Eckart Conze: Friedlos. Die Deutschen zwischen Kriegsgewalt und Friedenssuche. Von 1648 bis heute, München: dtv 2026, 568 S., ISBN 978-3-423-28535-3, EUR 35,00
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Angesichts der Rückkehr des großen Staatenkriegs nach Europa ist es dringend erforderlich, sich wieder mit Krieg und Frieden als den zentralen Problemen der Mächtebeziehungen zu beschäftigen. Das zeigt Eckart Conze mit seinem neuen Buch. Er geht von einem doppelten Epochenbruch in der Gegenwart aus, gekennzeichnet zum einen durch den umfassenden russischen Angriffskrieg auf die Ukraine seit 2022 und zum anderen durch die Abkehr der Vereinigten Staaten vom Westen als Sicherheits- und als Wertegemeinschaft unter Donald Trump seit 2025. Die multipolare Ordnung der Gegenwart sei nach wie vor von den Nationalstaaten geprägt: "die These eines Bedeutungsverlusts der Nationalstaaten oder gar der Auflösung einer nationalstaatlich geprägten internationalen Ordnung hat im Licht der Gegenwart an Überzeugungskraft verloren".(17) Thema seines Buches ist "das komplexe Wechselverhältnis von Friedenssuche und Kriegsgewalt in der neueren deutschen Geschichte" (15), die freilich stets in die europäische und globale Geschichte eingebettet werden müsse.
Conzes Ausgangspunkt ist der Westfälische Friede von 1648, weil sich damals ansatzweise ein System souveräner Territorialstaaten in Europa herausbildete - das sogenannte Westfälische System. Wenngleich Frühneuzeithistoriker berechtigte Einwände gegen den Begriff vorbringen, benutzt der Autor ihn in einem idealtypischen Sinne. Das erste Kapitel umfasst zwar die lange Zeitspanne von 1648 bis 1789, ist aber das kürzeste des Buches. Es geht darin vor allem um die Entstehung des Systems der fünf Großmächte, der Pentarchie, wobei ein Schwerpunkt auf den Aufstieg Preußens infolge dreier Kriege gelegt wird.
Mit dem Kapitel zur Französischen Revolution und der sich anschließenden Kriegsepoche nimmt das Buch an Fahrt auf. Die Revolution gebar die französische Nation, und infolge der napoleonischen Kriege entstand in Nachahmung und Abwehr Frankreichs auch die deutsche Nation. Der europäische Friede, wiederhergestellt von den europäischen Großmächten auf dem Wiener Kongress 1814/15, basierte vor allem auf den Prinzipien der Legitimität und Solidarität unter den großen Fünf: Der Friede wurde folglich durch "Multilateralismus" (139) gesichert und war notwendigerweise gegen den immer stärker werdenden nationalistischen Geist der Zeit gerichtet. Er konnte zwar mit den auf dem Wiener Kongress geschaffenen Instrumenten vorerst erhalten bleiben, in den Revolutionen von 1848 brach sich indes das nationale Prinzip seine Bahn und zeigte, etwa an den Debatten der Frankfurter Nationalversammlung über Nationalitätenfragen und am ersten deutsch-dänischen Krieg, "welches europäische Konflikt- und Kriegspotenzial von den revolutionären Dynamiken ausging".(169)
Folgerichtig bildet 1848/49 auch die Zäsur, mit der das dritte Kapitel einsetzt. Nun begann das Zeitalter der "Realpolitik" und des Staatsegoismus. Kurz darauf, infolge des Krimkriegs (1854-1856), brach die Wiener Ordnung zusammen, nicht zuletzt infolge des Seitenwechsels von Österreich, das Ende 1854 ein Bündnis mit Großbritannien und Frankreich geschlossen hatte (aber, anders als Conze schreibt, nicht auf deren Seite in den Krieg eintrat). Nun schlug die Stunde der "Realpolitiker" - namentlich von Napoleon III., des Grafen Cavour und von Otto von Bismarck. Im Bündnis mit den Nationen verfolgten sie staatliche Interessenpolitik und scheuten dabei vor Kriegen nicht zurück. Conze konzentriert sich auf Bismarck, und konstatiert zu Recht, dass das Kaiserreich eine "Kriegsgeburt" war. (197) Dabei sei es "nicht die Reichsgründung allein [gewesen], die das europäische Staatensystem grundlegend veränderte. Aber die Reichsgründung und die Art und Weise, wie sie zustande gekommen war, waren ein Ausdruck - und eine Folge dieses Wandels." (199)
Das alles trifft zweifellos zu. Aber Conze schießt über das Ziel hinaus, wenn er Bismarcks Politik nach 1871 als besonders friedlos darstellt: Dessen Bündnisse hätten die Kriegsgefahr nicht reduziert, sondern erhöht, ja, sie seien "Teil einer militarisierten Außenpolitik" gewesen. (207) Er sieht ernsthaft auch in der Berliner Politik einen der Gründe, warum es in Südosteuropa nicht zu einer nachhaltigen Entspannung kam: "Die lange Lunte, die 1914 das europäische Pulverfass zur Explosion bringen sollte, sie brannte bereits Ende der 1870er Jahre, und das Deutsche Reich und sein Kanzler hielten sie am Brennen." (211) Das verkennt den Charakter der damaligen Politik Bismarcks, die eben nicht auf Krieg ausgerichtet war, sondern das als saturiert betrachtete Reich in die europäische Ordnung einzufügen suchte und dazu ein Bündnissystem schuf, das einen Kriegsausbruch nicht befördern, sondern verhindern sollte. Zwar hat Conze Recht, wenn er schreibt, dass das mit kollektiver Sicherheit und multilateraler Politik nichts mehr zu tun hatte - aber das, was 1815 noch möglich gewesen war, ließ sich nach 1856 nicht mehr wiederholen. Dennoch unterscheidet er die seit den 1890er Jahren betriebene Weltpolitik von der Bismarcks, die "von der europäischen Absicherung des deutschen Nationalstaats, von der Maxime deutscher Sicherheit in Europa" geleitet gewesen sei. (226f.) Allerdings sei dann in besonderer Weise Deutschland dafür verantwortlich gewesen, dass sich die Bündnisse nach 1890 verfestigten und Großbritannien, herausgefordert durch die deutsche Flottenrüstung, ebenfalls zu den antideutschen Mächten hinzustieß. Zwar betont der Autor, dass der Weg in den Krieg nicht unausweichlich war, er kommt aber, im Gegensatz zu Christopher Clark, zu dem Ergebnis, dass sich die Mächte "sehr bewusst, nicht schlafwandelnd, auf den Krieg zubewegt hätten". (263) Allerdings wird dessen wichtiges Werk zur Vorgeschichte des 1. Weltkrieges von ihm auch nicht rezipiert.
Das vierte Kapitel, das die Jahre 1914 bis 1945 behandelt, zeigt zunächst, wie Moralisierung und Ideologisierung von Krieg und Kriegführung einen auf einem Interessenausgleich beruhenden Frieden unmöglich machten. Als Russland infolge der Oktoberrevolution zusammenbrach, nutzten die Mittelmächte die Situation zu dem Diktatfrieden von Brest-Litowsk; nach der Niederlage Deutschlands und Österreich-Ungarns diktierten die Westmächte die Pariser Vorortverträge. Der amerikanische Präsident Woodrow Wilson hatte zwar die Vision einer Partnerschaft demokratischer Nationen, trat aber gleichzeitig für das Selbstbestimmungsrecht der Völker ein, was zu Problemen bei der Grenzziehung insbesondere in Ostmitteleuropa führte und dort innerstaatliche und zwischenstaatliche Gewalt begünstigte. Zu Recht hebt Conze hervor, dass die führenden Politiker 1918/19, anders als 1814/15, auf die gesellschaftlichen Befindlichkeiten und Emotionen Rücksicht nehmen mussten, was zu den harten Friedensbedingungen erheblich beitrug. Wilson hatte zwar die Inspiration zur Gründung des Völkerbunds gegeben; dieser blieb jedoch Stückwerk, da die besiegten Länder nicht zugelassen wurden und auch die Vereinigten Staaten nicht beitraten. Dass diese ihre weltpolitische Verantwortung nicht wahrnahmen, kam den revisionistischen Mächte Deutschland, Italien und Japan entgegen.
Da der Vertrag von Versailles Deutschland zwar demütigte, als potenzielle Großmacht aber bestehen ließ, setzte die politische Elite alles daran, diesen zu revidieren. Allerdings war damit der Weg in den Zweiten Weltkrieg nicht vorgezeichnet: Denn Gustav Stresemann setzte, gemeinsam mit seinem französischen Amtskollegen Aristide Briand, auf eine kooperative Revision von Versailles, basierend auf deutsch-französischer Verständigung, Gewaltverzicht und ökonomischer Verflechtung. Dieses Modell scheiterte jedoch angesichts des übermächtigen Chauvinismus. Ab 1933 konnte Hitler daher seine auf Krieg ausgerichtete Außenpolitik betreiben, begünstigt durch die Appeasement-Politik Großbritanniens und Frankreichs - die freilich nicht einfach mit Nachgiebigkeit gleichzusetzen ist, sondern eine auf ein "general settlement" ausgerichtete politische Gesamtkonzeption darstellte. Im Zweiten Weltkrieg verfolgte US-Präsident Franklin D. Roosevelt dann das Ziel, "die USA zur aktiven Wahrnehmung ihrer Rolle als globale Ordnungsmacht zu bringen". (369) Mit dem Kriegseintritt der USA begann damit, wie der Journalist Henry Luce treffend schrieb, das "Amerikanische Jahrhundert". (370)
Die Geschichte des Kalten Krieges erzählt Conze vor allem aus westdeutscher Perspektive. Die bipolare Weltordnung, die auch die beiden deutschen Staaten hervorbrachte, war eine ideologisch begründete, machtpolitisch aufgeladene Konfliktsituation. Dagegen stand die insbesondere von den Vereinigten Staaten ins Leben gerufene UNO als "gegen einen engen, machtstaatlichen Nationalismus [... und] gegen aggressive, freiheitsfeindliche Ideologien" gerichtete Organisation. (379) Die Erzählung folgt den bekannten Stationen Westintegration, europäische Integration, Détente und Ostpolitik bis hin zur erneuten Verschärfung der Konfrontation seit der zweiten Hälfte der 1970er Jahre und der Wiederannäherung im folgenden Jahrzehnt bis zum Ende des Kalten Krieges, das auch die Wiedervereinigung Deutschlands ermöglichte. Diese Lösung der deutschen Frage war mit der Schaffung einer neuen europäischen Friedensordnung eng verbunden. Daher kommt, wie Conze zu Recht schreibt, dem Jahr 1990 eine ähnliche Bedeutung wie den Jahren 1815, 1919 und 1945 zu. Zuzustimmen ist ihm auch, wenn er den Kalten Krieg als "eine abgeschlossene Epoche" (454) bezeichnet. Die neue Konfrontation zwischen Russland und dem Westen ist kein neuer Kalter Krieg, sondern etwas grundsätzlich Neues. Ob aber der Kalte Krieg ein "langer Frieden" oder "organisierte Friedlosigkeit" war, lässt Conze offen. (455)
In einem längeren Epilog zeichnet er den "Aufstieg und Fall der neuen Weltordnung" (457) zwischen 1990 und heute nach - eine Zeit, in der Deutschland zwar eine Friedensdividende einfuhr, sich gleichzeitig aber erstmals seit 1945 aktiv an Kampfhandlungen beteiligte, zunächst im Rahmen der Luftschläge gegen Serbien 1999 und dann in Afghanistan. Das Buch endet mit einer Skizzierung des deutsch-russischen Verhältnisses zwischen 1990 und dem Beginn des umfassenden Angriffskriegs auf die Ukraine sowie mit dem Appell, die EU angesichts der russischen Gewalt- und Kriegspolitik und der Erosion der transatlantischen Gemeinschaft zu stärken.
Ein Fazit zieht Conze leider nicht. Auch wenn es bei dem Thema kein "Fortschrittsnarrativ" (26) gibt, wäre zum Abschluss eine pointierte historische Einordnung der untersuchten Jahrhunderte zwischen Krieg und Frieden wünschenswert gewesen. Der Gesamteindruck ist daher gemischt. So ist es zu begrüßen, dass mit diesem Werk die Geschichte der internationalen Beziehungen wieder zu ihrem Recht kommt, auch wenn einige Einseitigkeiten, insbesondere im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, zu monieren sind. Und wäre angesichts des Themas nicht eine konsequent europäische Geschichte sinnvoller gewesen als eine Fokussierung auf Deutschland?
Hermann Wentker