Francesca Vera Romano: Magia, Stregoneria e "superstizione" nel Viceregno di Napoli. Le diocesi di Melfi, Tricarico e Vieste tra Cinquecento e Settecento (= Biblioteca di Cultura; 771), Rom: Bulzoni 2025, 280 S., ISBN 978-88-6897-356-8, EUR 22,00
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Wer Schmerzen hat, sucht Linderung, wen Sorgen quälen, der sucht Hilfe. So erging es auch Antonio Sebastiano Rocco 1726, der, seit Monaten von Schmerzen in den Knien gepeinigt, sich an einen Heiler namens Giuseppe Egidio wandte, der ihn durch Handauflegen und Beten für 18 Tage geheilt sein ließ. (220f.) Sind die Nutztiere krank, die die eigene Lebensgrundlage darstellen, besteht ein ähnlicher Wunsch. Dieser veranlasste Pietro Mele, sich 1581 an den Priester Don Antonio Mandina zu wenden, damit dieser mit Hilfe eines Amuletts die Kühe und Schweine heilte. Große und kleine Sorgen des Alltags bis hin zu Notlagen sind es, die Menschen in der Vormoderne veranlassten, übernatürliche Kräfte im weitesten Sinne zu adressieren.
Francesca Vera Romano lässt uns eintauchen in die Welt der Alltagsmagie im süd-östlichen Italien, genauer gesagt in die Situation in den Diözesen Melfi, Tricarico und Vieste im 16.-18. Jahrhundert. Sie stellt uns Beispiele für angewandte Magie vor, auf die sie in den dortigen Archiven gestoßen ist. Wenn auch die Quantität der Dokumente eher gering ist, so ist es doch keinesfalls der aus ihnen zu ziehende Erkenntnisgewinn, der sich im Geiste des Neapolitanischen Ethnologen Ernesto De Martino sieht. Dieser ging mit seinen Untersuchungen bereits in der Mitte des 20. Jahrhunderts der Frage nach, warum vorchristliche und christliche Traditionen und Praktiken lange harmonisch nebeneinander existierten. Seine Beobachtungen beschrieb er für die ländlichen Gebiete der Lucania und Apuliens - mitten im 20. Jahrhundert, einer Zeit, in der Italien eigentlich starke Modernisierungszüge aufwies. (13)
Bevor Romano sich jedoch den konkreten Fällen frühneuzeitlicher Alltagsmagie zuwendet, erklärt sie die Begriffe "Magie" und "superstizione", deren Wurzeln und den Gelehrtendiskurs im Laufe der Jahrhunderte. Sie folgt dem Konzept der "Superstitio" auf historischen Spuren zunächst bei den Römern bis zur Spätantike und von der Dialektik religio/superstitio bei Cicero, den ersten Christen und Tertullian über das Edikt von Mailand 313 bis zum Codex Theodosianus und schließlich dem hl. Augustinus.
Was unter "Superstitio" verstanden wurde, änderte sich im Laufe der Zeit und war maßgeblich vom Blick derjenigen abhängig, die sich zu dem Zeitpunkt in einer Machtposition befanden und der dementsprechend vorherrschenden Religion (35); "Fehler im Glauben und in der Glaubensausübung" (40) dürfte jedoch der rote Faden sein, der sich durch die Definitionen zieht. Bei Augustinus wurde aus den "superstitiones" ein Verstoß gegen das 1. Gebot, eine Sichtweise, die in ihrer Radikalität einflussreich blieb in der Traktatliteratur des Mittelalters und der Neuzeit. (41) Die Wurzeln der Magie reichen, so Romano, bis zu den Römern zurück, die im Zusammenhang mit Hexerei und Magie von "il fascinuus" sprachen; doch auch die christliche Dämonologie liefert Ansatzpunkte, indem sie magische Praktiken als Ergebnis eines Teufelspaktes ansah. (14)
Teil 2 widmet sich dem Kampf gegen die "superstizioni" in Italien im Allgemeinen und im Vizekönigreich Neapel im Besonderen, der maßgebend von der Römischen Inquisition, aber auch von bischöflicher Seite bestritten wurde. Die Zahl von historiographischen Studien zur Römischen Inquisition und deren Rolle bei der Verfolgung verbotener Religionsausübung hat in den letzten Jahren zugenommen. Dadurch rückten auch vermehrt die sogenannten "kleinen Delikte" ("cose piccole") in den Vordergrund, also das Äußern vermeintlich ketzerischer Sätze, Verstöße gegen Speisegebote, Zaubereien und Verehrung von als "abergläubisch" Bezeichnetem. (109) Dies ist übrigens ein Trend, der sich in der Forschung zur spanischen Inquisition schon länger beobachten lässt. Die Rolle der Inquisitionstribunale im 17. Jahrhundert in Süditalien, so Romano, ist jedoch weit weniger erforscht als jene im Norden und in Zentralitalien. Noch dünner wird die Wissensbasis, entfernt man sich von den gut dokumentierten Inquisitions- und Diözesantribunalen in Neapel hin zur Peripherie: In Akten, die zu den Diözesen im Salento, der Lucania und der Capitanata, in Bitonto und Sarno (110f.) gehören, wird deutlich, dass der inquisitorische Einfluss als begrenzt und sporadisch zu bezeichnen ist.
Teil 3 des vorliegenden Bandes nun umfasst Fallstudien aus Melfi, Tricarico und Vieste, dem geographischen Schwerpunkt, die etwa die Hälfte des Bandes einnehmen - eine quantitative Wertung, die sinnvoll erscheint, gewähren die Beispiele doch profunde Einblicke in den frühneuzeitlichen Alltag. Davon stammen acht Fallstudien aus Melfi, zwei aus Tricarico und vier aus Vieste. Nach allerlei Ausführungen zu den Aktivitäten der Institutionen stellt uns Francesca Romano hier Fallstudien aus allen drei betrachteten Diözesen vor. Dazu gehört etwa eine 1581 gefundene verbotene Schrift, hinter der sich ein Amulett aus Papierstreifen verbarg, auf dem eine Gebetsformel geschrieben stand. Die Ausführung dieser Art von magischen Schriften war häufig die Sachen von Angehörigen des niederen Klerus, die als Bindeglied mit Kontakt zum Göttlichen angesehen wurden. (127-132) Vorliegend ist dies der Dompfarrer Don Antonio Mandina, der vor dem bischöflichen Gericht von Melfi angeklagt wurde, das eingangs genannte Amulett, das der sogenannten Schriftmagie zuzurechnen ist, benutzt zu haben. Es wurde aus Streifen von Papier oder ähnlichem geformt, auf dem eine Gebetsformel geschrieben wurde. Die Wurzeln dieser magischen Praktik reichen bis in die frühchristliche Zeit zurück, als als Amulett ein kleines Behältnis bezeichnet wurde, in dem Reliquien oder Schrifttexte aufbewahrt wurden, um Schutz zu generieren. Damit erinnert es an die jüdische Tradition des Tefillin (Gebetsriemen) und jener hellenistischen der Phylacteria, einem Behälter für magische Schutzmittel. Wirksamkeit erreichte es, so die Vorstellung, gemeinsam mit Elementen aus der christlichen Liturgie wie Weihwasser, Kerzen und Weihrauch. (129f.) In praktischer Anwendung konnte das Amulett der Heilung dienen - sowohl von Menschen als auch von Tieren, wie wir am Beispiel des angeklagten Don Antonio Mandina sehen, der es auf Bitten des Pietro Mele benutzt hatte, um dessen kranke Kühe, Schafe und Schweine zu heilen.
Heilen und Heilung war überhaupt ein Dauerthema in einer Gesellschaft, die ärztliche Versorgung so gut wie vollständig entbehrte. Doch nicht immer waren Heilende angesehen. So zeigte sich im Verlaufe eines Prozesses, der 1675-1679 in Vieste stattfand, wie aus einem bewährten Heiler jemand werden konnte, der der Hexerei und des Schadenszaubers angeklagt wurde. (233-244)
Francesca Vera Romana ist eine Studie gelungen, die uns Magie nicht nur als Alltagsphänomen der vormodernen Menschen näherbringt, sondern ihre Notwendigkeit als Bewältigungsstrategie in schwierigen und bedrohlichen Situationen erklärt. Das an diesem Themenkomplex ungebrochene und anhaltende Interesse der internationalen geschichtswissenschaftlichen Forschung zeigte nicht zuletzt auch die 5. Inquire-Conference, die im September 2025 in Bologna stattfand. [1]
Magie fand statt, dies nimmt man aus der Lektüre mit, sie war kein Nischenphänomen, sondern wichtiger, wenn auch verbotener Bestandteil vormoderner Lebenswirklichkeiten, die wir dank Romanos Studie für Melfi, Tricarico und Vieste besser kennenlernen durften.
Anmerkung:
[1] Sacred Fire. Inquisitions, Capital Punishment and Rites of Justice (13th-15th centuries). 5th Annual Conference of the International Centre for Research on Inquisitions, Bologna, 18-19 Sept 2025.
Monika Frohnapfel-Leis