Gowaart Van Den Bossche: Literary Spectacles of Sultanship. Historiography, the Chancery, and Social Practice in Late Medieval Egypt (= Islam - Thought, Culture, and Society; Vol. 10), Berlin: De Gruyter 2023, IX + 231 S., ISBN 978-3-11-075224-3, EUR 144,95
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Gowaart Van Den Bossche untersucht die Geschichtsschreibung über die Sultane des spätmittelalterlichen Ägypten und Syriens, insbesondere eine Gruppe von sechs Herrscherbiographien, sogenannten sīras, die im späten 13. und frühen 14. Jahrhundert entstanden. Im Zentrum stehen die beiden miteinander verwandten Autoren Muḥyī ad-Dīn Ibn ʿAbd aẓ-Ẓāhir (gest. 1293) und sein Neffe Šāfiʿ b. ʿAlī (gest. 1330). Beide gehörten zum gebildeten Milieu der Kairoer Kanzlei, dem dīwān al-inšāʾ, und verfügten über herausragende Kenntnisse der arabischen Literatur, Dichtung und kunstvollen Prosakomposition. Ibn ʿAbd aẓ-Ẓāhir schrieb Herrscherbiographien über Baybars (reg. 1260-1277), Qalāwūn (reg. 1279-1290) und al-Ašraf Ḫalīl (reg. 1290-1293). Sein Neffe Šāfiʿ b. ʿAlī verfasste ebenfalls drei entsprechende Werke: eine Bearbeitung der Baybars-Biographie seines Onkels, eine Biographie Qalāwūns und eine teilweise erhaltene Darstellung an-Nāṣir Muḥammads (reg. 1293-1294, 1299-1309, 1310-1341). Die Studie behandelt die Werke der beiden Autoren nicht lediglich als historische Quellen für die Regierungszeiten der genannten Sultane, sondern fragt vor allem danach, weshalb sie ihre Lebensdarstellungen in genau der von ihnen vorgelegten Form schrieben, wie sie historische Ereignisse literarisch ordneten und welche sozialen Funktionen ihre Texte innerhalb von Hof, Kanzlei und literarischer Kultur erfüllten. Das Buch versteht Historiographie damit nicht als neutrale Aufzeichnung vergangener Tatsachen, sondern als bewusste narrative, literarische und soziale Praxis. Die sīra war zwar keine völlig neue literarische Form. Schon früher hatte es Herrscherbiographien gegeben, etwa über Ṣalāḥ ad-Dīn (reg. 1171-1193). Ibn ʿAbd aẓ-Ẓāhir und Šāfiʿ b. ʿAlī verliehen dem Genre jedoch eine spezifische Form. Während frühere Autoren ihre Biographien häufig rückblickend nach dem Tod eines außergewöhnlichen Herrschers verfassten, schrieben die beiden Kairoer Kanzleigelehrten über mehrere aufeinanderfolgende Sultane und begannen manche Werke offenbar bereits während der jeweiligen Regierungszeit. Da die Autoren selbst Teil dieses Gefüges waren, bewahrten sie beim Schreiben über den Sultan zugleich die Erinnerung an ihre eigene Rolle innerhalb seiner Herrschaft. Ibn ʿAbd aẓ-Ẓāhir und Šāfiʿ b. ʿAlī gehörten zu einer Kultur, in der literarische Virtuosität als gesellschaftliches Kapital galt. Ihre anspruchsvolle Reimprosa, ihre Wortspiele, Zitate, Gedichte und ihre intertextuellen Anspielungen waren nicht überflüssige Ausschmückungen eines ansonsten historischen Textes. Sie waren integrale Bestandteile der Kommunikation. Ein kompetenter Leser sollte nicht nur erfahren, was ein Sultan getan hatte, sondern die sprachliche Kunst bewundern, mit der seine Taten dargestellt wurden. Der Autor führte dabei seine eigene Bildung und Beherrschung der arabischen Tradition vor. Gleichzeitig demonstrierte auch ein Leser oder Patron kulturelle Kompetenz, wenn er diese Anspielungen verstand. Schreiben und Lesen wurden dadurch Teil einer gemeinsamen kulturellen Performance. Die Herrscherbiographie zeigte also nicht nur die Größe des Sultans, sondern auch die literarische Exzellenz des Schreibers und die kulturelle Bildung des Publikums.
Das zweite Kapitel untersucht zunächst, was die Autoren selbst unter sīra verstanden. In den erhaltenen Vorreden erscheinen drei wiederkehrende Argumente. Erstens wird das Schreiben von Geschichte als Tätigkeit dargestellt, durch die spätere Generationen aus der Vergangenheit lernen können. Zweitens gilt das Leben des jeweils behandelten Sultans als besonders erinnerungswürdig und exemplarisch. Drittens betonen die Autoren ihre eigene Stellung als Augenzeugen oder Beteiligte der beschriebenen Ereignisse.
Wie die Autoren aus dem historischen Material kohärente Erzählungen konstruierten, ist Gegenstand des folgenden Teils. Besonders deutlich wird dies in Ibn ʿAbd aẓ-Ẓāhirs Darstellung des Aufstiegs von Baybars. Ereignisse aus dessen Zeit vor der Thronbesteigung werden so miteinander verbunden, dass ein heroischer Handlungsbogen entsteht. Der Autor erfand die Ereignisse nicht einfach, erkannte aber ihr narratives Potential und ordnete sie nach Mustern, die seinem Publikum vertraut waren. Baybars erscheint dadurch als außergewöhnlicher Akteur, dessen dramatischer Aufstieg rückblickend einen sinnvollen Verlauf erhält. Historische Kontingenz wird erzählerisch in Schicksal und Bedeutung verwandelt. Die verschiedenen sīras entwickeln allerdings unterschiedliche Schwerpunkte. Einige stellen die militärische Leistung eines Sultans stärker heraus, andere seine Tugenden, Frömmigkeit, diplomatischen Erfolge oder Rolle als Förderer. Selbst eine Bearbeitung eines früheren Textes kann daher neue Bedeutungen erzeugen. Šāfiʿ b. ʿAlīs Überarbeitung der Baybars-Biographie seines Onkels ist kein bloß mechanisch gekürzter Text. Durch Auswahl, Kürzung und Neuordnung entsteht ein verändertes Herrscherbild. Dies zeigt, dass historiografische Tradition nicht einfach weiterkopiert wurde. Jeder Autor interpretierte sie neu. Auch bei Ereignissen, die politisch hoch relevant erscheinen, entscheidet letztlich die narrative Konstruktion darüber, welche Bedeutung sie im Werk erhalten.
Das vierte Kapitel rückt die Kanzlei in den Mittelpunkt. Der dīwān al-inšāʾ war für den Staat weit mehr als eine Schreibstube. Hier wurden diplomatische Briefe, Ernennungsurkunden und andere offizielle Texte formuliert; gleichzeitig war die Institution ein Zentrum literarischer Ausbildung und ein bedeutender Karriereweg für hochgebildete Männer. Die Beherrschung des inšāʾ, also kunstvoller schriftlicher Komposition, verband staatliche Tätigkeit und literarische Kultur. Aufschlussreich ist daher die Verwendung offizieller Dokumente in den Biographien. In den Texten werden zahlreiche Briefe und andere Kanzleimaterialien zitiert. Van Den Bossche zeigt, dass die Autoren Dokumente aktiv umarbeiteten und in neue narrative Zusammenhänge einbetteten. Entscheidend ist, wie ein Biograph sie auswählt, in welcher Reihenfolge er sie präsentiert und welche erzählerischen Kommentare sie umgeben. Der diplomatische Brief erhält im Geschichtswerk eine neue Funktion: Er demonstriert nicht allein die Position des Sultans, sondern ebenso das sprachliche Können der Kanzlei. Damit werden diplomatische Erfolge zugleich zu Erfolgen der Schreiber.
Diese Perspektive führt zum fünften Kapitel, das sich mit dem Thema der literarischen Kommunikation befasst. Die Historiographen waren häufig nicht nur Beamte und Historiker, sondern aktive Teilnehmer eines literarischen Feldes. Sie schrieben Gedichte, tauschten kunstvolle Briefe aus und standen in Verbindung mit anderen Literaten. Literatur war grundsätzlich sozial: Ein Gedicht oder Brief reagierte auf andere Texte, wurde beantwortet, zitiert, kopiert und in neue Sammlungen aufgenommen. Die sīras müssen deshalb innerhalb dieses literarischen Kommunikationsraums verstanden werden. Sie enthalten kunstvolle Prosastücke und zahlreiche Gedichte, durch die die Autoren ihre Vertrautheit mit der arabischen literarischen Tradition demonstrieren. Gedichte können politische Ereignisse kommentieren, Herrscher loben, Emotionen artikulieren, historische Vergleiche herstellen oder dem Autor Gelegenheit geben, sich selbst als Dichter zu präsentieren. Die Trennung zwischen historischem Bericht und literarischer Einlage ist dadurch künstlich. Das Gedicht kann Teil der historischen Interpretation sein. Wenn ein Autor ein eigenes Gedicht einfügt, dokumentiert er nicht nur eine zeitgenössische Reaktion, sondern schreibt sich gleichzeitig selbst in die Geschichte ein. Von besonderer Bedeutung ist ferner die Praxis der muʿāraḍa, also die bewusste Auseinandersetzung mit einem früheren Text durch Nachahmung und Überbietung. Ein Schriftsteller greift Formulierungen, Motive oder Strukturen eines Vorgängers auf und zeigt seine literarische Kompetenz dadurch, dass er sie kreativ verändert. Tradition galt nicht als Gegensatz zur Originalität. Die Beherrschung des Überlieferten war vielmehr Voraussetzung dafür, Neues zu schaffen. Die Texte erscheinen deshalb häufig voller vertrauter Topoi und scheinbarer Klischees; für zeitgenössische Leser konnten genau diese Wiederaufnahmen jedoch Zeichen hoher Bildung und kreativer Meisterschaft sein.
Das sechste Kapitel untersucht die sīras schließlich als höfisches Phänomen. Dabei problematisiert Van Den Bossche auch den Begriff 'Hof'. Dieser war keine klar abgegrenzte Institution oder ein einzelner Raum, sondern entstand durch Praktiken rund um den Sultan und andere mächtige Akteure. Patronage sollte in diesem Zusammenhang nicht als einseitiger Vorgang verstanden werden, bei dem der Sultan einen Schreiber beauftragt und dieser anschließend Propaganda produziert. Beide Seiten konnten aus der literarischen Kommunikation symbolischen Nutzen ziehen. Der Patron erhielt Lob und kulturelles Prestige; der Autor demonstrierte seine Kompetenz, knüpfte Beziehungen und verbesserte seine gesellschaftliche Position. Die Frage nach dem Publikum ist vor diesem Hintergrund aufschlussreich. Häufig wurde selbstverständlich angenommen, die Biographien seien für die Sultane geschrieben oder ihnen überreicht worden. Die überlieferten Handschriften liefern dafür jedoch kaum sichere Belege. Nur eine nennt eindeutig einen Patron, und dieser war offenbar kein Sultan. Van Den Bossche vermutet daher, dass die unmittelbare Leserschaft wesentlich kleiner und stärker aus dem Milieu der Autoren selbst zusammengesetzt gewesen sein könnte. Führende Kanzleibeamte und literarisch gebildete Kollegen kommen als wichtige Adressaten infrage. Die meisten sīras scheinen keine besonders breite Zirkulation erfahren zu haben. Nur die Baybars-Biographie von Ibn ʿAbd aẓ-Ẓāhir wurde in gewissem Umfang zitiert, doch selbst von ihr sind lediglich wenige Handschriften bekannt.
Die zentrale Aussage des sehr interessanten und gelungenen Buches besteht folglich darin, dass die spätmittelalterlichen Herrscherbiographien Geschichtsschreibung, Erinnerungskultur, Kanzleipraxis, höfische Kommunikation und literarische Selbstdarstellung zugleich waren. Ibn ʿAbd aẓ-Ẓāhir und Šāfiʿ b. ʿAlī ordneten die chaotischen Ereignisse einer Regierungszeit zu kohärenten Erzählungen, integrierten darin offizielle Dokumente, Gedichte und rhetorische Kunststücke und schufen so ein Bild idealer oder zumindest erinnerungswürdiger Herrschaft. Gleichzeitig machten sie ihre eigene Rolle als Schreiber sichtbar.
Stephan Conermann