen Festen - Aufnahmen von der Ursprungsfamilie, von Hochzeit, Familiengründung, dem Berufsalltag, der Betriebsfeierlichkeit und Freizeit. Die arrangierten Fotos lassen nachvollziehen, wie sich der öffentliche politische Raum zunehmend auch im Privaten abbildete. Hier und mittels weiterer Beispiele wird deutlich, was Linda Conze mit ihrer Studie zu zeigen versucht: "Die Fotografien vom lokalen Fest mit neuer Symbolik von Hakenkreuz bis Hitlergruß integrieren erzählerisch die Veränderung durch den sogenannten 'Anschluss' in die visuelle Familienbiografie" (293) und sie markieren, wie sich "politischer Wandel in die biografische Erzählung einschleicht" (297).
Insgesamt stellt Linda Conzes Studie auf hervorragende Weise zur Schau, dass Fotografien Objekte sind, die Leben und Geschichte gestalten. Wenngleich das Buch insgesamt einige Längen aufweist, ist die Studie eine Bereicherung für die Forschung im historischen und fototheoretischen Wissenschaftsbereich. In ausgezeichneter Sprache und sicherem Stil legt Linda Conze dar, wie das Fotografieren und Feiern als ineinander verschränkte soziale Praktiken gesehen werden können. Eindrücklich rückt sie in den Blick, wie eng folglich gesellschaftliche Transformation mit dem Medium Fotografie respektive mit Medien generell Hand in Hand geht.
Anmerkungen:
[1] U.a. Gerhard Paul: Bilder einer Diktatur. Zur Visual History des 'Dritten Reiches', Göttingen 2020.
[2] Harriet Scharnberg: Die 'Judenfrage' im Bild. Der Antisemitismus in nationalsozialistischen Fotoreportagen, Hamburg 2018.
[3] Christina Irrgang: Hitlers Fotograf. Heinrich Hoffmann und die nationalsozialistische Bildpolitik, Bielefeld 2020.
[4] Sandra Rühr / Eva Wattolik (Hgg.): Medien im Fest - Feste im Medium, Köln 2017.
Christina Irrgang