Pavel Himl: Beobachten, Beschreiben, Gestalten. Die Polizei im Zeitalter der Aufklärung und der Moderne Staat 1770-1820 (= Schriftenreihe der Österreichischen Gesellschaft zur Erforschung des 18. Jahrhunderts; Bd. 23), Wien: Böhlau 2024, 360 S., 19 Farb-Abb., ISBN 978-3-205-21748-0, EUR 150,00
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Bei der hier zu besprechenden Fallstudie handelt es sich um die Übersetzung der 2019 auf Tschechisch erschienenen Monographie von Pavel Himl, die die Formierung moderner Polizeiinstitutionen in den Ländern der Böhmischen Krone während der "Sattelzeit" 1770 bis 1820 behandelt. Die Untersuchung nutzt eine breite Quellenbasis von Polizei- und Verwaltungsakten, Gesetzen und pragmatischer Literatur, um das Polizeiwesen in den größeren Städten Böhmens und seine institutionelle Ausdifferenzierung und Praktiken empirisch zu rekonstruieren. Methodisch geschieht dies vorwiegend durch Fallstudien zu einzelnen Städten und die Analyse exemplarischer Fallbeispiele aus der Polizeipraxis. Behandelt wird die ganze Bandbreite der polizeilichen Verwaltungstätigkeit, die sich auf zahlreiche Bereiche von Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur erstreckte, um Sicherheit und Ordnung zu gewährleisten und die Bevölkerung zu verwalten. Entsprechend formuliert Himl als erkenntnisleitende These, dass "die moderne Polizei Ende des 18. Jahrhunderts nicht nur als repressive Kraft entstanden ist, sondern auch als stimulierende produktive und innovative Institution" (20). Die institutionengeschichtliche Perspektive wird folglich durch eine auf die gesellschaftliche Funktion der Polizei ausgerichtete Perspektive ergänzt, womit die Studie an neuere Forschungen zur Polizeigeschichte anknüpft.
Hiervon ausgehend behandelt das zweite Kapitel die Formierung der neuen Polizeiorganisation in Prag und den größeren Städten Böhmens unter Einbeziehung des österreichischen Kontextes. Gekonnt verknüpft Himl den politischen Diskurs um die Gestaltung des Polizeiwesens und den diesbezüglichen Wissenstransfer aus Frankreich mit den konkreten Maßnahmen und Reformen, zeigt aber auch deren Grenzen und Wendungen auf und thematisiert das damit entstehende Spannungsverhältnis zur Landes- und Stadtverwaltung. Über den kommunalen Raum hinaus beobachtet er auch die Ausbreitung polizeilicher Institutionen und Methoden in Form eines Netzwerks über das ganze Land. Detailliert rekonstruiert werden die organisatorische Ausdifferenzierung und Professionalisierung der Polizeiämter sowie deren Aufgaben, Zuständigkeiten und Methoden, wie insbesondere die sachlich differenzierten, periodischen Polizeiberichte. Damit entsteht ein umfassendes Bild einer präventiven wie proaktiven Polizeipraxis der Verfolgung von abweichendem Verhalten und Gesetzesverstößen, der Überwachung verdächtiger Gruppen, der Verhinderung von Unglücken und des Sammelns und Kommunizierens entsprechender Informationen. Dieser regelmäßige Informationsaustausch über gesellschaftliche Dynamiken und Störung der Ordnung - so Himls zutreffende Deutung - versetzte Polizei und Verwaltung in die Lage, sowohl präventiv zu agieren als auch Normverletzungen zu verfolgen und war ein wichtiges Moment der Professionalisierung und Ausdifferenzierung des modernen Polizeiwesens und damit der staatlichen Verwaltung insgesamt (138).
Das dritte Kapitel analysiert unter Einbeziehung zahlreicher Fallbeispiele die administrative Praxis der Polizeiorgane mit dem Fokus auf Überwachung und Kontrolle der Bevölkerung, des städtischen Raums und der Personenbewegungen "Fremder". Behandelt werden die entsprechenden Polizeitechniken wie Anzeigewesen, Meldewesen, Passwesen, Identitätsfeststellung, Fahndung, Wachdienste und Erfassung des (Wohn-)Raums und die damit verbundenen Mechanismen und Praktiken der Informationsverarbeitung und Zuschreibung. Es geht dem Verfasser folglich darum, wie staatliche Polizei und Verwaltung "Ruhe und Ordnung" sicherten und soziale Stabilität gewährleisteten, indem "jeder Einwohner innerhalb der Gesellschaft einen sichtbaren und kontrollierbaren Platz einnahm" und seine gesellschaftlichen Pflichten erfüllte (148). Dabei bezieht Himl auch die Reaktionen aus der Bevölkerung sowie gescheiterte Pläne, Grenzen und Funktionsmängel polizeilicher Tätigkeit mit ein. Im Ergebnis konstatiert er eine Intensivierung und Modernisierung der polizeilichen Praktiken, Verfahren und Methoden, die einerseits dem Staat die universelle Erreichbarkeit des Einzelnen und damit "große Macht" sicherten, andererseits aber auch "eine gewisse gesellschaftliche Transparenz" (227) herstellten und insofern nicht nur die repressive Funktion der Polizei stärkten, sondern auch den Bürgern Möglichkeiten einräumten.
Im vierten Kapitel wendet sich der Verfasser der insbesondere durch politisch subversive Aktivitäten gestörten "öffentlichen Ruhe" und den diesbezüglichen Polizeimaßnahmen zu. Auch hier zielt die Fragestellung auf die Bestimmung der repressiven und gesellschaftlichen Funktionen der Polizei und darauf, wie die Polizeibehörden politische Bedrohungen konstruierten und zur Legitimierung von Sicherheitsmaßnahmen und Kontrolle der Öffentlichkeit nutzten. Himl untersucht dies anhand gut gewählter - aber auch sehr unterschiedlicher - Fallbeispiele wie der "Faschingsaffäre" von Georgswalde, der Überwachung und Zensur von Theaterstücken und Aufführungen, dem "Bordell-Tumult" von 1793 oder der sozialen Unruhen von 1805. Das Ergebnis betont im Einklang mit der Forschung, dass die Revolutionsfurcht Polizeibeamte sensibilisierte und dazu führte, öffentlich geäußerte Meinungen und Versammlungen, lokale Ereignisse und deviante Gruppen als staatsgefährdende "Verschwörungen" des "Pöbels" einzuschätzen und damit letztlich die Ausweitung der polizeilichen Kontrolle des öffentlichen Raums zu begründen: In einer Art "Echoeffekt" brachte die Polizei "'gefährliche Gruppen' und Bedrohungen in gewissem Maße auch selbst hervor und legitimierte damit rückwirkend ihre Sicherheitsmaßnahmen" (299), so Himls zutreffende Interpretation.
In seiner Fallstudie erarbeitet Pavel Himl auf breiter Quellenbasis und mittels konzise analysierter Beispiele überzeugende Ergebnisse und Erkenntnisse zur Formierung des modernen Polizeiwesens in Böhmen im städtischen Kontext, die insgesamt die Forschungen zur Entstehung der modernen Polizei während der "Sattelzeit" bereichern und weiterführen. Diese charakterisiert er als permanenten Prozess der Institutionalisierung und Reformierung exekutiver Polizeibehörden, die dabei stetig neue, "moderne" Methoden und Praktiken auf Verwaltung und Gesellschaft ausdehnten und sich um zahlreiche soziale, wirtschaftliche und kulturelle Belange kümmerten, um Gefahren vorzubeugen, Sicherheit zu gewährleisten, das "Wohl" der Bevölkerung zu garantieren, aber auch Informationsgewinnung, soziale Kontrolle und die Sanktionierung von Normverstößen zu intensivieren. Ein Vorzug der Studie ist folglich, dass sie die gesellschaftliche Perspektive mit einbezieht und auch die alltäglichen Defizite der Polizeipraxis und deren Wahrnehmung in der Bevölkerung aufhellt. Insofern zeichnet Himl ein breites und keineswegs nur auf "Repression" beschränktes Bild der Polizei als Manifestation des "allumfassenden Verwaltungsanspruchs des modernen Staates" (Klappentext), der auch Schutz, Stabilität und Ermöglichung der entstehenden bürgerlichen Ordnung beinhaltete. Im kommunalen Bereich führten die modernen Polizeibehörden allerdings auch Aufgaben und Funktionen der traditionellen Lokalverwaltung und der frühneuzeitlichen "guten Policey" als Leitkategorie und Verwaltungspraxis fort. In dieser Beziehung vermisst der Rezensent eine stärkere Einbeziehung der Forschungen zur "guten Policey", wodurch die frühneuzeitlichen Wurzeln des Transformationsprozesses zur modernen exekutiven Polizei hätten stärker konturiert werden können. Auch an andere in der neueren Polizeiforschung diskutierte Deutungskonzepte (z.B. soziale Kontrolle, Disziplinierung, Etikettierung, Gouvernementalität) knüpft Himl kaum an, um seine Ergebnisse vergleichend einzuordnen und zu diskutieren. Methodisch präferiert er vielmehr eine Institutionengeschichte der Polizei im Kontext von Verwaltung, Gesetzgebung, Reformen, Modernisierung und staatlichen Akteuren, die sich in der Sattelzeit zu einem "unverzichtbaren" (231) Element des "modernen Staates" entwickelte, ohne diese in der Forschung auch kontrovers diskutierte Deutung kritisch zu reflektieren. Insofern wird es auch Aufgabe künftiger Forschung sein, die profunde Fallstudie Himls in die Geschichte der Entwicklung der Polizei adäquat einzubinden - verdient hat sie es allemal.
Karl Härter