Ana Lucia Araujo: Humans in Shackles. An Atlantic History of Slavery, Chicago: University of Chicago Press 2024, ix + 678 S., ISBN 978-0-226-77158-8, USD 39,95
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Alexandra J. Finley: An Intimate Economy. Enslaved Women, Work, and America's Domestic Slave Trade, Chapel Hill, NC / London: University of North Carolina Press 2020
Betül İpşirli Argιt: Life after the Harem. Female Palace Slaves, Patronage and the Imperial Ottoman Court, Cambridge: Cambridge University Press 2020
Richard B. Allen (ed.): Slavery and Bonded Labor in Asia, 1250-1900, Leiden / Boston: Brill 2022
Claudia Varella / Manuel Barcia Paz: Wage-Earning Slaves. Coartación in Nineteenth-Century Cuba, Gainesville, FL: University of Florida Press 2020
Ulrike Schmieder: Versklavung im Atlantischen Raum. Orte des Gedenkens, Orte des Verschweigens in Frankreich und Spanien, Martinique und Kuba , Berlin / Boston: De Gruyter Oldenbourg 2024
Christian Mauder: Gelehrte Krieger. Die Mamluken als Träger arabischsprachiger Bildung nach al-Ṣafadī, al-Maqrīzī und weiteren Quellen, Hildesheim: Olms 2012
Irene Schneider: The Petitioning System in Iran. State, Society and Power Relations in the Late 19th Century, Wiesbaden: Harrassowitz 2007
Wer sich einen Überblick über die Geschichte der transatlantischen Sklaverei verschaffen möchte, greift in der Regel zu den Büchern von Hugh Thomas (The Slave Trade. The History of the Atlantic Slave Trade. 1440-1870, New York 1997) oder Herbert S. Klein (The Atlantic Slave Trade, Cambridge 1999). Warum also eine neue Gesamtdarstellung? Ana Lucia Araujo gibt hierauf eine klare Antwort: Das Buch sei eine atlantische Kulturgeschichte der Sklaverei in den Amerikas, die darauf abziele, die Verzerrungen und Ungleichgewichte der bisherigen Historiographie zu korrigieren, die sich beharrlich auf die britische nordatlantische Welt konzentriert habe, insbesondere auf die britischen Kolonien Nordamerikas und später die USA sowie die englischsprachigen Karibikkolonien. Sie selbst möchte diese Einseitigkeit nun korrigieren, indem sie den Fokus auf die zentrale Bedeutung Brasiliens und afrikanischer Gesellschaften sowie auf die Rolle versklavter Frauen richtet. Die von ihr angeführten Zahlen geben ihr recht: Nur 389.000 von den in Afrika versklavten Personen kamen auf die Märkte in Nordamerika, 3,4 Millionen auf die französischen und britischen Westindischen Inseln, aber 4,8 Millionen landeten in den brasilianischen Hafenstädten. Grundsätzlich folgt sie der von Claude Meillasoux, Moses I. Finley, Orlando Patterson und Paul E. Lovejoy etablierten Definition von Sklaverei, die allesamt die vollständige Entfremdung bzw. den "sozialen Tod" (Patterson) der Betroffenen in den Vordergrund stellen. Allerdings müsse man im Hinterkopf behalten, so gibt Ana Lucia Araujo sicher zurecht zu bedenken, das dies bereits für die zweite Generation in der Regel nicht mehr gelte.
In den 17 Kapiteln geht Araujo sehr traditionell vor: das Werk beginnt mit der Etablierung des transatlantischen Sklavenhandels durch die Portugiesen (1) und der Beschreibung der verschiedenen Formen der Versklavung (vor allem im Rahmen kriegerischer Raubzüge) in Afrika (2). Die Beteiligung afrikanischer Akteure wird hier sehr deutlich herausgearbeitet. Der Weg der Gefangenen aus dem Hinterland und weiter entfernten Regionen war häufig ebenso brutal wie ihr Verkauf und die Übergabe an die im Laufe der Zeit miteinander konkurrierenden Kolonialmächte (3). Die anschließende Überfahrt und die damit verbundenen Horrorszenarien (4) sind schon oft beschrieben worden. Sehr interessant und innovativ finde ich das folgende Kapitel über den Tod (5), der natürlich einen ständigen Begleiter der Sklav*innen darstellte, seine soziale Bedeutung und die sich im Laufe der Zeit herausbildende Begräbniskultur. Über die zahlreichen Märkte (6) gelangten die meisten Neuankömmlinge, die die middle passage überlebt hatten, auf die verschiedenen Plantagen (7). Ana Lucia Araujo schildert sehr anschaulich die harten Arbeiten, die dort zu verrichtet waren, sowie die aufkommenden kapitalistischen Produktionsweisen. Ein nicht unerheblicher Teil der versklavten Personen kam aber auch in Städte (8) - sowohl in den Kolonien wie auch in den 'Mutterländern'. Im Mittelpunkt der nächsten fünf Abschnitte stehen dann versklavte Frauen. Die Verfasserin skizziert zunächst die verschiedenen Arbeiten, die von dieser Gruppe im öffentlichen Raum verrichtet werden konnte. (9) Unabhängig davon stellte die sexuelle Ausbeutung, die oftmals mit willkürlicher Gewalt einherging, ein durchgängiges Muster der transatlantischen Sklaverei dar. (10) Die (selbstverständlich nicht freie, sondern stets kontrollierte) Gründung von Familien (11) und die damit einhergehende (extrem eingeschränkte) Agency gehört zusammen mit den Überlegungen zur Mutterschaft (12) innerhalb des menschenverachtenden Systems zu den interessantesten Abschnitten des Buches.
Die sich nun anschließenden Teile befassen sich in erster Linie mit dem weiten Feld der verschiedenen Formen und Möglichkeiten des praktizierten Widerstandes der versklavten Menschen gegen ihre erniedrigende und schier ausweglose Situation. (13) An dieser Stelle schiebt Ana Lucia Araujo - etwas unvermittelt - einige (durchaus informative) Bemerkungen über die lebenspraktischen Verbindungen und Verflechtungen von Sklav*innen mit dem Katholizismus ein. (14) Thematisiert werden danach die großen Aufstände auf Jamaika und Saint-Domingue sowie die Malê-Revolte in Bahia (15), bevor es dann an die Beschreibung der mannigfaltigen Emanzipationsbewegungen des 19. Jahrhunderts geht. (16) Das abschließende Kapitel beschäftigt sich mit der Remigration ehemaliger Sklav*innen nach Afrika (17), bevor die Autorin im Epilog auf das Erbe und die Aufarbeitung der transatlantischen Sklaverei in der heutigen Welt eingeht.
Soweit also die Gliederung und die (durchaus bekannte) Geschichte, die erzählt wird. Was ist neu? In der Tat gelingt es Araujo durch die Auswahl ihrer zahlreich eingestreuten Anekdoten, den Schwerpunkt auf Brasilien, Afrika und die Lebenswelten von Sklavinnen zu legen. Allerdings ist es für die Leserschaft bisweilen recht schwierig, aus den vielen Beispielen und narrativ wiedergegebenen Quellenbefunden eine klare geschichtswissenschaftliche Darstellung mit der nötigen Abstraktion und abwägenden Beurteilung wirtschaftlicher, politischer, rechtlicher sozialstruktureller und kulturellen Faktoren in einer vergleichenden longue durée-Perspektive zu finden. Eine stringente Kulturgeschichte ist dabei leider auch nicht herausgekommen. Grundsätzlich fehlen zudem - wie bei fast allen Darstellungen der transatlantischen Sklaverei - die synchron und diachron vergleichende Sichtweise sowie Themen wie die unterschiedlichen Praktiken der Freilassung bzw. des Freikaufes, das Weiterleben starker asymmetrischer Abhängigkeiten der Sklav*innen nach der offiziellen abolition oder die Rolle von Kollaborateur*innen innerhalb des Systems. Ich denke jedoch, dass man das Buch gewinnbringend nutzen kann, nachdem man die beiden am Anfang genannten Übersichtsdarstellung der transatlantischen Sklaverei gründlich gelesen hat.
Stephan Conermann