Caesarius von Heisterbach: Libri VIII miraculorum - Die "Acht Wunderbücher". Auswertung, Edition, Übersetzung und Kommentar. Hg. von Julia Burkhardt und Isabel Kimpel, Heidelberg: Heidelberg University Publishing 2025, 564 S., zahlr. Farb-Abb., ISBN 978-3-96822-317-9, EUR 65,00
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Ronny Horst: Santiago de Compostela. Die Sakraltopographie der romanischen Jakobus-Kathedrale, Affalterbach: Didymos-Verlag 2012
Marie-Thérèse Zenner (ed.): Villard's Legacy. Studies in Medieval Technology, Science and Art in Memory of Jean Gimpel, Aldershot: Ashgate 2004
Michael Carter: The Art and Architecture of the Cistercians in Northern England, c.1300-1540, Turnhout: Brepols 2019
Der Zisterziensermönch Caesarius von Heisterbach (um 1180-1240) ist vor allem für seinen "Dialog über die Wunder" (Dialogus miraculorum) bekannt; weniger Beachtung fand bislang eine andere, wesentlich kleinere Exempla-Sammlung: die Libri VIII miraculorum. Dieses Werk liegt nun erstmals vollständig übersetzt und kommentiert vor. Die Herausgeberinnen Julia Burkhardt und Isabel Kimpel haben den lateinischen Text neu ediert und in diesen Text auch spätere Zusätze aufgenommen, die nicht nur die "Überlieferungsdynamik" deutlicher hervortreten lassen, sondern auch inhaltlich zur Beschäftigung mit dem Werk anregen sollen, weil in diesen Zusätzen oft neue Gedanken aufscheinen, die in der ursprünglichen Version des Textes nicht angelegt sind. Die Herausgeberinnen möchten mit ihrer Edition vor allem den "erzählerische(n) Reichtum der Libri VIII miraculorum der Forschung und Öffentlichkeit" (21) zugänglich machen. Die Publikation gliedert sich grob in vier Teile: Der erste Teil ist der Auswertung gewidmet. Der zweite enthält verschiedene Verzeichnisse / Repertorien und der dritte Teil die Edition des Textes mit Übersetzung und philologischen Apparaten. Der abschließende Teil besteht aus dem Namens- und Ortsregister.
Eingangs werden Autor, Werk, Inhalt, Adressaten, Datierung, Forschungsgeschichte, handschriftliche Überlieferung, editorische Prinzipien, einschließlich der Beschreibung der verwendeten Handschriften, detailliert diskutiert bzw. ausgeführt.
Über das Leben des Caesarius ist nur wenig bekannt, wobei biografische Informationen vor allem von ihm selbst stammen und aus seinen Schriften extrahiert werden müssen. Für seine schriftstellerische Tätigkeit sind zwei Aspekte von besonderer Bedeutung. Zum einen dürfte Caesarius in eine wohlhabende Familie hineingeboren worden sein, die ihm in Köln eine gründliche Schulausbildung zu Teil werden ließ und weiterführende theologische Studien ermöglichte. Er trat also ins Kloster Heisterbach als gebildeter Laie ein. Zum anderen ist seine Tätigkeit als Novizenmeister hervorzuheben, die er ab 1199 ausübte. In dieser Funktion hatte er nicht nur die Aufgabe, die Neulinge in die geltenden Consuetudines einzuweisen, sondern auch, sie spirituell zu formen. Für Letzteres war Caesarius prädestiniert, denn er besaß die Gabe, kurze Geschichten lebensnah und lebendig zu erzählen. Diese Geschichten waren didaktisch gut strukturiert, strebten auf einen Höhepunkt zu und enthielten grundlegende spirituelle bzw. moraltheologische Botschaften, die eindrücklich und leicht verständlich waren. Caesarius verfügte über einen enormen Fundus an Geschichten, der nur entstehen konnte, weil er seinen Abt oft auf Reisen begleitete und dadurch ein großes Netzwerk an Kontakten aufbauen konnte.
In einem Brief an Petrus, Prior von Marienstatt, überliefert Caesarius sein eigenes Werkverzeichnis. Aus diesem geht hervor, dass er die "Acht Wunderbücher" nach dem "Dialog über die Wunder" fertigstellte. Kimpel und Burkhardt legen anhand werkimmanenter Indizien überzeugend dar, dass die Endredaktion des Textes auf die Jahre 1223 bis 1226 datiert werden kann. Es ist gut möglich, wie die Herausgeberinnen vermuten, dass der Endredaktion eine längere Sammlungsphase vorausging.
Überliefert sind von den im Titel avisierten acht Büchern nur zwei. Caesarius verpackte seine Motivation für das Werk in einer Kochallegorie. Er habe auf Anweisung (seines Abtes) einen Brei aus verschiedenen Tugenden für die Schwachen (infirmi) gekocht, die die kräftigen Speisen nicht mehr essen und verdauen könnten (Prolog). Mit den infirmi bezog sich Caesarius nach Burkhardt und Kimpel auf "diejenigen, die spirituell hungrig sind und aufgrund ihres lasterhaften Lebens der Tugenden bedürften." (28) Im Gegensatz zum Dialogus miraculorum verzichtete Caesarius in den Libri auf die Dialogform und eine strenge inhaltliche Konzeption der Bücher, die um die Themenfelder Beichte, Eucharistie, Hostienwunder, Trinität, Marienwunder, Dämonen, Teufel, Taufe und Tod kreisen. Im Mittelpunkt der Geschichten stehen verschiedene Laster (u. a. gula, luxuria, superbia, ira,accidia, avaritia), die Caesarius metaphorisch wie Krankheiten verstand. Denn Laster können den Menschen befallen wie Krankheiten den Körper. Die Wirkung der Geschichten ergibt sich vor allem aus den zeitgenössischen Jenseitsvorstellungen, die deutlich machen, dass ein jeder für sein irdisches Fehlverhalten nach dem Tod vor Gott Rechenschaft ablegen muss. Die Herausgeberinnen greifen hier einen Begriff von Peter Dinzelbacher auf, der eine derartige Pädagogik als "angstbesetze Didaxe" bezeichnet (31). Diese zutiefst menschliche Dimension erklärt auch, warum die Wundergeschichten eine Strahlkraft über den zisterziensischen Bereich hinaus hatten. Sie wurden in verschiedenen Kontexten rezipiert, als exemplum in Predigten eingebaut, die vor verschiedenen Auditorien gehalten wurden.
Das exemplum als literarische Erzählform basiert, wie Burkhardt und Kimpel betonen, auf Normen und Traditionen, die zeitunabhängig Geltung beanspruchten und die von einer Gemeinschaft geteilt wurden. Caesarius war einer der frühesten Autoren, die diese literarische Form meisterhaft beherrschten. Am Anfang der Erzählung wird zumeist die Gewährsperson genannt, die für die Authentizität des Inhalts bürgt. Der Höhepunkt der Geschichte wird dann mit lateinischen Phrasen (ecce / mirum est) eingeleitet. Dem folgt die moraltheologische Deutung. Die Perspektivwechsel lassen sich auch sprachlich erkennen. Den Abschluss bildet jeweils eine Überleitung zum nächsten Kapitel.
Es haben sich insgesamt fünf vollständige Handschriften (Buch I u. II) erhalten. Hinzu kommt eine Handschrift, die nur das erste Buch enthält, sowie 22 Exzerptmanuskripte. Die philologischen Eigenheiten werden von den Herausgeberinnen detailliert beschrieben und analysiert, auch mit Blick auf die Zusätze, sowohl die aufgenommenen als auch die zurückgewiesenen. Ergänzt wird der Haupttext durch vier Apparate: einen textkritischen Apparat, einen Zitationsapparat, einen kommentierenden Sachapparat sowie einen erweiterten Textapparat. Im Sachapparat wären zuweilen genauere Hinweise auf zisterziensische Gepflogenheiten wünschenswert gewesen, die sich erst über die angegebene Sekundärliteratur erschließen lassen. Die deutsche Übersetzung ist gut lesbar und profitiert von Caesarius' Absicht, seine Erzählungen in möglichst klarer Sprache und einfacher Ausdrucksweise zu vermitteln.
Julia Burkhardt und Isabel Kimpel haben mit der Edition der Libri VIII miraculorum eine Ausgabe vorgelegt, die höchsten wissenschaftlichen Ansprüchen genügt und die bis zur Auffindung neuer relevanter Textzeugen als editio princeps gelten kann. Die vollständige Übersetzung gibt auch weniger Lateinkundigen einen schnellen Einblick in die mittelalterliche monastische Geschichte und Kultur, wie sie uns von Caesarius präsentiert wird. Die verschiedenen Repertorien und Verzeichnisse erlauben nicht nur eine schnelle Orientierung in Detailfragen, sondern bieten auch einen optimalen Zugriff auf die bereitgestellten Informationen und Daten, wie er für die vergleichende Forschung benötigt wird.
Jens Rüffer