Alessandro Palazzo / Francesca Bonini / Amalia Cerrito (eds.): Medieval Debates on Foreknowledge. Future Contingents, Prophecy, and Divination. Acts of the XXVII Annual Colloquium of the SIEPM, Trento 12-15 September 2023 (= Rencontres de Philosophie Médiévale; Vol. 31), Turnhout: Brepols 2026, XX + 564 S., ISBN 978-2-503-61981-1, EUR 85,00
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Tertullian: Adversus Iudaeos. Gegen die Juden. Übersetzt und eingeleitet von Regina Hauses, Turnhout: Brepols 2007
Peter Geiss / Peter Arnold Heuser / Michael Rohrschneider (Hgg.): Christen und Muslime in Mittelalter und Frühneuzeit. Ein Schlüsselthema des Geschichtsunterrichts im transepochalen Fokus, Göttingen: V&R unipress 2022
Rolf-Joachim Erler (Hg.): Karl Barth. Gesamtausgabe. Karl Barth - Charlotte von Kirschbaum. Briefwechsel. Bd. I. 1925-1935, Zürich: TVZ 2008
Der vorliegende Sammelband geht - wie der Titel verrät - auf die 27. Jahrestagung der SIEPM, der internationalen Vereinigung der philosophischen Mediävistik, zurück, wurde für den Druck jedoch um zusätzlich eingeworbene Beiträge erweitert. Die insgesamt 26 Artikel in drei Sprachen (überwiegend englisch, je drei auf Italienisch bzw. Französisch abgefasst) sind in drei sehr unterschiedlich umfangreiche Teile gegliedert, die von einer knappen Einleitung von zwei der drei Herausgeber sowie Indices gerahmt sind.
Der erste und mit elf Beiträgen umfangreichste Teil ist mittelalterlichen Lehren und Debatten über Zukunftskontingenzen, Vorsehung und Freiheit gewidmet. Enrico Moro analysiert Augustin, De libero arbitrio II,3,6-8, vor dem Hintergrund, ob göttliche Vorsehung und freier Wille vereinbar seien. Pasquale Porro untersucht Boethius, Consolatio philosophiae V, und stellt den Philosophen als einen Gründer eines christlichen Kompatibilismus dar. Marcia L. Colish (1937-2024) stellt in einem posthum veröffentlichten Beitrag Anselms Boethius dar: Er sei einerseits verkürzt v.a. hinsichtlich epistemologischer Fragen, aber andererseits erweitert hinsichtlich des Umgangs mit der Problematik der Armut der Sprache, wenn es um darum gehe, philosophische Beziehungen adäquat auszudrücken. Besonders zu der Frage, inwieweit der freie Wille intentional geleitet auf etwas gerichtet werde, sei Anselms Abhängigkeit von Boethius bislang jedoch unterschätzt. Josep Puig Montada nimmt sich Aristoteles' Schrift Peri hermeneias (Cap. 9) und deren arabische Übersetzung durch Ishāq ibn Hunayn vor. In einem philologischen Vergleich stellt er die Schwierigkeiten der Übersetzung dar, deren Probleme er insbesondere auf die Unterschiede in den Zeitformen von Ausgangs- und Zielsprache sowie den geringen Bedeutungsvarianzen im Arabischen zurückführt. Dennoch sei die Übersetzung verlässlich. Terence J. Kleven widmet sich dem Kommentar Al-Fārābīs zu dem gleichen Text und stellt heraus, wie jener hier die Grundlagen seiner negativen Theologie erarbeitet.
Ginevra Tozzi analysiert Al-Fārābīs und Avicennas Kommentare zur aristotelischen Schrift De interpretatione 9. Sie zeigt, dass Al-Fārābī sich noch ganz auf der Bahn der antiken Aristoteles-Kommentare bewegt und dabei eine Ausweitung der aristotelischen Vorstellung von Determinismus sowie theologischen Motiven (göttliches Wissen und Theodizee) vornehme, wohingegen Avicenna einen unabhängigen und v.a. weniger theologischen Zugang wählt. Er stärke stattdessen Logik und Sprachphilosophie. Martha Beullens untersucht Albertus Magnus' Werke hinsichtlich der Frage, ob zukünftige Kontingenzen vorhersehbar seien (sie seien es nur vermittelst Konjektur). Riccardo Fedriga und Costantino Marmo wenden sich in einem italienischsprachigen Gemeinschaftsartikel Radulfus Brito, insbesondere den Quaestiones super De interpretatione, q. 16, zu. Amos Corbini untersucht Polemiken die Zukunft betreffend von Hugolin von Orvieto. Peter Hartman dagegen schaut mit Durandus von St.-Pourçain und Petrus von Palude zurück auf die Gegenwart der Vergangenheit und fragt nach der Möglichkeit, sich Vergangenheit in die Gegenwart zu holen. Gonzalo Tinajeros Arce nimmt den frühneuzeitlichen Denker Juan de Solorzano Pereira in den Blick, aus dessen Buch De Indiarum iure Teile von der Zensur abgelehnt wurden, weil sie in der Zukunft politische Probleme auslösen könnten. [1]
Die sechs Artikel des zweiten Teils sind Fragen der Profetie gewidmet. In einem gründlichen philologischen Beitrag zeigt Meryem Sebti die Bedeutungsvarianzen von ta'bīr (Interpretation) und ta'wīl (Exegese) offenbarter Texte in philosophischen Texten auf. Germano Gorga erläutert, dass Avicennas Ablehnung der Astrologie metaphysisch begründet sei; zwar gebe es einen Einfluss der himmlischen Bewegungen auf menschliches Handeln, aber nur so bleibe das Handeln Gottes souverän. Ying Zhang fragt, ob für Maimonides der biblische Mose der perfekte Profet und wie der Status Abrahams sei und kommt zu der diskutablen Schlussfolgerung, dass für den Philosophen Mose der perfekte Gesetzgeber schlechthin, aber Abraham näher an der höchsten "human perfection" sei, weil er spekulative Wahrheiten über eigenes Nachdenken erlange. Anna Rodolfi stellt anhand verschiedener lateinischer Autoren des 13. Jahrhunderts dar, dass für diese ein Profet kein Engel, aber auch kein Engel ein Profet sein könne. Andrea Colli fokussiert auf Albertus Magnus' Verständnis von Profetie und Eschatologie in neutestamentlichen Texten: Ihm zufolge steht als revolutionäre Ansicht, dass eine kleine Gruppe kontemplativer Mönche die Hierarchie des Klerus überleben werde. Paul Clarke zeigt Gemeinsamkeiten und - graduelle - Unterschiede in der jeweiligen Auffassung von Profetie bei Thomas von Aquin und Petrus Johannes Olivi, die beide Profetie nicht als Habitus im aristotelischen Sinne, sondern als ethischen Vollzug betrachten, der über eine "Erfüllung" in Jesus Christus hinausweise.
Der dritte Teil umfasst neun Beiträge zur Prognostik und zur Divination. Eröffnet wird dieser Teil mit einem Beitrag von Charles Burnett, der eine Analyse der lateinischen Übertragung eines arabischen pseudo-ptolemäischen Aphorismus als Grundlage für Zukunftsvorhersagungen vorlegt; ergänzt wird der Artikel durch eine Auswahltextedition samt englischer Übertragung aus Michael Scotus' Liber introductoris. Giulio Navarra gibt einen Überblick über die Rezeption der im Original verlorenen Schrift De providentia von Alexander von Aphrodisias im Übersetzerkreis von al-Kindī und der späteren lateinischen Tradition. Barbora Kocánová zeigt an Beispielen aus der Literatur des 13. und 14. Jahrhunderts, wie Methoden für Wettervorhersagen in astronomische Werke eingebunden wurden. Alessandro Palazzo widmet sich im mit Abstand längsten Beitrag des Sammelbandes (36 Seiten!) den frühesten lateinischen Traditionen der Geomantik und ihrer eher fluiden Rezeption in mittelalterlichen Sammelhandschriften. Roberto Limonta wendet sich Augustins Schrift De divinatione daemonum zu: Die Dämonen verbinden ihre Fähigkeit zur Vorhersage mit Lügen. Jens Ole Schmitt stellt dar, wie der syrisch-orthodoxe Barhebraeus aus physiognomischen Auffälligkeiten Zukunftsvorhersagen ableitete. Anna Gili beleuchtet den Stellenwert der Prognostik in al-Mağūsīs medizinischer Schrift Kitāb al-Malakī von 977/8. Mario Loconsole untersucht die Differentia 157 aus Pietro d'Abanos Conciliator zur Frage, inwieweit Träume eine Hilfe bei der Behandlung von Krankheiten sein können (u.U. können sie). Vesa Hirvonen breitet das Spektrum der besonderen Fähigkeiten "Verrückter" aus der Sicht von Nicolaus Oresme aus.
Ein Handschriften- und ein Namenindex beschließen den Band.
Das Herkommen aus einer Jahrestagung der SIEPM mit einem offenen Call for Papers bedingt, dass die - je für sich sorgfältig gearbeiteten - Beiträge eher unverbunden nebeneinander stehen. Dennoch fällt das Ungleichgewicht der einzelnen Teile und auch die sehr unterschiedliche Länge der einzelnen Aufsätze auf. Redaktionell hätte stärkeres Gewicht auf eine Vereinheitlichung sowohl der Darstellung (mal werden Übersetzungen der Quellentexte gegeben, dann wieder nicht; Namen in Kapitelüberschriften werden unterschiedlich geschrieben) und der (englischen) Orthografie (Wechsel zwischen British und American English, z.T. in einem Artikel) gelegt werden können. Abgesehen davon ist der Band recht gut redigiert. [2]
Den Wert der einzelnen Beiträge mindert das nicht, wohl aber den Eindruck vom Buch als Ganzem.
Anmerkungen:
[1] Was dieser höchst interessante Artikel in einem philosophischen Sammelband zu suchen hat, wird allerdings nicht so recht deutlich.
[2] Redaktionelle Kleinigkeiten wären zu benennen: S. 107; 117 u.ö. keine Vornamen von Autorinnen und Autoren; im gleichen Beitrag konsequente Schreibung von "Fārābī" statt "al-Fārābī", anders als im sonstigen Band. - S. 242 fehlen Kursivierungen trotz der Ankündigung in Anm. 9; S. 246 "Parva Naturalia" statt "Parva Narturalia"; S. 296: Kursivierung fehlt.
Görge K. Hasselhoff