Rezension über:

Christoph Brüll / Sebastian Haumann / Stefan Krebs et al. (eds.): Mediating the Decline of Industrial Cities. Knowledge Production, Heritage-Making and Urban Transformation in Postwar Europe (= Routledge Advances in Urban History), London / New York: Routledge 2026, XI + 293 S., 19 s/w-Abb., ISBN 978-1-032-86728-1, EUR 185,00
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Rezension von:
Mathis J. Gronau
Bochum
Redaktionelle Betreuung:
Empfohlene Zitierweise:
Mathis J. Gronau: Rezension von: Christoph Brüll / Sebastian Haumann / Stefan Krebs et al. (eds.): Mediating the Decline of Industrial Cities. Knowledge Production, Heritage-Making and Urban Transformation in Postwar Europe, London / New York: Routledge 2026, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 7/8 [15.07.2026], URL: https://www.sehepunkte.de
/2026/07/41002.html


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Christoph Brüll / Sebastian Haumann / Stefan Krebs et al. (eds.): Mediating the Decline of Industrial Cities

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Fünf Jahre nach dem ersten ideengebenden Workshop ist 2025 der Sammelband Mediating The Decline of Industrial Cities, herausgegeben von Christoph Brüll, Sebastian Haumann, Stefan Krebs und Jens van de Maele, erschienen. Bestehend aus zwölf Beiträgen, die in drei Sektionen eingeteilt sind, präsentiert dieses Buch vielfältige Blickwinkel auf die Deindustrialisierungsgeschichte Europas nach 1945. Was diese Blickwinkel vereint und bereits im Titel mitschwingt, ist der Fokus auf Mediatorinnen und Mediatoren samt ihrem Handeln.

Das theoretische Grundgerüst des Bands hat seinen Ursprung sowohl in der Technologiegeschichte als auch in gängigen Konnotationen des Begriffs Mediation. Es ist allerdings wichtig, dass Mediatorinnen und Mediatoren hierbei eher als vermittelnd und nicht als streit-schlichtend begriffen werden. Die Definition des Konzepts wird trinär aufgebaut und bedingt zugleich die Gesamtstruktur des Sammelbands: erstens Mediatorinnen und Mediatoren als sinnstiftende und wissensproduzierende Handelnde während der Deindustrialisierung, zweitens als vermittelnde Instanzen von Zukunftsvisionen in industriellen Städten und drittens als Instanzen der Historisierung industrieller Kultur in diesen Räumen. Die Beiträge sind nicht gleich auf die drei Bereiche verteilt, so finden sich in der ersten Kategorie fünf und in der letzten Kategorie nur drei Beiträge. Allerdings führt diese Aufteilung nicht zu einem Ungleichgewicht oder einer problematischen Überrepräsentation einer Sektion.

Zunächst lässt sich sagen, dass der Band nicht nur bestehende Entwicklungen im Forschungsfeld der Deindustrialisierungsgeschichte aufgreift; gerade die Einleitung plädiert überzeugend für Weiterentwicklungen des Forschungsfelds - zum Beispiel die zeitliche Erweiterung der Untersuchung von Deindustrialisierung auch vor 1974. Grenzen des Bands werden ebenfalls offen und direkt angesprochen wie beispielsweise der starke Fokus auf Westeuropa oder die Konzentration auf urbane Räume. Somit präsentieren die Herausgebenden nicht nur Stärken des Bands, sondern zeigen auch seine Grenzen auf. Ein paar Blindstellen werden allerdings übersehen, wie beispielsweise der starke Fokus auf vor allem männlich dominierte Industrien wie Stahl und Kohle, während weiblich geprägte Branchen wie Textil und Bekleidung nicht vorkommen.

Trotzdem ist der Band breit genug gefächert, um eine beachtliche Anzahl an Feldern abzudecken. So finden sich unter den Beitragenden Forschende aus verschiedenen Teilen Europas, situiert in verschiedenen Fachbereichen und an verschiedenen Punkten der akademischen Laufbahn: Von Promovierenden bis zu Professorinnen und Professoren, von Mediengeschichte über Religionsgeschichte bis hin zur Ökonomie. Diese Vielfalt schlägt sich auch den Forschungsobjekten und Regionen wieder: So werden beispielsweise die Kirche in Salford, Arbeitslosenzeitungen im Ruhrgebiet und Fotografinnen und Fotografen in Luxemburg beleuchtet. Dies trägt dazu bei, dass ein überzeugendes Gesamtbild zu den Mediatorinnen und Mediatoren entsteht. Auch die zeitliche Dimension der Erforschung von Deindustrialisierung seit den 1960er Jahren bis zur Gegenwart gelingt überaus gut.

Allerdings hat diese große Vielfalt, wie es gerade bei Sammelbänden nicht unüblich ist, ebenfalls Nachteile: Einige Beiträge passen deutlich klarer zum konzeptuellen Rahmen, andere berühren diesen eher peripher. Ohne die Qualität des Aufsatzes selbst zu kritisieren, bleibt es beispielsweise doch unersichtlich, warum ein Beitrag über die Auswirkung der Jugendforschung auf die Industrie in Rumänien der 1960er und 1970er Jahre Eingang in ein Buch über Deindustrialisierung und Niedergang gefunden hat. Die Einleitung und der Beitrag selbst merken hierbei an, dass zu diesem Zeitpunkt in Rumänien weder von einer Deindustrialisierung noch von einem Niedergang gesprochen werden kann. In einigen anderen Aufsätzen taucht zudem das Konzept der Mediatorinnen Mediatoren nach der Einleitung erst wieder im Fazit auf und spielt für die Analyse sonst keine Rolle. Darüber hinaus variiert die Belegdichte zwischen den verschiedenen Beiträgen; und wenn eine Institution wie die Independent Film-Makers' Association in einem Nebensatz als "radikal linke" (188) Organisation bezeichnet wird, wäre ein Beleg nützlich gewesen, um diese Bezeichnung besser einordnen zu können.

Trotz dieser Schwächen bietet der insgesamt kohärente Sammelband überzeugende Beiträge über Akteurinnen und Akteure, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten mit Deindustrialisierungsprozessen umgingen oder diese mitprägten. Die Aufsätze reihen sich in ihrer Vielfalt gut in die neueren Ansätze zur Erforschung von Deindustrialisierungsprozessen ein. Auch wenn der räumliche Schwerpunkt in westeuropäischen Städten liegt, führt der Fokus auf Mediatorinnen und Mediatoren zu neuen Einsichten über urbane Deindustrialisierung in diesem Teil des Kontinents. So beleuchtet Sebastian Haumann in seinem Aufsatz mit Arbeitslosenzeitungen eine Quellengattung, die erst seit kurzem wissenschaftliche Aufmerksamkeit erhält. Haumann nutzt mehrere Arbeitslosenzeitungen aus dem Ruhrgebiet der 1980er Jahre, um die Erfahrungswelt eben jener zu beleuchten, die von der Deindustrialisierung betroffen waren. Positiv anzumerken ist auch, dass er genderspezifische Aspekte in seiner Analyse berücksichtigt und somit weibliche Deindustrialisierungserfahrungen explizit einbezieht. Die Zeitungen werden als Vermittler verstanden, die nicht nur einen Diskursraum für Arbeitslose boten, sondern deren Erfahrungen und Anliegen nach außen transportieren konnten. Haumanns Artikel zeigt, wie innovativ die Nutzung von Mediatorinnen und Mediatoren als Zugang sein kann.

Ein weiteres Beispiel für diesen innovativen Aspekt ist Carole O'Reilys Analyse der Städteidentität Salfords. Sie greift auf Diskurse auf Facebook zurück, um die lokale Wahrnehmung einer Stadt im Wandel aufzuarbeiten. Facebook, so O'Reilly, diente einerseits als Raum für Betroffene, die nicht zu den Meinungseliten der Stadt gehörten, auch wenn Facebook selbst bestimmte Narrative stärker förderte als andere. Auch hier zeigt sich, wie der Zugang über Mediatorinnen und Mediatoren eine Schnittstelle darstellen und somit eher vernachlässigte Stimmen sichtbar machen kann. Die Nutzung von Facebook als Quelle reiht sich in einen Trend in der Deindustrialisierungsgeschichte hin zu digitalen Räumen als Forschungsobjekt ein, ist also aktuell und aufschlussreich für die weitere Entwicklung des Forschungsfeldes.

Der Sammelband leistet einen wichtigen Beitrag zur Deindustrialisierungsgeschichte. Aufgrund der Ambivalenz, die die Vielfalt der Beiträge betrifft, ist es nicht unbedingt ein Übersichtswerk, wird aber in vielen Bereichen der Deindustrialisierungsgeschichte Anklang finden und erweitert das Forschungsfeld mit dem ausgearbeiteten Konzept der Mediatorinnen und Mediatoren selbst um einen wichtigen Schwerpunkt. Daher lohnt sich eine Lektüre in jedem Fall.

Mathis J. Gronau