Rezension über:

Tilman Wickert: "Kampf um die Köpfe". Das Amt für gesamtdeutsche Studentenfragen (AGSF) und die hochschulpolitische Kultur des Kalten Krieges (1949-1963) (= Diktatur und Demokratie im 20. Jahrhundert), Berlin: BeBra Verlag 2025, 303 S., ISBN 978-3-95410-343-0, EUR 42,00
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Rezension von:
Stefan Donth
Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Dierk Hoffmann / Hermann Wentker im Auftrag der Redaktion der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte
Empfohlene Zitierweise:
Stefan Donth: Rezension von: Tilman Wickert: "Kampf um die Köpfe". Das Amt für gesamtdeutsche Studentenfragen (AGSF) und die hochschulpolitische Kultur des Kalten Krieges (1949-1963), Berlin: BeBra Verlag 2025, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 10 [15.10.2026], URL: https://www.sehepunkte.de
/2026/10/40637.html


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Tilman Wickert: "Kampf um die Köpfe"

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Der Elitenwechsel und der damit verbundene Aufstieg neuer Trägerschichten der Herrschaft der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) gehörten zu den wichtigsten Mitteln, um nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in der Sowjetischen Besatzungszone beziehungsweise der DDR die kommunistische Diktatur durchzusetzen. Als die Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) und die SED begannen, eine nichtbürgerliche akademische Intelligenz aufzubauen, widersetzten sich zahlreiche Studierende dieser Politik. Tilman Wickert untersucht diesen Widerstand am Beispiel des Amts für gesamtdeutsche Studentenfragen (AGSF), einer weitgehend vergessenen Organisation.

Zunächst änderten SMAD und SED die Zugangsregeln zum Hochschulstudium, um mehr jungen Menschen aus nichtakademischen Elternhäusern einen Universitätsbesuch zu ermöglichen. Dabei ging es nicht nur um eine größere soziale Durchlässigkeit, sondern in erster Linie um politische Zuverlässigkeit. Dieser Prozess vollzog sich bis in die 1950er Jahre hinein. An den meisten Hochschulen sah sich die SED einer oppositionellen Mehrheit der Studierenden gegenüber. Gerade in den - anfangs noch freien - studentischen Selbstverwaltungen verfügten die noch nicht gleichgeschalteten bürgerlichen Parteien Christlich-Demokratische Union und Liberal-Demokratische Partei über einen starken Rückhalt, weil sie sich für demokratisch legitimierte Vertretungen einsetzten.

Die endgültige Gleichschaltung der Studentenräte Ende 1948 und die Gründung der Freien Universität Berlin (FU) bildeten eine Zäsur: Die oppositionelle Studentenschaft verlegte ihre Institutionen gezielt in die Westsektoren Berlins an, um sie dem Zugriff von SMAD und SED zu entziehen. Dazu gehörten der Verband Deutscher Studentenschaft und das Referat Ost, das bald in Amt für gesamtdeutsche Studentenfragen umbenannt und an der FU angesiedelt wurde.

Der Austausch von Nachrichten und die schwierige Kontaktpflege zu den Studierenden in der DDR hatten ab 1949 Priorität. Dazu initiierte das AGSF neben bundesweiten Spendensammlungen auch eine regelmäßige Berichterstattung über die Lage an den Universitäten in der DDR. Erleichtert wurde die Arbeit durch den antikommunistischen Konsens in großen Teilen der Studentenschaft. Breiten Raum nahmen die Betreuung und Unterstützung der zahlreichen geflüchteten Studenten ein, die im Westteil Berlins ihr Studium fortsetzen wollten. Dies war schwierig, da die Alliierte Kommandantur im März 1949 eine Obergrenze für Zuzugsgenehmigungen für anerkannte politische Flüchtlinge eingeführt und damit auf die Wohnungsnot in der kriegsbedingt weitgehend zerstörten Stadt reagiert hatte.

Doch wenn das AGSF mehr sein wollte als nur eine Unterstützungsstelle für Flüchtlinge, sondern, ähnlich den Ostbüros der Parteien, auch mit deutschlandpolitischen Akzenten hervortreten wollte, dann musste die Organisation ihren Aktionsradius von Berlin aus nicht nur auf die gesamte DDR, sondern auch auf das Bundesgebiet ausdehnen. Zudem galt es, die verbandsinterne Stellung zu stärken sowie staatliche und nichtstaatliche Unterstützer und Finanzierungsquellen erschließen.

Zu den interessantesten Teilen der Studie gehört die Untersuchung der Geldströme, die dem AGSF zuflossen. Dessen Finanzierung wies in den 1950er Jahren eine hohe Staatsquote auf. Der Löwenanteil der Mittel stammte aus dem Haushalt des Bundesministeriums für gesamtdeutsche Fragen. Doch auch das Bundesamt für Verfassungsschutz stellte Gelder zur Verfügung. Damit ermöglichte der Bund eine deutliche Ausweitung der Aktivitäten: Das AGSF konnte nun nicht nur eigene Publikationen zur Lage im Machtbereich der SED herausgeben und dort zur Aufklärung über geheime Kanäle verteilen. Mitarbeitende der Organisation befragten auch eine immer größere Zahl von Studierenden und Flüchtlingen über ihre Repressionserfahrungen in der DDR. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse flossen in die Überprüfungen ein, die im Rahmen der Bundesnotaufnahmeverfahren stattfanden. Zudem versuchte die Organisation, sich nicht nur kommunistischer Unterwanderungsversuche zu erwehren, sondern auch gegen rechtsextremistische Umtriebe zu schützen.

Auch "amerikanische Förderer" (82) unterstützten das AGSF mit hohen Geldbeträgen. Diese durften zwar nicht für die Flüchtlingsbetreuung verwendet werden, ermöglichten es dem AGSF aber, die Aktivitäten auf anderen Gebieten auszubauen. Als Gegenleistung erwarteten die amerikanischen Dienste, dass das AGSF detaillierte Informationen über die Lage an den DDR-Hochschulen beschaffte. Die von einem großen Kuriernetz übermittelten Erkenntnisse waren von hohem nachrichtendienstlichem Wert. Doch Streitereien innerhalb des AGSF führten schließlich Ende 1955 dazu, dass sich die US-Seite aus der Finanzierung zurückzog.

Es waren vielschichtige Motive, die junge Menschen bewogen, mit dem AGSF zusammenzuarbeiten. Wickert belegt schlüssig eine "Dominanz der ideellen Motivation" (143). Seine fundierten Forschungen unterstreichen, dass sich viele Studierende in erster Linie eben nicht aus materiellen Gründen, sondern vielmehr aufgrund ihrer antikommunistischen Überzeugung in den Dienst des AGSF stellten.

Das Engagement war mit einem hohen Risiko verbunden, weil die Organisation früh in den Fokus sowjetischer Sicherheitsorgane und des Ministeriums für Staatssicherheit geriet. Der große geheimpolizeiliche Aufwand zeigt, dass die SED im AGSF eine Gefahr für die Stabilität ihrer Herrschaft sah.

Der Bau der Berliner Mauer im August 1961 trennte das AGSF von den Studierenden in der DDR. Es wurde immer schwieriger und gefährlicher, Kontakte zu halten und Informationen zu übermitteln. Hinzu kam der bröckelnde antikommunistische Konsens an den westdeutschen Universitäten. Beide Entwicklungen führten 1963 schließlich zur Abwicklung der Organisation.

Wickert stützt sich in seiner wichtigen Arbeit auf eine breite Quellengrundlage: Das AGSF gehörte, wie der Autor überzeugend nachweist, ebenso wie die Ostbüros von CDU, FDP und SPD und die Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit zu den mittelgroßen Organisationen, die während der Frühphase des Kalten Kriegs in Berlin mit Erfolg gegen die DDR agierten. Dem Autor gelingt es, am Beispiel dieser Organisation einen oft unterschätzten Aspekt des studentischen Widerstands gegen die SED-Herrschaft herauszuarbeiten, und regt damit zu weiteren Forschungen zur Repressionsgeschichte der zweiten deutschen Diktatur an.

Stefan Donth