Tobias Daniels (Hg.): Der zweite Romzug Kaiser Friedrichs III. (1468/69). Pilgerfahrt, Fürstenreise, politische Unternehmung (= Schriftenreihe des Österreichischen Historischen Instituts in Rom; Bd. 11), Wien: Böhlau 2025, 365 S., 20 Abb., ISBN 978-3-205-22280-4, EUR 65,00
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Der zweite Romzug Friedrichs III. leistet, noch zusätzlich zur Darbietung einer Fülle neuer Detailerkenntnisse, gleich zweierlei: Erstens erschließt und durchleuchtet der Band ein weiteres Stück Friedrich III. und fungiert so als maßgebliche Ressource für künftige Interpretationen seiner Herrschaftszeit insgesamt. Die Romreise des Kaisers über den Winter 1468/69 steht gemäß der gültigen Periodisierung von Paul-Joachim Heinig vor einer Phase der erneuten Anwesenheit Friedrichs III. im Binnenreich ab 1470. Die Scharfstellung auf die Wintermonate 1468/69 in diesem Band führt plastisch vor Augen, dass Anwesenheit im Binnenreich nicht mit kaiserlicher Aktivität tout court zu verwechseln ist. Herrschaft in Abwesenheit war jederzeit für den größten Teil der Beherrschten die Norm. [1] Die Beiträge hier weisen darauf hin, dass der Kaiser in Rom auch nicht "abwesender" war als der Kaiser woanders im Reich (Gabriele Annas), während er auf dieser Pilgerfahrt für politische Kreise in Italien deutlich "da" war, selbst im Vorfeld einer persönlichen Begegnung (Riccardo Pallotti, Christopher Kast, Anna Modigliani, Tobias Daniels, Daniel Luger). Zweitens reflektiert der Band, entstanden aus einer Konferenz am Österreichischen Historischen Institut in Rom, gleichsam inmitten des spiritus loci, grundsätzliche Fragen zum Charakter spätmittelalterlicher Romzüge im Spannungsfeld hochmittelalterlich geprägter Erwartungen und der Reisetätigkeit zunehmend sesshafter Herrscher:innen.
Der Aufbau des außerordentlich geschlossenen, unter den Beiträgen beeindruckend koordinierten Bandes folgt der Romreise chronologisch und von außen nach innen, von den Vorbereitungen im Vorfeld über die Perspektive der daheimbleibenden Reichsglieder und die Teilnehmer, weiter über die Aufenthalte in Ferrara, die Reise durch Mittelitalien und den Besuch Roms selbst bis zu den Aktivitäten Friedrichs III. und einer abschließenden Einordnung in die Romzüge des Mittelalters. Dabei klären die Beitragenden zahlreiche Fragen zu Ablauf, Zweck und Gebrauch der kaiserlichen Romreise. Beispielsweise kann Petra Heinicker das Bild der Romreise als Einlösung eines Gelübdes während der Wiener Belagerung von 1462 demontieren und demonstrieren, dass die kaiserlichen Vorbereitungen erst an der Jahreswende 1466/67 einsetzten. Die zweite Romreise Friedrichs III. war eine Pilgerfahrt (begleitet von touristischen Interessen), wie in mehreren Beiträgen deutlich wird, unter anderem anhand der Rekonstruktion des wohl insgesamt zwischen 300 und 400 Personen umfassenden Teilnehmerkreises, der im Wesentlichen den kaiserlichen Hof abbildete (Sven Rabeler). Zugleich entfaltete es seine eigene Dynamik, dass dieser Pilger der Kaiser war, wie ebenfalls in mehreren Beiträgen des Bandes aufscheint. Nicht nur die Forschung, auch die Zeitgenossen erwarteten - teils misstrauisch, teils bang, teils hoffnungsfroh -, dass hinter einer Pilgerreise des Kaisers doch mehr stecken und aus ihr mehr herauszuholen sein müsse, was sich etwa in der astrologischen Begleitung der Kurie im Vorfeld (Claudia Märtl), an den unterschiedlichsten Interessen der in Rom anwesenden Beobachter (Tobias Daniels) oder an den kaiserlichen Privilegierungen zeigt, die italienische Interessenten erwirkten, und die auf dem Wege der Verleihung von Ernennungsrechten das Potential hatten, vor Ort nachhaltig weiter zu wirken (Daniel Luger).
Als wertvolle Nachschlageinstanz für zukünftige Forschungen präsentieren mehrere Beiträge zudem vorher nicht zusammengestellte oder nicht edierte Materialien in kompakten Anhängen, etwa eine chronologische Übersicht über die gesicherten Nachrichten zur Anbahnung der Reise (Petra Heinicker), Editionen von neun bisher ungedruckten zeitgenössischen Briefen, die über die Romreise Friedrichs III. 1468/69 berichten (Tobias Daniels), oder eine Übersicht über die während der Reise durch Friedrich III., seinen Stab und italienische Auftragnehmer ausgestellten Urkunden (Daniel Luger).
Die Quellengrundlage für die Mehrheit der im Band präsentierten Beobachtungen sind Berichte von Augenzeugen und (direkt oder indirekt) Involvierten, vorwiegend an verschiedene Interessenten in Italien, seien es Gemeinwesen, die Friedrich III. besuchte, wie Ferrara, oder solche, die er gerade nicht besuchte, wie Mailand. Das heißt sowohl, dass wir sehr nah an den Ereignissen den zeitgenössischen Beobachtern über die Schulter schauen können, als auch, dass wir letztlich auf den Zuschauerrängen bleiben. Friedrich III. selbst erscheint dadurch auf seiner eigenen Romreise notwendigerweise so interpretationsbedürftig und gleichsam dezentriert wie eben für Zaungäste der Herrschaftsrepräsentation. Als weiteres Verdienst des Bandes ist daher hervorzuheben, dass die Frage, womit wir es zu tun haben, aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet und nicht als Entscheidungsfrage behandelt wird.
Die Romreise Kaiser Friedrichs III. 1468/69 zeigt sich als Fürstenreise, als Herrschertreffen (Gefahr und Chance), als Nicken in Richtung der früh- und hochmittelalterlichen Krönungszüge zu Weihnachten, als Anomalie eines zweiten oder n-ten Romzugs (krönungslos) im Spätmittelalter und als Pilgerreise. Der Eindruck des trauernden Pilgers, den der Kaiser selbst konstant und konsequent die ganze Romreise hindurch vermittelte, auch wenn er, wie Jörg Schwarz betont (333), nicht anders konnte, als eben der Kaiser zu sein, kann so - bei allem berechtigten Interesse der Forschung an Einsortierung - stehen bleiben, ohne vor dem Hintergrund irgendeines diachronen Vergleichs zum "lächerlichen Auftritt" zu werden (Tobias Daniels). Der Band stellt daher eine Lesart in den Raum, die es ermöglicht, im Anschluss an die Beiträge von Gabriele Annas, Tobias Daniels und Sven Rabeler noch etwas plakativer zu werden: Beim Lesen wird Friedrich III. sichtbar, wie er mit all dem symbolischen Gepäck des Hochmittelalters eine normale Reise nach Rom unternimmt. Sichtbar wird zudem, wie Rom (und seine Satelliten und Gegner) damit umging, nicht in erster Linie Ziel reichspolitischer Begehren zu sein. Und schließlich wird sichtbar, wie diese vielleicht Mehrzweck-, sicher aber Multifunktionsreise in fast noch höherer Dichte mit Erwartungen belegt wird als die An- und Abwesenheit Friedrichs III. im außererbländischen Binnenreich - von Zeitgenossen und Forschung.
Anmerkung:
[1] Neuere Forschungen zu Friedrich III., Herrschaft und Abwesenheit: Christian Heinemeyer: Zwischen Reich und Region im Spätmittelalter. Governance und politische Netzwerke um Kaiser Friedrich III. und Kurfürst Albrecht Achilles von Brandenburg (Historische Forschungen; 108), Berlin 2016; Romedio Schmitz-Esser: Friedrich III. und die Präsenthaltung des abwesenden Herrschers, in: Zeitschrift für Historische Forschung 46 (2019), 576-614.
Maximiliane Berger