Rezension über:

Katja Gloger / Georg Mascolo: Das Versagen. Eine investigative Geschichte der deutschen Russlandpolitik, 7. Auflage, Berlin: Ullstein Verlag 2025, 496 S., ISBN 978-3-550-20427-2, EUR 26,99
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Rezension von:
Bodo Mrozek
Institut für Zeitgeschichte München - Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Empfohlene Zitierweise:
Bodo Mrozek: Rezension von: Katja Gloger / Georg Mascolo: Das Versagen. Eine investigative Geschichte der deutschen Russlandpolitik, 7. Auflage, Berlin: Ullstein Verlag 2025, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 7/8 [15.07.2026], URL: https://www.sehepunkte.de
/2026/07/40943.html


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Katja Gloger / Georg Mascolo: Das Versagen

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Der thesenstarke Titel ist Programm: Das Versagen bezeichnet plakativ das Urteil über die deutsche Russlandpolitik der vergangenen Dekaden. Das Buch der studierten Osteuropa-Historikerin und ehemaligen Moskau-Korrespondentin Katja Gloger und des zeitweiligen Chefredakteurs des SPIEGEL Georg Mascolo ist nicht die erste journalistische Abhandlung zum Thema. Im Unterschied zu anderen investigativen Recherchen trägt es aber nicht nur das Wort Geschichte im Titel. Das Duo hat auch ausgiebig in Archiven recherchiert, weswegen seine Resultate die Fachgeschichte interessieren müssen. Für diese Rezension lässt sich darüber hinaus eine methodische Frage formulieren: Sind Investigativ-Journalisten die besseren Historiker, wenn sie in Archive gehen?

Denn Gloger und Mascolo schöpfen nicht nur aus einem breiten Quellenfundus, darunter teils noch nicht freigegebener Akten, vor allem aus dem Politischen Archiv des Auswärtigen Amts, der Geheimregistratur des Kanzleramtes, aus Bundesministerien und Bundestaatsanwaltschaft und haben nachrichtendienstliche Lageberichte sowie Papiere aus Stiftungen und Think-Tanks ausgewertet. Auch standen ihnen führende Verantwortliche der deutschen Russlandpolitik Rede und Antwort, während einzelne dies bezeichnenderweise verweigerten.

Ihr Buch beginnt am 25. September 2001 mit Wladimir Putins bejubelter Rede vor dem Deutschen Bundestag und endet am 24. Februar 2022 mit der völkerrechtswidrigen Vollinvasion in der Ukraine. Dazwischen spannt sich ein Bogen, auf dessen Stationen der Begriff Versagen ein ums andere Mal passt: Die Entspannungsprozesse Minsk I und II, dubiose Stiftungen, Russland-Geschäfte deutscher Firmen, Rüstungs- und Militärkooperationen, hybride Maßnahmen wie Giftmorde, und schließlich das böse Erwachen 2022 im zweiten Krieg auf europäischem Boden seit 1945.

Die wohlformulierten Überschriften der Kapitel könnten auf den Covern von Polit-Thrillern stehen: "Ins deutsche Herz", "Der Fehdehandschuh", "Schlaflos in Minsk" oder "Ein Gewehr an der Wand". Damit ist freilich die metaphorische Flinte des Tschechowschen Erzählprinzips benannt, welches auch das heimliche Motiv des packend erzählten Buches benennt (42): spätestens mit den russischen Kriegen im Innern (Tschetschenien) und Interventionen nach Georgien, Moldau, Syrien, Südossetien/Abchasien und 2014 auf die Krim glühte das Menetekel immer drohender.

Wurzelte die sogenannte Sauna-Diplomatie zwischen Helmut Kohl und Boris Jelzin, der unterdessen einige dieser blutigen Interventionen befahl, noch im Bemühen um die friedliche Vereinigung beider deutscher Staaten, so waren spätere Russland-Strategien von einem im Rückblick mindestens naiv anmutenden Integrationswillen geprägt, oftmals von Gewinnstreben. (56) Das intime Sauna-Verhältnis setzten auch Gerhard Schröder und Wladimir Putin fort, dazu gab es gastro diplomacy, etwa wenn man Putin sein Dresdner Lieblingsbier aus jungen KGB-Tagen kredenzte. Der Vorsitzende des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft, Klaus Mangold, sang zudem im Dezember 2000 mit der textsicheren Familie Putin deutsche Weihnachtslieder. Diese Weihespiele dienten jedoch weltlichen Strategien: "Mr. Russland" Mangold war gleichzeitig Initiator einer "Deutsch-Russischen Strategischen Arbeitsgruppe" für Wirtschaft und Finanzen (42).

Wenn die Motti der verschiedenen Epochen deutscher Russlandpolitik geringfügig variierten, so blieb doch die Linie: Aus "Wandel durch Annäherung" (Egon Bahr) wurde "Wandel durch Handel" (Angela Merkel) wurde "Annäherung durch Verflechtung" (Frank-Walter Steinmeier) wurde "Wandel durch Wehrtechnik" (Gloger & Mascolo) (96, 127, 156). Im Buch sind etliche Profit-Anwärter der deutschen Russland-Politik benannt, darunter E.ON, Mannesmann, Wintershall/BASF, Kärcher Future Tech, Rheinmetall, Uniper, die Fährhafen Sassnitz GmbH, die Commerzbank, die Dresdner Bank und die Deutsche Bank. Allein für Nord Stream 2 erhielten 80 Unternehmen Aufträge.

Unter der alliterativen Überschrift "Pipelines und Profite" lassen sich die haarsträubenden Details der intransparenten Stiftungs-Konstrukte en détail nachlesen. Dabei sticht besonders die prominente Rolle des ehemaligen Spions der DDR-Hauptverwaltung A(ufklärung) Matthias Warnig hervor, der als Geschäftsführer der Nord Stream 2-Stiftung für Manuela Schwesig als Schlüsselfigur fungierte und Sigmar Gabriel als "Back Chanel" zu Putin diente. (296) Die mit 200.000 Euro vom Land und zwanzig Millionen als "Schenkung" von der Nord Stream 2 AG finanzierte Stiftung unter dem geradezu zynischen Tarnnamen "Stiftung Klima- und Umweltschutz MV" war ein Widergänger von Gerhard Schröders "Wattenmeer-Stiftung" - Kontinuitäten in der courte durée. (296, 326)

Längere historische Vergleiche wurden ebenfalls bemüht. So raunten Diplomaten angesichts geplanter Rüstungslieferungen das "Schreckenswort 'Rapallo'", das für den deutsch-russischen Schulterschluss von 1922 steht, unter dem schon einmal geheime Militärkollaborationen angebahnt wurden. (69) Und schließlich vergriff sich auch der "geschichtswissenschaftliche Autodidakt" Putin 2020 in seinem berüchtigten Aufsatz an der Historie: Darin rechtfertigt er den Hitler-Stalin-Pakt als "Antwort" auf eine vermeintliche Schuld Polens am Zweiten Weltkrieg. (342) Aber auch professionelle Historiker tauchen im Buch als Akteure auf. Zu den hellsichtigen Warnern gehörte frühzeitig der Russlandhistoriker Jan C. Behrends, der 2024 mit Heinrich-August Winkler, Gabriele Lingelbach, Martina Winkler und Dirk Schumann einen (späten) Brandbrief an die Genossen im Parteivorstand der SPD ob deren verfehlter Russlandpolitik unterzeichnete.

Andere lagen mit ihren Prognosen durchaus falsch. Der Politologe Herfried Münkler etwa will Angela Merkel gegenüber "Putins Drehbuch für die Ukraine ähnlich dem von Hitler in der sogenannten Sudetenfrage" eingeschätzt haben - auch wenn der Ukraine-Historiker Bert Hoppe mittlerweile daran erinnert hat, dass Münkler selbst entgegen späteren Aussagen schon 2014 die Teilung der Ukraine vorgeschlagen hatte. [1]

Gloger und Mascolo lesen Dokumente quellenkritisch und deuten selbst spärliche Randbemerkungen in grüner Kanzlerinnen-Tinte interpretativ aus (auch Merkel hielt beharrlich an Nord Stream 2 fest). Sie benennen jene Lücken, die politisch Verantwortliche bewusst mit dem bereits unter Kohl etablierten "gelbe Klebezettel System" in der Überlieferung klaffen ließen, zum Glück für die Geschichtsschreibung aber beim Säubern von Akten auch mal ein Post-It mit der eigenen Tinte darauf übersahen. (252, 329)

Sind also Investigativjournalisten die besseren Historiker, wenn sie ins Archiv gehen?

Die Antwort ist ein klares Jein. Die Entschiedenheit des - nachträglichen - Urteils, mit der Politik hart ins Gericht zu gehen, unterscheidet das Buch von manchen übervorsichtigen akademischen Einlassungen. Angehörige des politischen Spitzenpersonals standen dem Buch in ungewöhnlichem Umfang gesprächsweise zur Verfügung (teil-reumütig: Sigmar Gabriel, der mit einem Zitat den Buchtitel beisteuerte). Allerdings sind gerade diese späten Selbstdeutungen eine schwierige Quellengattung und so müssen Gloger und Mascolo immer wieder Zweifel am Gesagten anmelden.

Der Geschichtsschreibung möge das Buch eine Inspirationsquelle für weiterführende, aber nicht minder kritische Forschung sein. Dem gegenwärtigen politischen Personal sollte es als mahnende Pflichtlektüre im Sinne eines "Thinking in Time" dienen [2]. Denn die deutsche Russland- und vor allem Ukraine-Politik nach 2022 ist ein nicht minder interessantes Thema für kommende Bücher. Deren Titel lassen sich derzeit noch beeinflussen.


Anmerkungen:

[1] In der FAZ vom 19. März 2025. Vgl. die Zusammenfassung auf perlentaucher.de, URL: https://www.perlentaucher.de/9punkt/2025-03-19.html (Abruf 22.06.2026)

[2] Richard E. Neustadt / Ernest R. May: Thinking in Time. The Uses of History for Decision-Makers, New York / London 1986.

Bodo Mrozek